Schönheitskür Der Preis der Schönheit

Nie zuvor rollte der Ball schneller und präziser bei einem Fußballturnier. Selten zuvor feierten die Gastgeber so überbordend. Eine Bilanz der EM in Portugal

Otto Nikopoldis, Otto Seitaridis, Otto Dellas, Otto Basinas, Otto Zagorakis, Otto Giannakopoulos, Otto Charisteas, Otto Fyssas, Otto Vryzas, Otto Kapsis, Otto Katsouranis und als Einwechselspieler Otto Venetidis, gefolgt von Otto Papadopoulos. Wie die meisten anderen Journalisten dachte auch ich, man müsse sich die Namen der griechischen Spieler nicht merken. Trainer Otto Rehhagel und seine Griechen liefen bei mir unter der Rubrik »Der kurze Sommer der Ottokratie«. Aber Rehhagel hat alle Zweifler eines Besseren belehrt, sein Sommer ist sensationell lang geworden. Europameister Griechenland, wie kann man diesen Siegeszug erklären? Keinem gelingt das überzeugend, und deswegen hat jetzt das »Wunder« Konjunktur. Nimmt man die glücksbesoffenen griechischen Reporter aus, die niedergeschlagenen portugiesischen Reporter außerdem, dann standen am Sonntagabend in Lissabon lauter starre Gestalten mit unbewegten Gesichtern auf der Pressetribüne, wo man kundige Beobachter erwartete, die für jede überraschende Wendung eine Erklärung haben. Aber wie konnte man dem Leser begreiflich machen, was da passiert war? Otto Rehhagels EM-Sieg, das war ein sagenhafter Konter auf den gängigen Fußballverstand.

Ein sonderbarer Zauber ging während der EM von ihm aus, nein, eher das Gegenteil, eher eine Kraft, die andere entzauberte. Erst schlug Rehhagels Team die Franzosen, dann sogar die Tschechen, am Ende Portugal. Erst machte er die Schönen hässlich, dann machte er die Starken schwach, am Ende die Kreativen ideenlos. Die Griechen verbreiteten eine verblüffende Mitteilung in den Arenen der Europameisterschaft. Rehhageln. Mit einem Torwart, einem Stürmer und neun Manndeckern ein Spiel gewinnen. Eine Taktik wie aus dem Fußball-Paläolithikum. Mit Rehhagel siegte eine vergessen geglaubte Vergangenheit über das, was man bislang für die Zukunft hielt. Man glaubte sich auf einem Landessportfest, bei dem alle Schulen auf ihre modernen Sportlehrer setzen. Nur eine einzige Schule bringt ihren Hausmeister in seinem gestreiften Kittel mit – und gewinnt alle entscheidenden Wettkämpfe. Zugegeben – Otto Rehhagel macht es einem schwer, sich über diesen Triumph endlos zu freuen, weil man ja dann das kleinräumige, torarme Rackern bejubelte. Jenes Spielsystem, was auch die deutsche Nationalmannschaft bei dieser EM wieder zum Einsatz brachte, ähnlich den Griechen, nur eben ohne Erfolg.

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Nach dem Finale entstand zuerst eine bedrückende Leere auf den Straßen hinter den Tribünen der portugiesischen Fans. Es war ganz anders als in den Nächten zuvor. Die vielen tausend Portugiesen, die vorher im Stadion gesungen hatten, waren mit einem Mal verschwunden – als hätten sie sich in einem unterirdischen Bunker verkrochen. Später sind ein paar hundert Portugiesen zum Platz Pombal gefahren, wo sich die blaue und die gelbe Metro-Linie treffen. Halb Lissabon hat sich dort nach jedem portugiesischen Spiel versammelt und nächtelang nur getanzt und gesungen. Diesmal kamen viel weniger Menschen. Mit Fahnen sind sie auf das Denkmal geklettert, auf die Steinfiguren unter der Statue des Retters Pombal, der Lissabon vor über 200 Jahren nach einem verheerenden Erdbeben wiederaufgebaut hatte. Ein Held mit einem Löwen, darunter sammelte sich bis zum EM-Finale ein Meer von Figos, Ronaldos, Pauletas, rot-grüne Knäuel der Hoffnung. Die Nächte auf dem Platz Pombal hatten viel mit Fußballgefühlen zu tun, und nichts war zu spüren von irgendeiner Feindseligkeit. Dort endete keine erbitterte Schlacht, es begann eine ausgelassene Party, jedes Mal. Die Menschen am Pombal betranken sich nicht sinnlos, es gibt dort nicht einmal Straßencafés, nur gesichtslose Hotelfassaden. Überhaupt eignet sich dieser Platz nicht wirklich zum kollektiven Rausch, er ist nicht sehr groß, er bietet sich eigentlich nicht an. Ein Festplatz wurde daraus nur, weil man ihn aus ganzer Kraft wollte. Die Kinder, die Frauen, das helle Lachen, es ging sehr viel Frieden aus von diesem Platz. Die stotternden Autohupen, die wehenden Schals, stundenlang übertrug das portugiesische Fernsehen die immer gleichen Szenen vom Pombal. Man konnte sich gut vorstellen, dass gerade eine Dauerwerbesendung für Europa lief.

