Ein anderes nicht weniger schönes Beispiel: Nachdem Tristan und Isolde den Liebestrank genossen haben, heißt es in einem ebenfalls gereimten Verspaar: "Die vorher zwei und zwiegeteilt, / sie wurden eins und ungeteilt." Der Zauber Gottfrieds geht nun einmal leicht verloren, wenn man ihm den Reim nimmt. So verständlich Kühns Bedenken gegenüber einer durchgängigen Reimübersetzung sind, die oft eine Trivialisierung des Textes zur Folge hat – warum hält er sich dann an die Silbenzahl des Originalverses? Warum befreit er sich nicht auch von diesem Zwang und wählt eine elegante, federnde Prosa, die dem Stil des Originals durchaus näher kommen könnte. Wenn es etwa um der Silbenzahl willen von der berühmten Minnegrotte (Kühn verwirft freilich diese Übersetzungsvokabel) heißt: "Oben, in der Caverne / waren kleine Fensterchen / eingemeißelt, wegen Licht", hätte man doch lieber einen geschliffenen Prosasatz gelesen als derart gebrochenes Übersetzungsdeutsch ("wegen Licht").

Diese Übertragung ist – trotz einiger Makel – ein großer Wurf

Es gibt wunderschöne Passagen in Kühns Übersetzung, aber es sind bezeichnenderweise meist solche, in denen er den Reim einsetzt (mag er auch so abgenutzt sein wie "Schmerz" und "Herz"). Manche saloppen Anachronismen lässt man sich gern gefallen, so, wenn von König Markes "Bettplausch" mit Isolde die Rede ist: "bettemære", heißt es bei Gottfried. Aber wenn es von der "caverne aux gents amants", dem Höhlenbau der Liebenden, heißt: "Der Name paßte zum Objekt", wenn Marke seinen Argwohn gegenüber Tristan und Isolde in die Frage kleidet: "Ist doch was an der Sache dran?", Isolde "zur Aue rausspaziert" oder zur Furcht der Liebenden, Marke könnte sie in einer Liebesumarmung gesehen haben, gesagt wird: "zwar erlangten sie darüber / keinerlei Gewißheit", wenn Marke sie "in erwähnter Weise liegend" fand, "die Rede drauf rauslief" und andere prosaische Stilbrüche mehr – teils Trivial-, teils Bürosprache –, zweifelt man bisweilen an der Sensibilität des Übersetzers. Immer wieder ist zu spüren, dass die Knappheit des Gottfriedschen Verses ihn zu grammatikalisch schiefen oder vulgärsprachlichen Verkürzungen zwingt.

Doch genug des Gemäkels. Mit herausgezupften Stilblüten kann ein Rezensent nahezu jede Übersetzung madig machen. Und es überwiegen doch die geglückten Momente. Trotz mancher stilistischer Schnitzer ist diese Übertragung ein großer Wurf. Als Mittler des Mittelalters – einer Literatur, die mehr und mehr aus dem Bewußtsein sogar studierter Germanisten schwindet, immer weniger Gnade findet vor ministeriellen Zugriffen in Universität und Schule – hat Dieter Kühn mit seinem Mittelalter-Quartett ein Zeichen gesetzt, das hoffentlich weithin und lange Zeit leuchtet und wirkt. Die mittelhochdeutsche Dichtung, das zeigt der Roman von Tristan und Isolde, ist provozierender und näher, weit weniger von uns abgerückt, als selbst die Gebildeten unter ihren Verächtern vielfach noch glauben.

Dieter Kühn: Tristan und Isolde des Gottfried von Straßburg

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 859 S., 24,90 Euro