Roman Erinnerungssplitter, Alltagstrümmer

Rujana Jegers Nachkriegsmosaik »Darkroom« zeigt Europa als Comic: Grotesk, traurig und ausgelassen

Die Kroatin Rujana Jeger ist 1968 geboren, als im Westen die blaue Blume rot wurde und im Osten die Panzer den Frühling beendeten. Wie ihre Landsleute Zoran Ferić und Miljenko Jergović, die in der ethnisch fragmentierten Heimat weiterleben und -schreiben, war sie gerade erwachsen, als der jugoslawische Staat in blutigen Schüben auseinander brach. Aufgewachsen mit den Utopien von Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll, die nach Titos Tod in die realsozialistischen Lebensverhältnisse einsickerten, und mit der Wende dann endgültig in die realkapitalistische Konsumgesellschaft katapultiert, musste diese Generation erfahren, wie der Krieg das mühsam neu zusammengesetzte Weltbild ein weiteres Mal zersplitterte. Ihr Leben liegt in bunten Scherben, gespiegelt in einer postmodernen, aber keineswegs verspäteten Literatur, grotesk, traurig und ausgelassen.

Nirgendwo wird das so deutlich wie in Rujana Jegers im Jahr 2001 veröffentlichten und nun mit brillanter Leichtigkeit ins Deutsche übersetzten Erstling, einem Mosaik aus den Erinnerungssplittern und Alltagstrümmern, die ihre Zusammengehörigkeit nur noch dem Namen nach unter der Bezeichnung Roman behaupten können. Eine in alle Winde verstreute Gruppe von Menschen wird hier noch einmal rund um ein Ich versammelt, das Herkunft und Zukunft, Liebe und Politik, Wunsch und Realität weniger in wilden Assoziationen als vielmehr in winzigen Episoden reflektiert. Morana ist Tochter eines Althippie-Paars, das Vegetarismus, Buddhismus, Akupunktur und Aura-Philosophie praktiziert; der Vater lebt in San Francisco und heiratet jedes Mal eine Jüngere, die Mutter ist auch nicht zum ersten Mal geschieden.

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Es gibt alles, was es seit dem Krieg eigentlich nicht mehr geben darf, und indem es in diesem Buch durcheinander gewürfelt wird, schärft sich die Wahrnehmung dafür, aus welch disparaten Realitätsschnipseln sich der Balkan zusammensetzt. Zusammengesetzt sind nicht nur die Nationalitäten und die Familien, sondern auch die ersten selbst gebauten Zigaretten namens Filter 160 Menthol, die politischen Ideologien, die jugendliche Subkultur, die Kochrezepte und die Geschlechterrollen. Selbst der Krieg ist nur einer der vielen Inhaltsstoffe dieser Mixtur. Wenn einem nach dem Einkauf im benachbarten Österreich plötzlich eine Panzerkolonne auf der Autobahn entgegenrollt, wenn sich der Großvater sorgt, dass der Friedhof bei seinem Begräbnis immer noch nicht von Minen befreit sein wird, dann verwandeln sich die Erinnerungen an den archaischen Zerfall Jugoslawiens in Comicbilder, die Szene für Szene in direkter Nachbarschaft von Kindheitseindrücken, Mittelmeeridyllen, Exilimpressionen und schrägen Schwulengeschichten aufleuchten. »Ich sitze in einem Café und heule. Es ist Krieg, 1992. Kristijan hat eine Zeitungsnotiz ausgeschnitten, die Leute sollen Plastiktüten mit in den Schutzkeller nehmen für ihre Notdurft. Ich heule weiter. Was ist?, fragt Kristijan, willst du in eine Tüte scheißen?«

Rujana Jegers Ton vermeidet die avantgardistische Coolheit, die bisweilen in der jungen osteuropäischen Literatur so bemüht an den Tag gelegt wird, als gälte es, die westlichen Achtziger und Neunziger zu übertreffen. Sie präsentiert keine postmodernen Bruchstücke, sondern entwirft poetische Glossen von zwei Zeilen bis vier Seiten, immer pointiert, aber nie glatt. Vielleicht ist diese Form ein wenig zu journalistisch, zu anekdotisch, vielleicht aber auch die einzige Möglichkeit, von fern an die verlorene Ganzheit und Geschlossenheit zu erinnern. Wer in Europa könnte diese Orientierungslosigkeit deutlicher empfinden als diejenigen, die aus diesem frisch »zerfleischten« Land erzählen? Rujana Jeger hat dafür die Metapher vom Darkroom erfunden, in dem – mit den Worten des Experten Kristijan – keiner weiß, wer wen wie fickt, und der dennoch »zu aufregend [ist], als dass du einfach so rausgehen könntest«. Ich meine, der Ort, der die Essenz dieses Buches noch treffender kennzeichnet, ist eine Einkaufsstraße in Jegers Geburtsstadt Zagreb, die im Schlussbild erscheint: Alles und nichts erinnert an die Zeit der ersten Barbie-Puppen und Walkmen, der ersten Lieben und Kinogänge, und der Lieblingsladen ist zu einem Ramschgeschäft mit Markenimitaten verkommen. Wo die Jungen vor der Zeit alt werden und zurückblicken, wo Heimat nur noch Heimweh bedeutet, da überschneiden sich die Linien von Krieg und Kindheit, Geschichte und Biografie, und da erscheint das ganze Europa – in einem Comic-Kästchen.

Rujana Jeger: Darkroom

Roman; aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert; C. H. Beck Verlag, München 2004; 153 S., 17,90 euro

 
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