LUCHS 209 www.heiligenlexikon.de
Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Frank C. Boyce »Millionen«
Der Schutzheilige dieser Besprechung könnte der Hl. Hieronymus im Gehäuse sein. Für Damian Cunningham, fünfte Klasse, gibt es nämlich kaum ein Ereignis, das ohne Schutzheiligen vorstellbar ist. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Anthony, sechste Klasse, der nur in Pfundnoten denken kann, bevorzugt in Immobilienterminologie – »Trotz Randlage des Objekts könnte diese Besprechung den Wert des Buches halten, wenn nicht gar steigern«. So etwa.
Aus Damian sprudeln die Heiligen wie Wasser hervor, Sankt Rochus mit der Pest oder Katharina, die man auf einem Holzrad zerquetschte, oder Sexburga von Ely, und immer hat er zum Schrecken aller Lehrer und Mitschüler Geburts- und Todesdatum (in Klammern) parat, mit einem Wort: Er nervt. Dabei will er doch nur »herausragend« sein, um seinem Vater eine Freude zu machen, damit der nicht auch noch verschwindet, wie ihre tote Mutter, die nun an »einem besseren Ort« ist. Zwischen diesen beiden Polen schwankt der höchst vergnügliche Erstlingsroman des englischen Drehbuchautors Frank Cottrell Boyce, zwischen der komischen Unverhältnismäßigkeit der Mittel und dem Schmerz über den Tod. Es könnte tieftraurig sein und ist stattdessen furchtbar schräg. Wird den beiden Brüdern irgendetwas abgeschlagen oder geraten sie in Schwierigkeiten, spricht Anthony regelmäßig die Geheimformel – »Unsere Mutter ist tot« – und schon bekommen sie, was sie wollen.
Unter »totallysaints.com« (im Deutschen: www.heiligenlexikon.de) frischt Damian täglich seine Kenntnisse auf, während Anthony angesichts der kommenden Euro-Umstellung am 17. Dezember monetärphilosophische Überlegungen zur Geldvernichtung anstellt, da beschert ein unverhofftes Wunder dem Buch einen zweiten Anfang: Eine Geldtasche mit 229370 Pfund fliegt aus einem Zug mitten aufs Grundstück der Restfamilie. Ein Traum wird wahr, mit kleinen Hindernissen: Wie lässt sich der Fund vor dem (grundehrlichen) Vater verheimlichen und wie – in den verbleibenden 17 Tagen bis zum Euro-Umtausch – ausgeben? Und sie bemühen sich ehrlich. Schon am ersten Tag geben sie 350 Pfund aus, weitere 655 Tage brauchten sie bei dieser Leistung, sie rechnen aus, wie viele „Sky-Patrol-Hubschrauber mit superleicht zu bedienender Fernsteuerung“ man kaufen könnte (3756!), Air-Zookas (22937!), Zuckerwattemaschinen (5736!) oder Gameboys Advance SP (2699!). Es hilft alles nichts, das Geld wird zur „Belastung“, nicht nur rein rechnerisch gesehen, auch weil sie es mit sich tragen müssen, da sich dunkle Gestalten auf ihre Spur heften.
»Mehr im übertragenen Sinn gemeint«, stellt Damian immer häufiger fest und markiert damit den Knackpunkt des Lebens. Wenn die Mutter an einem „besseren Ort“ ist, wenn er den Umzug in ein neues Haus völlig falsch versteht, dann ist vieles nicht so, wie es klingt. Wer dies verstanden hat, mag erwachsen sein. Doch noch ist es nicht so weit, noch glaubt Damian an seine Schutzheiligen, und sie helfen ihm: Als die wahren Besitzer beziehungsweise Aneigner der Geldtasche auftauchen und unfreundlich werden, weil sie die Beute des Zugraubes wiederbekommen wollen, als eine – dem Vater – sehr sympathische Frau an der Schule auftaucht und sich augenfällig für die beiden Jungen und ihre Spendenfreudigkeit zu interessieren beginnt.
Das Schöne an Millionen ist: Es macht nicht reich, aber es hilft, sich beschwingt zu fühlen, ob man das Buch als Abenteuerroman liest, als kleinen Reader über Arm und Reich oder als philosophischen Slapstick über den Kampf der Heiligen gegen Immobilien. So viel trockener Humor war selten. Da verzeiht man dem Buch sogar seinen irreführenden, hässlichen Einband.
Frank Cottrell Boyce: Millionen
Aus dem Englischen von Salah Naoura; Carlsen Verlag, Hamburg 2004; 256 S., 14.– Euro (ab 10 Jahren)
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie kinder-jugendbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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