Mittelalter »In sînes herzen luften sweben«
Dieter Kühn vollendet sein »Mittelalter-Quartett« und feiert die große Liebe zwischen Tristan und Isolde
Tristan und Isolde, jeder weiß es, sind eines der klassischen Liebespaare der Weltliteratur. Nur wenige Stoffe des Mittelalters haben in ganz Europa – Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Skandinavien, England und in den slawischen Ländern – so viele poetische Metamorphosen und in der Neuzeit ein derart intensives Fortleben erfahren wie die Tristan-Mythe. Jeder ihrer Dichter erhob Anspruch auf die unbedingte Gültigkeit der eigenen Version. Er wisse wohl, sagt Gottfried von Straßburg, dass schon viele von Tristan erzählt haben, aber nur wenige hätten nach seiner Überzeugung authentisch von ihm erzählt: »Ich weiz wol, ir ist vil gewesen, / die von Tristande hânt gelesen; / und ist ir doch niht vil gewesen, / die von im rehte haben gelesen.«
Die Signatur der Liebe Tristans und Isoldes ist der alle Vernunft, alle Normen der Gesellschaft, zumal die Institution der Ehe, durchkreuzende Eros. Wie wenig zimperlich die Liebenden mit Religion, Moral und Recht umgehen, stellt Dieter Kühn mit aller Drastik fest: »Der große Liebende auch als Brutalo, die große Liebende als trickreiche, fintenreiche und, wenn es darauf ankommt, als skrupellose junge Frau.« In Richard Wagners Tristan und Isolde ist die revolutionäre Sprengkraft des alles außer sich selbst vergessenden Eros am exzessivsten zum Ausdruck gelangt. Selbst die moderne Philologie, die sich dieses Stoffs so einlässlich wie kaum eines anderen Gegenstandes der mittelalterlichen Literatur angenommen hat, ist von seiner unerhörten erotischen Anmutung zu poetischen Höhenflügen inspiriert worden, wie der Roman Tristan et Iseut des Mediävisten Joseph Bédier aus dem Jahre 1900 zeigt, der, anders als Wagner, welcher an die hochhöfische Fassung Gottfrieds von Straßburg anknüpft, die noch stärker von der keltischen Herkunft des Stoffs geprägten Versionen Berouls und Eilharts von Oberg (um 1170) zur Basis seiner Neudichtung der alten und doch so neuen Mythe nimmt. Gottfrieds von Straßburg fragmentarisches Epos (1200 bis 1210) ist die repräsentative mittelalterliche Darstellung des Stoffs – zugleich einer der einsamen Gipfel der mittelhochdeutschen Dichtung. Es sollte mehr als ein halbes Jahrtausend dauern, bis die deutsche Poesie wieder solcher Leichtigkeit und Sprachmusikalität fähig wurde wie in Gottfrieds Meisterwerk.
Es ist eine Zeitreise in den Alltag des 13. Jahrhunderts
Dieter Kühn, einer der großen Anverwandler mittelalterlicher Dichtung in unserer Zeit, hat jetzt seine »Trilogie des Mittelalters« – Der Parzival des Wolfram von Eschenbach, Neidhart und das Reuental und Ich Wolkenstein – zur Tetralogie erweitert. Doch nein, so nennt er sein vierteiliges Unternehmen nun nicht mehr, flüchtet aus dem Griechischen ins Lateinische (»Quartett«), da ihm »Tetralogie« wohl zu sehr nach Richard Wagner schmeckt. (Ohnehin gemahnt die Entstehungsgeschichte dieses Vierteilers fatal an die des Wagnerschen Ring- Textes: Hier wie da ist das chronologisch letzte Stück das entstehungsgeschichtlich erste.) Wer sich aber mit einer neuen literarischen Aneignung des Tristan-Stoffs beschäftigt, tut gut daran, jeden Gedanken an Wagner zu verwerfen. So bildet Tristan und Isolde des Gottfried von Straßburg das »dritte Buch« des nun so genannten Mittelalter-Quartetts.
Wieder unternimmt Kühn eine Zeitreise, diesmal ins Straßburg der Gottfried-Zeit, schildert die Alltagswelt des frühen 13. Jahrhunderts, macht uns zu Zeugen von Geschichten, welche sich die Zeitgenossen des Dichters in vielfältigen Brechungen quer durch alle Stände erzählen, und lässt uns die Reise einer jungen Frau verfolgen, die Gottfrieds Tristan an den Fürstenhof von Kraków bringen soll. Auf diese Zeitreise folgt die vollständige Übertragung des Tristan- Romans, Vers für Vers, der Silbenzahl der Vorlage weithin folgend, aber ohne sich dem Reimzwang zu beugen. Reime stellen sich mehr zufällig ein. Kühn wählt einen Übersetzungsweg, der sich zwischen Authentizität und Aktualität hindurchschlängelt. Treue zum mittelalterlichen Wort, auch und gerade, was Gottfrieds Vorliebe für französisches Vokabular betrifft, und Zeitgemäßheit des Ausdrucks sollen sich die Waage halten. Einige Textsequenzen, die ihm zu langatmig erschienen, ein waidmännisches, rechtliches oder literarisches Spezialwissen ausbreiten, das den heutigen Leser ermüden würde, hat Kühn eliminiert, in einem Anhang vom eigentlichen Lesetext getrennt.
