archäologie

Der erste Schöngeist

Ein Tübinger Archäologe hat alte Knochen neu datiert. Das erlaubt eine kühne Spekulation: Schuf der Neandertaler die frühesten Kunstschätze der Menschheit?

Die etwas lang geratenen Ohren hat der Löwe nach hinten gelegt, den Kopf gesenkt, und früher einmal, als die Beine noch nicht abgebrochen waren, stand er auf allen Vieren. Der Rücken der Tierfigur aus Elfenbein ist mit Punkten übersät. Auf einen Sinn für Ästhetik deuten auch die eingekratzten Linien an den Seiten hin. Ein anonymer Künstler schuf diesen Löwen aus dem Stoßzahn eines Mammuts. Sein Atelier war vermutlich jene Höhle, in der das Kleinod 35000 Jahre später aus der Erde geborgen wurde: Vogelherd, nördlich von Ulm. Rund zwanzig Skulpturen, darunter ein Wollnashorn, ein Löwenkopf, ein Wildpferd und eine aufrecht stehende Figur – halb Löwe, halb Mensch – belegen, dass auf der Schwäbischen Alb die Kunst ihren ersten Höhepunkt feierte. Vermutlich nahm sie damals, während der Eiszeit, in den Höhlen Vogelherd, Geißenklösterle, Hohle Fels und Hohlenstein-Stadel, sogar ihren Anfang.

Bislang gab es kaum Zweifel daran, welches Wesen einst mit Feuersteinklingen die Pretiosen geschaffen haben mochte: Homo sapiens sapiens galt als Urheber jener Kunst, die der Epoche des Aurignacien (benannt nach einem Fundort in Frankreich) zugerechnet wird. Dafür existierte ein scheinbar eindeutiger Beleg. 1931 hatte Gustav Riek die Vogelherd-Höhle in nur drei Monaten komplett ausgegraben, 300 Kubikmeter Sedimente weggeschafft und dabei in denselben Fundschichten, in denen er auf die Elfenbeinschnitzereien gestoßen war, auch Knochen des Homo sapiens entdeckt.

Nun aber hat ausgerechnet dieser Beleg »keine Substanz mehr«, wie es Nicolas J. Conard ausdrückt. Der Tübinger Archäologe riskiert in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature (Bd. 430, S. 198) eine gewagte These: »Es besteht die Möglichkeit, dass der Neandertaler die Kunstobjekte von Vogelherd produziert hat.« Conard hat sechs Knochenreste aus der Vogelherd-Höhle über sechzig Jahre nach ihrer Entdeckung unter die Lupe genommen. Pieter M. Grootes vom Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenfoschung der Universität Kiel steuerte mit Hilfe der Radiokarbon-Methode eine exakte Datierung bei.

Nun steht fest, womit keiner gerechnet hat: Die Menschengebeine sind viel zu jung, um mit der eiszeitlichen Schwabenkunst in Verbindung gebracht zu werden. Höchstens 5000 Jahre alt sind die sechs Knochenfragmente, die Conard, Grootes und der Chicagoer Anthropologe Fred H. Smith untersucht haben. Die Resultate überraschen, weil der als zuverlässig geltende Riek bei der Entdeckung keinerlei Hinweise darauf entdeckt hatte, dass die fraglichen Gebeine erst später in die alten Schichten eingegraben wurden. Genau dies aber muss der Fall gewesen sein: »Ich gehe von einer neolithischen Bestattung in der Aurignacien-Schicht aus«, sagt Conard.

Weil aus dem Alt- damit plötzlich ein Jungsteinzeitler geworden ist, fällt der bislang einzig sichere Beleg dafür weg, dass es der moderne Mensch war, der vor über 30000 Jahren die Schönen Künste für sich entdeckte.

»Mit positiver Gelassenheit« stellt der Altertumswissenschaftler Conard nun fest, dass die Frage nach der Urheberschaft der frühesten Kunst wieder völlig offen ist. Erst kürzlich sind »weitere Kunden verloren gegangen«, wie Thorsten Uthmeier von der Universität Köln feststellt. So ist etwa das Skelett aus der Cro-Magnon-Höhle in der Dordogne neu datiert worden. Wie die Vogelherd-Knochen galt es als Beleg dafür, dass die Kunst des frühen Aurignacien dem modernen Menschen zuzuschreiben ist. Mit einem Alter von nur rund 25000 Jahren sind aber auch diese Gebeine zu jung. Frühestens in der (späteren) Phase des Gravettien hätte sich der Cro-Magnon-Mensch in der Kunstwelt einen Namen machen können.

