Der Verlag wirbt für das Buch, indem er an eine Erfolgsgeschichte des Jahres 2002 anknüpft: "Durch Roman Polanskis oscargekrönten Film Der Pianist ist auch der Mann bekannt geworden, dem der jüdische Musiker Władysław Szpilman sein Leben verdankt. Wilm Hosenfeld rettete als Besatzungsoffizier unter Einsatz seines eigenen Lebens viele Menschen vor dem Terror der Nazis." Davor hatten sich die an Geschichten von Rettern in der NS-Zeit interessierten Leser bereits durch die Autobiografie von Szpilman (Das wunderbare Überleben , 1998) sowie durch einen Beitrag von Dirk Heinrichs (im Band Retter in Uniform, 2002) mit dem ungewöhnlichen Wehrmachtsoffizier Hosenfeld vertraut machen können.

Nun liegt also die Edition der Briefe und Tagebücher Hosenfelds vor. Herausgeber Thomas Vogel, Offizier und Historiker im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, beschreibt dessen Leben in einer ausführlichen biografischen Einleitung. Nachdenklich macht deren Titel: Wilm Hosenfeld – ein deutsches Leben. Wenn damit ein typisch deutsches Leben gemeint ist, so mag dies für die ersten Jahrzehnte der Vita dieses Mannes zutreffen. Wilm Hosenfeld wurde im Jahre 1895 als siebtes von neun Kindern geboren. Der Junge erhielt bleibende Prägungen durch sein Elternhaus – sein Vater war Lehrer –, durch die Wandervogelbewegung und durch die katholische Kirche.

Im Ersten Weltkrieg meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Er wurde Vizefeldwebel und Offiziersanwärter. Nach dem Kriege ging er, wie sein Vater, in den Schuldienst und engagierte sich in der Reformpädagogik. Da er nationalistisch eingestellt war, trat er nach Hitlers Machtantritt der SA und der NSDAP bei und warb in seinem Einflussbereich als Dorflehrer für Hitler und das NS-Gedankengut. Für den Frontdienst – übrigens zu seinem Bedauern – nicht mehr jung genug, wurde er im Zweiten Weltkrieg mit Etappenaufgaben betraut. Nach der Eroberung und Besetzung der polnischen Hauptstadt Warschau durch Truppen der deutschen Wehrmacht kam Hosenfeld zur dortigen Oberfeldkommandantur, wo er von 1940 bis Herbst 1944 Dienst tat, unter anderem als Leiter der Wehrmachtssportstätten. Rein äußerlich betrachtet, weist seine militärische Laufbahn keine besonderen Merkmale auf. Er wurde im Laufe des Krieges vom Feldwebel zum Hauptmann befördert. Mit dem Vormarsch der Roten Armee geriet er im Januar 1945 in russische Kriegsgefangenschaft, in welcher er 1952 verstarb.

"Der einzige Mensch in deutscher Uniform, dem ich begegnet bin"

Ein typisches deutsches Leben also? Seit Ende der dreißiger Jahre geriet Hosenfeld in ambivalente Situationen, die schließlich zu einer Abwendung vom Hitler-Staat und zu selbst verantwortetem Handeln führten. Dieser allmähliche Wandel begann mit seiner Kritik an den Methoden der Jugendführung in der HJ, setzte sich fort mit seiner Distanzierung vom staatlich verordneten Antisemitismus, der nach seiner Überzeugung gegen die Menschenwürde verstieß, und wurde schließlich irreversibel durch die schockartigen Erlebnisse, welche die Mordtaten von SS und Wehrmacht in Polen 1939/40 und dann in der Sowjetunion bei ihm auslösten.

Diese Entwicklung unterschied ihn gründlich von der großen Mehrheit der Soldaten im Osten, die eben nicht in gleicher Weise aufwachte. Die meisten Wehrmachtsoldaten entschieden den Konflikt zwischen Pflichterfüllung und Gewissen, so er denn auch bei ihnen vorhanden war, nicht im Sinne der Humanität. Sie versuchten nicht "jeden zu retten, der zu retten ist", wie es Hosenfeld tat. Vielmehr führten sie in Polen und Russland einen Vernichtungskrieg, der an den Fronten, in den besetzten Gebieten und in den Vernichtungslagern viele Millionen von Menschenleben kostete.

Die mit fast 1.200 Druckseiten ungewöhnlich umfangreiche Edition konnte den im Privatbesitz der Familie Hosenfeld befindlichen Nachlass des Wilm Hosenfeld nutzen. Konzeptionell folgt sie der – als Untertitel des Werkes gewählten – Devise, "das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern" sichtbar werden zu lassen. Nachvollziehbar ist die Entscheidung, den Volksschulpädagogen Wilm Hosenfeld der zwanziger und dreißiger Jahre in der Edition zurücktreten zu lassen: "Der historischen Bedeutung Hosenfelds und dem Charakter des Nachlasses angemessen, konzentriert sie sich auf seine Zeit im Zweiten Weltkrieg, ohne sich dabei auf seine Tätigkeit als ›Retter‹ zu verengen." Dieses Verfahren hat allerdings zur Folge, dass genau jene Ereignisse, welche die "historische Bedeutung" dieses Mannes ausmachen, nämlich seine Hilfs- und Rettungsaktionen, in der Flut von häufig trivialen Informationen über den Etappenalltag in Warschau fast untergehen oder doch nur mit Mühe aufgespürt werden können.

"Das Leben eines deutschen Offiziers"? Man fragt sich, ob es sich hier nicht um eine dem militärischen Milieu geschuldete Akzentsetzung handelt. Denn Hosenfeld war kein deutscher Berufsoffizier, sondern ein zwangsverpflichteter Reservist, von Beruf ein ambitionierter Volksschullehrer. Wie die folgende, im August 1940 unter dem Eindruck einer Offiziersbesprechung in Warschau niedergeschriebene Notiz zeigt, war er sich über seinen Status sehr wohl im Klaren: "Wie selbstbewusst und sicher diese Soldaten sind, so ohne Hemmungen und Beschwerung. Sie sind nichts anderes als Soldaten. Das bin ich nicht. Meine Leistung liegt auf anderm Gebiet, aber das gilt nicht; deswegen ist unsereiner belastet und unsicher. Es gäbe nichts Schöneres, als in die alte Lebensaufgabe zurückkehren zu dürfen."