Die dicke Post umfasste 500 Seiten "Beweismaterial". 16 Wissenschaftler der Universität Konstanz erhoben darin im Frühjahr 2003 schwere Vorwürfe gegen den Lehrstuhlinhaber Axel Meyer. Der Evolutionsbiologe soll manipuliert, plagiiert, geistiges Eigentum verletzt, Autorenrechte missachtet, Forschungsgelder zweckentfremdet, irreführende Stellenausschreibungen veröffentlicht und Mitarbeiter bedroht oder behindert haben.

In Konstanz schrillten die Alarmglocken. War doch die Uni erst im Jahr zuvor in die Schlagzeilen geraten. Damals wurde der Physiker Jan Hendrik Schön, der in Konstanz studiert hatte, in den Bell-Laboratorien in den USA spektakulärer Manipulationen überführt (ZEIT Nr. 41/02). Vom größten Fälschungsskandal der Physik war die Rede. Und die Konstanzer Professoren mussten sich die kritische Frage gefallen lassen, ob sie dem Studenten Schön früher auch genau genug auf die Finger gesehen hatten.

Kein Wunder, dass sich die Universität seither um ihren Ruf sorgt. So hat sie inzwischen Jan Hendrik Schön den Doktortitel entzogen – der Physiker habe sich durch sein späteres Verhalten des akademischen Grades als unwürdig erwiesen.

Auch im Fall Meyer ging die Universität mit aller Strenge vor. Der Bericht der Kommission Verantwortung in der Wissenschaft, der nun vorliegt, lässt an starken Worten nichts zu wünschen übrig. Zwar wird Meyer von den schlimmsten Anschuldigungen entlastet: Der Evolutionsbiologe habe weder Ergebnisse gefälscht noch Mittel zweckentfremdet. Dennoch wird ihm "wissenschaftliches Fehlverhalten" und "Verletzung geistigen Eigentums" vorgeworfen – was, wenn es denn stimmt, reicht, um Meyers Ruf zu ruinieren.

So kritisiert die Kommission, dass der Forscher "in dem (erfolgreichen) Bestreben … zur Spitzengruppe auf seinem Fachgebiet zu zählen, relevante persönliche Belange seiner Mitarbeiter zum Teil allzusehr zurückgestellt hat". Vom Zusammenbruch eines Doktoranden ist die Rede oder von der "Erwartung des Chefs, über das Verhalten anderer Mitarbeiter denunziatorisch informiert" zu werden. "Derartige Vorfälle in ihrer Häufung", hält die Kommission "für nicht hinnehmbar".

Offensichtlich weht in Meyers Labor – wohl das, was in der aktuellen Diskussion unter Elite verstanden wird – ein Wind, der Zartbesaiteten kräftigen Schnupfen beschert. So strich er Mitarbeiter, deren Anteil an einem Projekt er als gering beurteilte, kurzerhand von der Autorenliste. Zum resoluten Stil passt auch, dass der Forscher die Vorwürfe samt und sonders als "Bagatellen" abtut. Damit liegt er nicht immer richtig. So hatte er in einem Gutachten die "eklatante Nichtleistung" einer Mitarbeiterin gegeißelt – sich über die Zahl ihrer Publikationen aber nicht richtig informiert.

Einen üblen Nachgeschmack hinterlässt ebenfalls der Bericht der Kommission unter Vorsitz des Juristen Dieter Lorenz. Das beginnt bei seiner schludrigen Wortwahl. (Der Begriff "geistiges Eigentum" sei hier "nicht als Rechtsbegriff gemeint", behauptet der Jurist Lorenz.) Auch muss die Kommission einräumen, dass sie mit keinem Einzigen der 16 Beschwerdeträger geredet hat. Offenbar hat man manche Beschuldigung ungeprüft übernommen. Geht man diesen nach, erweisen sie sich als merkwürdig vage, wenig belegt und zum Teil sogar haltlos. So fällt etwa der Vorwurf, Meyer habe mit einer Stellenausschreibung für einen assistant professor "Irreführung von Interessenten" betrieben, auf die Universität selbst zurück. Solche (praxisüblichen) Ausschreibungen waren von der Personalabteilung gebilligt und vom Rektorat unterzeichnet.

Am Ende wird man den Verdacht nicht los, dass der erfolgsverwöhnte Meyer mit seinem rüden Auftreten im vordergründig braven Konstanz so manchem kräftig auf die Füße getreten ist. Dafür wollen ihn nun einige büßen lassen. Mit "wissenschaftlichem Fehlverhalten" à la Jan Hendrik Schön hat dies freilich nichts zu tun.