Einzig der Fundort Mlade‡ in der tschechischen Republik verbleibt nun als möglicher sicherer Beleg für einen Zusammenhang von frühem Aurignacien und modernem Menschen. Noch aber sind die dort gefundenen, auf ein Alter von weit über 30000 Jahren geschätzten Knochen nicht direkt datiert worden.

Da sämtliche Beweise weggebrochen sind, kann man sich genauso gut auch jenen Vetter des Homo sapiens sapiens als Bildhauer vorstellen, dessen Präsenz in der fraglichen Zeit in Mitteleuropa zweifelsfrei belegt ist und den die meisten Forscher bis vor kurzem gerne als tumben Idioten abstempelten: den Neandertaler. Der Hominide mit den dicken Augenwülsten hat sein Image in den vergangenen Jahren gewaltig aufpoliert. Der Fund einer vermeintlichen Neandertaler-Flöte auf dem Balkan wird zwar mittlerweile stark in Zweifel gezogen. Das konnte den Aufstieg des grobschlächtigen Gesellen zum Schöngeist aber nicht bremsen.

Als Kunsthandwerker schuf er Schmuck. Er kannte Bestattungsriten, gewann Pech aus Birkenrinde und war vielleicht schon ein Künstler. Dies behauptet zumindest eine Gruppe um die beiden französischen Wissenschaftler Jean-Claude Marquet und Michel Lorblanchet. Sie haben im vergangenen Jahr am Ufer der Loire in der Nähe des Örtchens La Roche-Cotard ein Objekt gefunden, das aussieht wie eine Steinmaske. Den 35.000 Jahre alten Feuersteinbrocken, der im Eingang einer Neandertalerhöhle lag, hatten die Urzeitler nicht nur bearbeitet - im Augen- und Nasenbereich fehlen winzige Splitter -, sondern sie haben auch einen siebeneinhalb Zentimeter langen Knochensplitter durch eine natürliche Öffnung im Stein getrieben und mit zwei winzigen Keilen befestigt. Herausgekommen ist eine Maske, deren Fratze nicht nur einem Menschen, sondern auch einer Katze gleicht.

Noch teilen viele Archäologen die Einschätzung der französischen Kollegen nicht, wonach es sich dabei um ein Kunstwerk handelt. Eine bloe Zufallsschöpfung, behaupten die Kritiker. Aber trotzdem nährt die steinerne Fratze die Spekulationen, dass schon der Neandertaler den Kunsttrieb kultivierte. War er es, der die Kunst des Aurignacien schuf - also auch die Flöte aus einem Schwanenknochen in Geienklösterle und die atemberaubenden Bilder aus der Chauvethöhle in Südfrankreich? Griff homo sapiens neandertalensis kühn zur Holzkohle und zauberte mit lockerer Hand ganze Pferdeherden, Wisente und Löwenbanden auf die Grottenwände?

"Schaumschlägerei!", sagt Gerhard Bosinski. Der Archäologe im Ruhestand hält zwar groe Stücke auf den Neandertaler: "Der arbeitete mit den gleichen Steinwerkzeugen und pflegte die gleichen Bestattungsrituale wie sapiens sapiens ". Er will daher auch das Kunstmonopol keineswegs dem modernen Menschen überlassen. Aber ihn aufgrund fehlender Gegenbeweise gleich als Schöpfer der Aurignacien-Kunst in Chauvet und auf der Schwäbischen Alb in Erwägung zu ziehen, hält er für "einen Schmarren".

Der Altsteinzeit-Experte Bosinski hält die Frage für längst nicht so offen, wie die jüngeren Kollegen nun die Diskussion führen wollen. Treiben aber Wissenschaftler nicht bald ein paar beweisträchtige Knochen aus der Urzeit des Kunstschaffens auf, die unverkennbar den unseren ähneln, könnte die These vom kreativen Neandertaler immer mehr Freunde gewinnen.

Anzeige

Service