Die Schwester weiß schon, was der Arzt gleich sagen wird. Er hat sich über einen Patienten gebeugt, der von alledem wahrscheinlich nichts mehr mitbekommt. Um den Patienten, er ist Mitte 50, steht es nicht gut. Der halbe Hals, sagt der Arzt, sei "weggegammelt", Spätfolge eines Speiseröhrenkarzinoms. Die operierte Speiseröhre, gefertigt aus Teilen des Magens, ist undicht geworden, "das suppt da alles raus", das umgebende Gewebe entzündet und zersetzt sich – Exitus? Nein, ein Fall für die Intensivstation. Seit zwei Wochen liegt der Patient in einer deutschen Universitätsklinik. Ein Geflecht aus Schläuchen und Kabeln verbindet ihn mit Überwachungs-, Steuerungs- und Versorgungsapparaten, die ihn nicht heilen, aber, wer weiß, vielleicht noch monatelang am Sterben hindern werden. "Dafür", sagt der Assistenzarzt zur Schwester, "werden wir alle in die Hölle kommen."

Als die Notärztin das Zimmer betrat, hatte sie keine Ahnung, was sie erwarten würde. Mitten in der Nacht war das, und im Zimmer war es sehr kalt. Die Notrufzentrale hatte sie in dieses Altenheim geschickt, da gebe es wohl ein Problem, es klang dringend. Um was für ein Problem es sich handele, hatte der Anrufer nicht mitteilen können, denn er sprach kaum deutsch. Jetzt stand er neben ihr, ein kleiner Mann, vielleicht Vietnamese oder Koreaner, die einzige Nachtwache eines deutschen Altenheims mit mehreren Pflegestationen, die sich über zwei Etagen eines Gebäudes erstrecken. Die Patientin, um die es ging, war kaum wärmer als der Raum, gestorben irgendwann, jedenfalls schon vor Stunden, an irgendwas. Niemand war da, der über ihre Leiden hätte Auskunft geben können, und nun kam es darauf auch nicht mehr an. Die Notärztin füllte den Totenschein aus, damit das Bett am nächsten Tag neu belegt werden konnte. Und weil der einsame Nachtpfleger offensichtlich überfordert war, nahm sie sich noch ein wenig Zeit, um, wie sie es ausdrückte, gemeinsam mit ihm "die Patienten aus der Scheiße zu ziehen".

Zweierlei Pflegealltag in Deutschland. Scheinbar hat der eine Fall mit dem anderen nichts zu tun. Aber eine Beziehung lässt sich herstellen: Der Intensivpatient verursacht, grob geschätzt, an jedem seiner letzten Lebenstage so viel Kosten wie eine gut geführte Altenpflegestation. Und das ist nicht einmal viel. Im Extremfall öffnen Intensivschwestern im Viertelstundentakt Ampullen, deren jede das Monatsgehalt einer Altenpflegerin kostet. Solche Berechnungen anzustellen gilt hierzulande, gelinde gesagt, als unfein. In Fragen von Leben und Tod soll Geld keine Rolle spielen. "Wenn das Überleben eines Patienten von ökonomischen Kriterien abhängt, stehen wir ethisch da, wo die Nazis aufgehört haben", schreibt Frank Ulrich Montgomery, der langjährige Vorsitzende der Ärztevereinigung Marburger Bund. In Wirklichkeit ist dieser Punkt längst erreicht. Ob Menschen in der Altenpflege länger oder kürzer überleben, ob sie in Würde sterben oder unter furchtbaren Schmerzen langsam krepieren, das hängt schon seit vielen Jahren nicht allein von ihrem Gesundheitszustand ab, sondern ganz entscheidend von ihrem Vermögen.

Das ist die Folge einer verdrängten Debatte. Nun, da der Luxus einer umfassenden medizinischen Versorgung für alle zu teuer geworden ist, leistet sich das Land den beträchtlich billigeren Luxus, diesen Umstand nicht zur Kenntnis zu nehmen. Statt die unbequeme Frage zu beantworten, wie viel Intensivmedizin, wie viel Altenpflege, wie viel Krankengymnastik und wie viele Präventionsprogramme die Deutschen brauchen, haben sich Gesundheitsverbände und Politik stillschweigend auf eine Formel zur Verschleierung des Mangels verständigt: "Das medizinisch Notwendige", sagen unisono der Bundeskanzler, seine Gesundheitsministerin, führende Oppositionspolitiker und Verbandsfunktionäre, bleibe gewährleistet.

Aber was ist medizinisch notwendig? Im Zweifel das, was Herz- und Hirntod bis zum Gehtnichtmehr hinauszögert – und was, aber das kann man nicht im Ernst ein medizinisches Kriterium nennen, den Staatsanwalt fern hält. Und selbst dieser Mindeststandard wird in der Altenpflege permanent unterschritten.

Schon im Flur hört man das Brodeln in den Kehlen der Patienten

Seit Jahren wird die Notärztin regelmäßig zu Einsätzen in Hamburger Heimen gerufen, nachts, in den dunklen Stunden der Altenpflege, wenn weder Besucher noch die Kontrolleure vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen zugegen sind. 54 Jahre ist sie alt, seit 20 Jahren im Geschäft. Ihre Beobachtungen schildert sie bisweilen unter Tränen. Erst letzte Nacht, sagt sie, habe sie vergeblich versucht, eine kranke Pflegeheimbewohnerin zu untersuchen – die Frau sei "so voll gedröhnt" gewesen, abgefüllt mit Schlafmitteln, dass zwei Schwestern zusammen sie nicht hätten wach rütteln können. Und das komme andauernd vor. Notfälle, sagt die Ärztin, ließen sich oft schon darum nicht behandeln, weil das Pflegepersonal von den gesundheitlichen Problemen seiner Schützlinge keine Ahnung habe und Krankenakten nicht zugänglich seien.

Bei Patienten, die zu schwach zum Abhusten sind, muss regelmäßig der Schleim aus dem Rachenraum gesaugt werden, sonst drohen Lungenentzündung und Ersticken. Eigentlich wäre das eine selbstverständliche Aufgabe jedes Altenpflegers. Inzwischen, sagt die Ärztin, habe sie immer ihr eigenes Absauggerät dabei, weil die Apparate auf den Pflegestationen oft nicht auffindbar oder nicht einsatzbereit seien. Manchmal, sagt sie, höre sie das Brodeln in der Kehle der vernachlässigten Patienten schon im Flur. Und wer wisse schon, ob die entgleisten Gesichtszüge eines bewusstlosen Pflegeheimbewohners auf eine Gesichtslähmung zurückzuführen seien, Folge eines Schlaganfalls, der sofort behandelt werden müsste – oder auf Psychopharmaka, deren Einsatz als so genannte Bedarfsmedikation ins Belieben vieler Pflegekräfte gestellt sei.