Mit Vers 19548 bricht Gottfrieds Versroman ab. Dieter Kühn erzählt deshalb im Anschluss die Fortsetzung von Ulrich von Türheim und Thomas’ französisches Tristan- Fragment in eigenen Worten nach und fügt so wenigstens in der Rekonstruktion das Unvollendete zum Ganzen. In einem den fiktionalen Rahmen nunmehr sprengenden Anhang rechtfertigt Dieter Kühn seine Übersetzungsmaximen und bietet einen eher wissenschaftlichen, biografisch-zeitgeschichtlichen Begleittext zu seiner Übertragung. Im Zuge seiner Legitimation einer nicht gereimten Versübersetzung opponiert er gegen die klassizistische, die Widerborstigkeiten des Gottfried-Verses glättende Ästhetik seines Editors Friedrich Ranke: »Man ging im 19. Jahrhundert und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts davon aus, dass ein Dichter des hohen Mittelalters im Metrum das gleiche Ordnungsdenken gezeigt hat wie ein deutscher Ordinarius.« Man ging davon aus… Diese Floskel, ohne die heute kein Politiker auskommt, wenn er das Wort ergreift, zeigt, dass Kühns Sprache nicht immer frei ist von zeitgeistigem Vokabular, dessen Spuren bisweilen leider bis in seine Übersetzung zu verfolgen sind.
Kein Zweifel, Kühns Rekonstruktion des Tristan ist eine Großtat auf einem schmalen Grat zwischen Dichtung und Wissenschaft, von dem zumindest kleine Abstürze fast unvermeidlich sind. Seine Sachprosa ist ebenso belletristisch gefärbt, wie seine Übersetzungspoesie hin und wieder recht prosaisch wirkt. Zum Vorteil des Übersetzers ist der mittelhochdeutsche Originaltext nicht Bestandteil dieses ohnehin 859 Seiten starken Buches. So sind nur dem Germanisten, der seinen Ranke im Regal hat, Vergleiche möglich. Um gleich mit etwas Gutem anzufangen: Da heißt es von Riwalon, dem Herrscher von Parmenien, er wolle »im Aufwind seines Herzens schweben / und nur nach seinem Willen leben«. Das reimt sich sogar einmal! Im Original heißt es: »in sînes herzen luften sweben / und niwan nach sînem willen leben«. Im Aufwind seines Herzens, das ist schön. Und es zeigt sich, dass die Verse zu klingen beginnen, sobald sie gereimt sind.
Ein anderes nicht weniger schönes Beispiel: Nachdem Tristan und Isolde den Liebestrank genossen haben, heißt es in einem ebenfalls gereimten Verspaar: »Die vorher zwei und zwiegeteilt, / sie wurden eins und ungeteilt.« Der Zauber Gottfrieds geht nun einmal leicht verloren, wenn man ihm den Reim nimmt. So verständlich Kühns Bedenken gegenüber einer durchgängigen Reimübersetzung sind, die oft eine Trivialisierung des Textes zur Folge hat – warum hält er sich dann an die Silbenzahl des Originalverses? Warum befreit er sich nicht auch von diesem Zwang und wählt eine elegante, federnde Prosa, die dem Stil des Originals durchaus näher kommen könnte. Wenn es etwa um der Silbenzahl willen von der berühmten Minnegrotte (Kühn verwirft freilich diese Übersetzungsvokabel) heißt: »Oben, in der Caverne / waren kleine Fensterchen / eingemeißelt, wegen Licht«, hätte man doch lieber einen geschliffenen Prosasatz gelesen als derart gebrochenes Übersetzungsdeutsch (»wegen Licht«).
Diese Übertragung ist – trotz einiger Makel – ein großer Wurf
Es gibt wunderschöne Passagen in Kühns Übersetzung, aber es sind bezeichnenderweise meist solche, in denen er den Reim einsetzt (mag er auch so abgenutzt sein wie »Schmerz« und »Herz«). Manche saloppen Anachronismen lässt man sich gern gefallen, so, wenn von König Markes »Bettplausch« mit Isolde die Rede ist: »bettemære«, heißt es bei Gottfried. Aber wenn es von der »caverne aux gents amants«, dem Höhlenbau der Liebenden, heißt: »Der Name paßte zum Objekt«, wenn Marke seinen Argwohn gegenüber Tristan und Isolde in die Frage kleidet: »Ist doch was an der Sache dran?«, Isolde »zur Aue rausspaziert« oder zur Furcht der Liebenden, Marke könnte sie in einer Liebesumarmung gesehen haben, gesagt wird: »zwar erlangten sie darüber / keinerlei Gewißheit«, wenn Marke sie »in erwähnter Weise liegend« fand, »die Rede drauf rauslief« und andere prosaische Stilbrüche mehr – teils Trivial-, teils Bürosprache –, zweifelt man bisweilen an der Sensibilität des Übersetzers. Immer wieder ist zu spüren, dass die Knappheit des Gottfriedschen Verses ihn zu grammatikalisch schiefen oder vulgärsprachlichen Verkürzungen zwingt.
Doch genug des Gemäkels. Mit herausgezupften Stilblüten kann ein Rezensent nahezu jede Übersetzung madig machen. Und es überwiegen doch die geglückten Momente. Trotz mancher stilistischer Schnitzer ist diese Übertragung ein großer Wurf. Als Mittler des Mittelalters – einer Literatur, die mehr und mehr aus dem Bewußtsein sogar studierter Germanisten schwindet, immer weniger Gnade findet vor ministeriellen Zugriffen in Universität und Schule – hat Dieter Kühn mit seinem Mittelalter-Quartett ein Zeichen gesetzt, das hoffentlich weithin und lange Zeit leuchtet und wirkt. Die mittelhochdeutsche Dichtung, das zeigt der Roman von Tristan und Isolde, ist provozierender und näher, weit weniger von uns abgerückt, als selbst die Gebildeten unter ihren Verächtern vielfach noch glauben.
Dieter Kühn: Tristan und Isolde des Gottfried von Straßburg
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 859 S., 24,90 Euro
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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