Exportbier : Man trinkt wieder Heimat

Ein Bier aus Baden hat es fast ohne Reklame bis in die Bars der Großstädte geschafft

Birgit ist Etikett-Ikone und verdankt ihren Namen dem Spruch "Bier gibt (auf alemannisch: git) Kraft". Sie ist das immerjunge Gesicht der Badischen Staatsbrauerei Rothaus, jener 1791 gegründeten Brauerei im Hochschwarzwald, die zum Produzenten eines nun auch außerhalb Badens ziemlich populären Getränks avanciert ist. Wie populär, zeigen die verkauften Hektoliter: Vergangenes Jahr waren es weit über 900000, dreimal so viel wie vor zwölf Jahren.

Darüber kann man sich wundern, insbesondere, weil das in Großstadt-Bars besonders beliebte Rothaus-Flaschenbier den Namen Tannenzäpfle trägt. Das klingt nicht cool – und genau das ist wahrscheinlich sein Erfolgsgeheimnis. "Zum Megatrend Globalismus gehört der Gegentrend Regionalismus, die Sehnsucht nach einem überschaubaren Raum", sagt Brauereichef Norbert Nothelfer und schwärmt mit gemäßigtem badischem Akzent von der "Weltmarke Schwarzwald". Sollen andere ans Fernweh appellieren, soll Beck’s in der Werbung mit einem Segelschiff auffahren – "Sail away" ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Rothaus verkörpert. "Wir stehen für Geborgenheit", sagt Nothelfer. Stay home. Den Sound dazu gibt’s in der Warteschleife der Brauerei-Telefonanlage: Blasmusik mit Chorgesang, das Badnerlied. Die entsprechende Fernsehreklame möchte man sich lieber nicht vorstellen. Da scheint es schlau, dass Rothaus auf Werbung in großem Stil verzichtet.

Rothaus drängt sich nicht auf. So erzählen die Kneipenwirte, dass sie der Brauerei Werbematerial abschwatzen müssten. Wenn man den Berliner Getränkegroßhändler Angelo Ambrosetti fragt, warum die Marke auf einmal so populär ist, reagiert er gekränkt: "Na, so plötzlich war das ja nicht, wir haben ganz schön geholfen." Vor 20 Jahren lernte er Tannenzäpfle im Urlaub schätzen und beschloss, es nach Berlin zu importieren. "Der Ort Rothaus ist ja unglaublich weit weg von jeder Autobahnverbindung. Da musstest du erst mal einen Lieferanten finden, der da hinfährt. Die paar Kästen, die der dann mitbrachte, standen manchmal bis zum Verfallsdatum im Laden." Vor zehn Jahren nahm die erste Kreuzberger Bar das Bier ins Angebot, Exil-Baden-Württemberger feierten dort Wiedersehen mit ihrem Heimatgetränk. "Die sind hier ja nach den Türken die zweitgrößte ethnische Minderheit", sagt Ambrosetti.

Inzwischen kann man im Berliner Nachtleben junge Leute mit norddeutschem Akzent Tannenzäpfle bestellen hören. Sie stehen und sitzen in Läden namens Bergstübl oder Schwarzwaldstuben und üben sich in leicht ironischer Deutschtümelei. Das Etikett mit Birgits Bild finden sie "so schlimm, dass es wieder gut ist", und das Bier sei "nicht so bitter wie Jever". Kaum mehr vorstellbar, dass die Bargäste einst mit mexikanischem Sol freudig Weltläufigkeit demonstrierten.

Heute ordert der Getränkegroßhändler Ambrosetti jeden Monat einen ganzen Lkw in Rothaus, der dann nach Berlin rumpelt. Längst ist er nicht mehr der einzige Importeur. Die Brauerei lebt gut von ihren neuen Fans. So gut, dass sie ihren 200 Mitarbeitern schon mal 15 Monatsgehälter zahlt.

Was die meisten Rothaustrinker in den fernen Großstädten nicht wissen dürften: Mit jedem Schluck Tannenzäpfle bereichern sie das Land Baden-Württemberg. Die Staatsbrauerei Rothaus ist eine hundertprozentige Landestochter. Es gibt übrigens noch ein anderes uriges Modebier. Augustiner aus Bayern, das Helle mit dem Mönch auf dem Etikett, Birgits Bruder sozusagen. Auch ihm kann man neuerdings in Berliner Bars begegnen – und bestimmt bald im Klamottenladen.