Schon vor Beginn der EM ließ die portugiesische Regierung Wurfsendungen an alle Haushalte im Land verteilen. 8500 Journalisten würden herreisen, stand in den Briefen, und wenn der Alltag durcheinander gebracht werden sollte, dann bitte: Geduld, Nachsicht, Gelassenheit. Gezeichnet, der Vizepremier. An jeder Baustelle stand plötzlich ein Polizist mit einer Kelle und regelte den Autoverkehr. Souverän blieben die Portugiesen sogar, als ihre Gastfreundschaft in der Touristenburg Albufeira arg auf die Probe gestellt wurde. Zu Beginn der EM warfen durchgedrehte Fans Tische und Stühle in die Fenster von Kneipen, und Polizisten auf Pferden trieben die Randalierer auseinander, Nacht für Nacht. Sicherheitsleute in grellgelben Westen verteilten sich über das Land. Es durfte nichts schiefgehen, nicht auf dem Rasen, nicht außerhalb. Portugal wollte alles richtig machen bei dieser europäischen Meisterschaft. Fast ist Portugal dafür groß belohnt worden.

Am Anfang, bevor das Turnier begann, lernte ich Paul kennen, durch einen unglücklichen Zufall, wie Paul wohl gesagt hätte. Ich schob damals meinen schwarzen Hartschalenkoffer durch seine Hecke, bevor Paul aus seinem Ferienhaus stürzte und brüllte: »What are you doing here?« Paul heißt gar nicht Paul, ich nannte ihn für mich aber so, weil er mich an Paul Gascoigne erinnerte, den ehemaligen englischen Stürmer mit dem gewaltigen roten Schädel. Wie mein Nachbar wirklich heißt, hat er mir nie verraten, wegen des Lochs in seiner Hecke. Ich erklärte ihm, dass ich nach Ansicht des Apartmentverwalters einen Tag zu früh angereist sei, deswegen fehle noch einiges, zum Beispiel der Schlüssel für die Vordertür, und folglich müsse ich mir auf einem Umweg, durch Pauls Hecke, Zugang verschaffen. Paul reagierte wie eine Bulldogge. Kehlig und heiser war sein Bellen, wie ich es später noch tausendfach zu hören bekam, als Fußballfans auf Stadiontribünen die Parole »England« ausstießen. Inglänt, Inglänt.

Die Portugiesen blieben souverän, auch als die Engländer randalierten

Am anderen Morgen, schon früh um sieben, sah ich Paul an der Kante seines quadratischen Rasenstücks entlangpatrouillieren. Er trug eine Stoppuhr in seiner rechten Hand, ging mit geraden Schritten, und sein Blick klebte unentwegt an der Uhr. Paul musste schon länger an der Algarve sein, sein entblößter Oberkörper glänzte rotbraun. » Excuse me, Sir«, sagte ich, aber Paul machte eine hässliche Handbewegung, so, als schlüge er nach einer lästigen Fliege. Ich störte. Paul konzentrierte sich wieder auf die Rasenkante, drückte auf einen Knopf an seiner Stoppuhr und ging los. Er trainiert, dachte ich, er trainiert für irgendeinen Wettkampf. Idiot, dachte ich außerdem. Paul gab mir Rätsel auf. England, sagt man, sei das Mutterland des Fußballspiels. Wenn das wirklich so ist, dann hat diese Mutter ziemlich sonderbare Wesenszüge.

Einmal, nach einem EM-Spiel der englischen Mannschaft, fuhr ich in der Nacht stundenlang zurück zur Südküste. Ich war hundemüde. Kurz vor dem Ziel, es war drei Uhr früh, stauten sich die Autos vor der Mautstation am Ende der Autobahn. Überall Engländer, eine Schlange aus rot-weißen Flaggen. Warten, anfahren, bremsen, dösen, warten. Plötzlich hupte alles, weil ein Fan aus einem Auto gesprungen war. Ich dachte zuerst, ich halluzinierte. Der Mann hatte sich nackt ausgezogen, rannte auf das Kassenhäuschen zu, blieb dann abrupt stehen, schmiss seine Arme empor und schrie wie von Sinnen: »Inglänt!« Danach lief er unter tosendem Applaus zurück zu seinem Wagen, zog sich wieder an und zahlte an der Kasse brav 16 Euro 35. Nationalmannschaften, sagt man, könne man nicht wirklich lieben. Im Fall von England bin ich mir inzwischen nicht mehr sicher.

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