Vorabdruck Das Meer war groß
Über das Schreiben und die See, eine Jugend in Taganrog, über Tolstoj und die Wahl der passenden Hose: Begegnungen, Gespräche und ein nächtlicher Ausflug mit Anton Čechov
Ich fragte seine Mutter und seine Schwester: »Sagen Sie, hat Anton Pavlovič jemals geweint?« – »Nie«, erwiderten beide bestimmt. Bemerkenswert.
Und die Kindheit? Die kleinbürgerliche Kreisstadtarmut der Familie, die schweigsame Mutter mit dem verkniffenen Mund, der geraden, langen Oberlippe, der »rechtschaffene und gestrenge« Vater, der die älteren Söhne zwang, nachts im Kirchenchor zu singen, und sie spätabends mit Proben drangsalierte wie ein Ungeheuer; der verlangte, daß sie vom zartesten Alter an abwechselnd als »Auge des Herrn« im Laden saßen. Am häufigsten hatte Anton zu leiden – der aufmerksame Vater hatte seine Anstelligkeit sofort bemerkt und setzte ihn öfter als die anderen hinter die Ladentheke, wenn er sich aus dem Haus begeben mußte. Das Sitzen im Laden trug ihm frühe Menschenkenntnis ein, es machte ihn erwachsener, denn der Laden seines Vaters war der Klub der Taganroger Spießbürger, der Bauern aus der Umgebung und der Mönche vom Berge Athos.
Das Mongolische der Mutter, das Mongolische an Čechov selbst.
Die Photos des Großvaters, der Großmutter, des Vaters, des Onkels – Bauern. Die Frauen haben breite Wangenknochen, lippenlose Münder – Mongolinnen. Čechovs Großvater, Großmutter, sein Vater, sein Onkel – alles Bauern, und alle haben breite Wangenknochen. Einfach erschreckend anzusehen. Der Unterkiefer des Onkels. Von schlagender Roheit. Der Vater sieht anständiger aus, aber der Unterkiefer ist fast wie der des Onkels.
Als Junge war Čechov, den Worten seines Schulkameraden Sergeenko zufolge, »ein schlaffer, träger Kerl mit einem Mondgesicht«.
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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