Wahlbekanntschaften Michael
Jutta Voigt trifft Menschen im Café
Eben wurde die Fontäne auf dem See angestellt, ein weißes Flirren, das sich unbeirrbar gen Himmel streckt. Machen Sie mir mal was Schönes!, fordert die junge Frau mit der teuren Handtasche und dem Diva-Lächeln, sie mag keinen Blick in die Karte tun. Die Serviererin tischt ihr ein gewöhnliches Frühstück für fünf Euro auf. Bringen Sie mir ein Ei, weich, vier Minuten! Wir haben nur hart gekochte Eier. Sie werden das schon machen, droht die Diva. Die Serviererin bringt das Ei, hart gekocht. Die Diva schlägt das Ei nicht auf, sie richtet es hin, mit einem wuchtigen Hieb, es kann nicht das Ei gemeint sein. In drei Minuten verschlingt sie das gesamte Frühstück. Plötzlich steht sie auf und verschwindet im Park. Kommen Sie sofort zurück!, schreit die Serviererin, die Frau ruft irgendwas aus der Ferne.
Die Terrasse vom Milchhäuschen in Weißensee morgens um zehn. Eine Beerdigungsgesellschaft lässt sich lieber drinnen nieder, es könnte Regen geben. Draußen sitzen zwei Frauen, von denen die eine Geburtstag hat und die andere Happy Birthday singt, und ein Mannsbild mit einem riesigen Hund. Ihn wähle ich aus, er wird meine Bekanntschaft, er könnte eine Diskothek betreiben oder ein Sonnenstudio, irgendwas, wo man Goldketten um den Hals trägt.
Warum nicht, sagt Michael Manthe, Sie kommen genau richtig, es ist ein trauriger Tag heute. Der Solariumgebräunte in schwarzem Polohemd und heller Cargohose ist nicht für Sonne, sondern für Schatten zuständig, er stellt Sonnenschutz her. Lamellenvorhänge, Jalousien, Rollos. Trauriger Tag? Heute vor zwei Jahren ist meine Lebensgefährtin gestorben. Wir waren 25 Jahre zusammen, sie ist zehn Jahre älter gewesen. Wie sah sie aus? »Groß, schlank, dunkelhaarig«, sagt Manthe; sie hat grüne Kontaktlinsen getragen, weil ich auf grüne Augen stehe. Ich war ein Muttersöhnchen, Monika hat ’nen Kerl aus mir gemacht.
Den Sunnyboy schmückt nicht nur eine Goldkette, sondern auch ein breiter goldener Armreifen und eine dicke goldene Uhr. Das ist eine Tag Heuer mit Bicolor-Band, Schweizer Fabrikat. Die Kette haben Monika und ich in der Karibik gekauft, sie wusste seit 14 Jahren, dass sie sterbenskrank war, wir haben die Zeit genutzt. Jetzt liegt sie auf Pankow 3, jede Woche bringe ich meiner Kleinen ’ne Rose zum Friedhof.
Seltsam der Gegensatz zwischen Manthes betont viriler Aufmachung und seinem jungenhaften Gesicht mit dem weichen Mund und den kindblauen Augen. Als würde Unverwundbarkeit demonstriert, wo Verletzlichkeit ist – Monikas Werk womöglich. Heute Nacht war auch noch der Hund krank, sagt Manthe, ich musste mit Balu zum Notarzt. Sein Handy klingelt. Der berühmte MM wird gerade interviewt, berichtet Manthe.
Was ist wichtig für Sie, heute, in diesem Moment? Ich muss einer sehr sympathischen Frau sagen, dass sie doch nicht die Richtige ist, ich hab nämlich eine Anzeige aufgegeben. Mit einer anderen werde ich heute das erste Mal telefonieren. Ich habe ihr Foto gesehen, da schlägt wieder das frühe Beuteschema durch: groß, schlank, dunkel; ich dachte, ich wäre drüber hinweg.
Die Zechprellerin übrigens war keine. Sie hatte 20 Euro auf den Teller gelegt, bevor sie wegrannte. 15 Euro Trinkgeld, das ist doch nicht normal, sagt die Serviererin. Manthe, der alte Goldjunge, lächelt lieb. So manch einer ist alles andere als das, was er zu sein scheint.
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
- Serie Lebenshilfe wahlbekanntschaften
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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