Zukunftsprojekt Gelehrtenrepublik Marke Eigenbau

In der Schönheit liegt die Wahrheit: Wie der schwäbische Galerist Hans-Jürgen Müller mit seiner »Zukunftswerkstatt Mariposa« auf Teneriffa die Welt retten will

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der der Welt ein Geschenk machen möchte. Ein Geschenk, das die Welt retten könnte. Oder sie zumindest in einen schöneren, lebenswerteren Ort verwandeln würde. Sein Geschenk ist groß gedacht. Und passt in unsere Zeit, in der über Bildung, die Elite und ihre Universitäten, aber auch über einen Atomkrieg, der angeblich so nah ist wie nie zuvor, viel geredet wird. Es gibt nur ein Problem: Die Welt will das Geschenk nicht haben.

Die Geschichte beginnt 1984, im Orwell-Jahr, als die Nato sich mit noch mehr Atomraketen gegen den Feind im Osten wappnet und die Katastrophenängste überall ins Kraut schießen. Eines Abends nimmt das Leben des Stuttgarter Kunsthändlers Hans-Jürgen Müller eine abrupte Wendung. Was, so grübelt er, soll ich sagen, wenn meine Kinder mich dereinst fragen: Was hast du getan, Papa, als die Welt den Bach runterging? So wie er seinen Vater fragte, was der gegen Auschwitz getan hätte. Hans-Jürgen Müller weiß keine rechte Antwort.

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Er ist einer der erfolgreichsten Galeristen der deutschen Nachkriegszeit. Geboren 1936 in Thüringen, Schriftsetzerlehre in der DDR, Umzug ins schwäbische Ludwigsburg, Herstellungsleiter bei einem Fachbuchverlag. Bei einer Diskussion über moderne Kunst gerät er an den Stuttgarter Maler Kurt Georg Pfahler, der zu dem theoretischen Geplänkel nur eins zu sagen hat: »Alles Scheiße.« Pfahler, ein Pionier der abstrakten Malerei in Deutschland, öffnet dem jungen Müller die Augen. 1958 gründet der seine erste Galerie, stellt Willi Baumeister aus, holt erstmals Werke von Cy Twombly nach Deutschland, berät die großen Sammler Ströher und Grässlin, ist Mitbegründer des Kölner Kunstmarkts. »Als Galerist stand ich immer auf der Sonnenseite des Lebens«, erinnert sich Müller. »Ich war von schönen Dingen und reichen Leuten umgeben.«

Schönheit = Wahrheit lautet seine einfache Gleichung, und die Welt ist deshalb so verlogen, weil sie so hässlich ist. Deshalb beschließt er, einen Ort zu schaffen, der schön ist, der die Menschen berührt und verzaubert, der sie – besser macht.

Sympathien für Mayer-Vorfelder und Baader-Meinhof

In einer durchwachten, durchzechten Nacht skizziert Müller ein Konzept für seine Weltverbesserungsanstalt. So hochfliegend sind die Pläne, wie ihr Schmied aufbrausend und selbstherrlich sein kann. Als Galerist schaltet er in der Zeitschrift Kunstforum Anzeigen, in denen er sich selbst in ein Gemälde von de Chirico hineinmontiert: »Müller – immer im Bild«. Jetzt plant er einen Ort, den es eigentlich nicht geben kann, eine »Zukunftswerkstatt«, eine Art Gelehrtenrepublik für die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts, Arbeitstitel: Atlantis. Kleiner geht es nicht für einen, der an Astrologie glaubt und gerne en passant darauf verweist, unter der gleichen Konstellation wie Hitler, Stalin und Napoleon geboren zu sein. Er weiß auch schon genau, wo das untergegangene Paradies wieder auftauchen soll: mitten im Meer, vor Afrikas Küste, auf der Vulkaninsel Teneriffa.

1972 setzt Müller erstmals seinen Fuß auf das verheißene Eiland. Während der documenta in Kassel hat er in der Zeitung eine Immobilienanzeige gesehen, Häuser im ewigen Frühling. Schon als er aus dem Flugzeug steigt, weiß er: Das ist es. Noch hat der Massentourismus nicht Hand an die Insel gelegt, der gesamte Süden, wo heute Bettenburgen die Küste verkleistern, ist nicht erschlossen, es gibt nur zwei Hotels, keinen Flughafen, keine Autobahn. Müller kauft ein Grundstück in Chayofa, damals Provinz, heute ein Prominentenwohnort, zehn Kilometer nördlich von dort, wo sich inzwischen Playa de las Americas breitmacht. Er lässt sich ein Haus bauen, dessen Zentrum eine fensterlose Schreibstube bildet; hier will er das Buch seines Lebens schreiben, eine Abrechnung mit dem Kunstmarkt, dessen Zynismen und Geldgeilheit er nun satt hat. Kunst kommt nicht von Können erscheint 1976; inzwischen hat Müller ein zweites Grundstück gekauft, noch weiter oben an den Hängen des Teide, zwischen den Dörfern Arona und Tunez, 600 Meter über dem Meer, 30000 Quadratmeter voller Kakteen und Schutt. Ein Seemann hat es ihm für einen Spottpreis verkauft, 20 000 Mark, um seine Steuerschulden bezahlen zu können. Zehn Jahre lang setzt Müller keinen Fuß auf seinen Besitz, bis sein Leben eine neue Richtung nimmt. Nun entsinnt er sich des Geländes: Wo nichts ist, soll Atlantis werden.

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