In dieser Woche geht Telefon FM auf Sendung: ein Radioprogramm, das in Deutschland produziert, aber in Bagdad ausgestrahlt wird. Das Auswärtige Amt finanziert das Radio, setzt es aber ohne die üblichen Institutionen um – weder Goethe-Institut noch Deutsche Welle sind beteiligt, und die Friedrich-Ebert-Stiftung übernahm lediglich eine formale Projektträgerschaft, um die Finanzierung aus einem öffentlichen Topf zu ermöglichen. Organisiert wird Telefon FM von den jungen Berliner Medienproduzenten Anja Wollenberg und Klaas Glenewinkel, und umgesetzt wird es gemeinsam mit drei irakischen Moderatoren, die dazu nach Berlin gekommen sind. Telefon FM wird zunächst sechs Wochen lang jeweils eineinhalb Stunden täglich über den kommerziellen Bagdader Sender Hot FM ausgestrahlt. Das Radio Berlin-Brandenburg (RBB) wiederum wird einmal in der Woche die besten Teile der Sendung übernehmen.

Erklärtes Ziel sind – natürlich – der interkulturelle Dialog und die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen im Irak. Eine junge Zuhörerschaft soll mit den heiteren, unideologischen Kommunikationsgewohnheiten westlicher Medien vertraut gemacht werden. Glenewinkel hatte die Idee zu einem Bagdad-Radio, als er im Sommer letzten Jahres ein privates Fernsehteam in den Irak begleitete. "Trotz der Kriegs- und Terrorbilder, die wir hier sehen", sagt Glenewinkel, "geht dort auch das normale Leben weiter." Telefon FM soll etwas von dieser Normalität abbilden und sie gleichzeitig stärken. In den Gesprächssendungen werden "private" Themen wie Berufs- und Familienplanung behandelt, Politik kommt nur nebenbei vor. Das ist der wesentliche Unterschied zu klassischen Programmen westlicher Sender für diese Region – wie die im Irak früher beliebten BBC World und Radio Montecarlo.

Anders als bei der Deutschen Welle, für deren Selbstverständnis die Vermittlung eines Deutschlandbildes ins Ausland zentral ist, orientiert sich Telefon FM an Jugendsendern öffentlich-rechtlicher Landesprogramme wie Radio Fritz (RBB) oder Eins live (WDR) und deren typischen Mischung von Musik und Wort. Es gibt Rubriken wie "local heroes", wo etwa Geschäftsleute ihre Erfolgsgeschichten schildern. Außerdem sollen Bagdader mit prominenten Deutschen ins Gespräch kommen. Der deutsche Regisseur Tom Tykwer plaudert mit Udai Raschid, einem irakischen Kollegen, der zurzeit in Deutschland Produktionspartner sucht.

Das Auswärtige Amt unterstützt jedoch nicht nur Telefon FM, sondern noch zwei weitere Kulturprojekte im Irak: die Aktion "Bücher für den Irak", die in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Bücher für das germanistische Institut der Bagdader Universität sammelt; und ein deutsch-irakisches Kulturzentrum. Dieses so genannte Deutsche Haus soll zukünftig ähnliche Aufgaben erfüllen wie ein Goethe-Institut. Bereits abgeschlossen ist eine Kooperation mit dem DAAD, die den Zweck hatte, irakische Wissenschaftler zu Konferenzen nach Deutschland einzuladen. Über eigenständige Aktivitäten des Goethe-Instituts wird angesichts der Sicherheitslage vorerst nur nachgedacht. Das in Deutschland produzierte und von einem Lokalsender ausgestrahlte Irak-Radioprojekt ist insofern auch eine Übergangslösung. Sollte die politische Lage im Irak sich nach der formalen Machtübergabe tatsächlich stabilisieren, wird es Konkurrenz vor Ort bekommen. Ein Kontaktmann der Deutschen Welle ist bereits im Irak.

Seit dem Sturz Saddams sind schon viele einheimische Radiosender entstanden, die jedoch entweder reine Unterhaltung oder reine Propaganda bieten. Es gibt parteipolitische und religiöse Sender einerseits, Pop-Dudelfunk andererseits; das Alltagsleben spiegeln sie allesamt nicht. Die drei Moderatoren von Telefon FM repräsentieren dagegen eine neue Zielgruppe, die zwar in der arabischen Welt zu Hause, aber westlich geprägt ist: Es konnte eine junge Journalistin gewonnen werden, die für die BBC gearbeitet hat und perfektes Englisch spricht, während ihre beiden Kollegen bisher bei Udai Husseins Radio Stimme der Jugend moderierten und in Bagdad einen Plattenladen mit westlicher Musik betreiben. Vor allem diese beiden wirken unpolitisch, es sei denn, man wollte ihre Offenheit für den Westen als politische Haltung werten.

Trotzdem scheuen sie die Öffentlichkeit, denn im Irak leben irakische Journalisten gefährlich. Auf das Gebäude des Bagdader Partnersenders Hot FM ist erst im Juni ein Anschlag verübt worden. Insofern behält die Idee eines Jugendsenders im maroden Bagdad etwas Surreales. Aber wenn das Projekt gelingt, wäre Deutschland nicht nur das erste Land, das den direkten Dialog mit einer weltlich gesinnten irakischen Mittelschicht sucht. Es würde auch dazu beitragen, diese Mittelschicht in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken.