Sachbuch Ach du liebes Deutschland

Wo man landet, wenn man in den Ferien zu Hause bleibt und lesend die Heimat entdeckt

Dieses Jahr nicht. Hallo: Kein Verreisen der Familie. Wir bleiben hier. Die ganzen Ferien. Wo hier ist? Na: Deutschland!

Okay, das war natürlich nicht ganz ernst gemeint. Das war nur so ein kleiner mentaler Übungslauf. Um einmal versuchsweise zu spüren, wie es sich anfühlen könnte, rein gedanklich wollten wir der Möglichkeit nahe kommen, in diesem Sommer 2004 nicht aus Deutschland zu entfliehen. Ganz in Eigenverantwortung natürlich die Entscheidung zu treffen, eine noch tariflich abgesicherte Fluchtmöglichkeit nicht zu nutzen und hier zu bleiben. In Reformquäldeutschland?!

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Man müsste sich wappnen gegen das Entsetzen derer, die jeden Morgen in die Zeitung gucken und aufschreien: »Das ist doch hier zum Davonlaufen!«. Man ahnt, wie sie höhnen würden: »Entspannung suchen im Meer der Hartz-IV-Opfer, oder wie?« Man hört die innere Stimme: Wen man da wohl trifft – hier? Deutsche womöglich.

Der Nachfolger von »Deutschland über alles!« ist bekanntlich der Deutschenhass der Deutschen. Selbst im Ausland fliehen sie voreinander, nichts Schlimmeres, als sich in Lucca zu sonnen, und am Nebentisch lassen sich Deutsche nieder. Womöglich Sachsen! Aus sächsischer Perspektive: Kölner! Gerne wird ignoriert: dass selbst die Ausländer, zu denen wir vor uns selber fliehen, uns für die schlechteste aller möglichen Besetzungen des Nebentisches halten. Europas »Antipathie-Träger Nummer eins« seien wir, meldet Readers Digest. Warum, wissen wir. So unhöflich, das Volk. Keine Manieren. Zu laut. Nationalistisch eben, bis in den Selbsthass. So weit, so abgemacht. Und doch.

Da ist seit längerem schon eine kleine Unsicherheit, ein Tasten nach Neubeginn, das Bedürfnis, sich frisch zu positionieren – hinter der Schlechtgelauntheit, mit der eine Nation ihr eigenes Aussterben hinnimmt, gibt es ja Versuche, die Lage neu zu vermessen. Und vier Bücher schon in diesem Sommer. Thema: In Deutschland leben. Oder: La deutsche Vita, gibt es das? Jemand schaut nach, ob in einem Deutschlandalbum wirklich nur die Fratzen des eigenen ungeliebten Selbst zu sehen wären, wahlweise Sozialstaatsschmarotzer oder Vorstandsschweine, wie die Tagespresse gerne behauptet. Lesen wir die Bücher als Reiseführer.

Hier grinst einer sogar über die gemarterte deutsche Seele

»Ich stand zwischen Dom und Liebfrauenkirche auf dem Domplatz neben einigen herrlichen Fachwerkhäusern und dachte, dass dies zweifellos einer der schönsten Plätze Deutschlands sei, und wie viele andere wunderbare Plätze es im Land gibt, in Städten, die den meisten so unbekannt sind wie mir Halberstadt war, sei es der Altstadtmarkt in Braunschweig, sei es der Markt in Coburg oder der in Bamberg«, schreibt der Journalist Axel Hacke in seinem Buch Deutschlandalbum . Reportagen zur Erkundung der Frage: Was macht uns eigentlich aus, uns Deutsche? Nun ist der Mann keiner, den wir der Deutschtümelei verdächtigen müssten. Hacke ist den Lesern der Süddeutschen Zeitung durch eine Kolumne bekannt, in der er sich schon vor Ausbruch der teutonischen Erziehungsdebatte (Werte! Strenge! Haltung!) selbstironisch über das Eltern-Weichei amüsierte. Wäre dies kein Artikel über Deutsche und ihr Land, man müsste Hacke hier als geradezu köstlich britisch vorstellen mit dieser Lockerheit, der Selbstironie, den eleganten Formulierungen. Sogar der gemarterten deutschen Seele gegenüber erlaubt sich der Kerl zu grinsen. »Wenn Deutschland ein Mensch wäre, würde man sagen: Was ist eigentlich mit seinem Selbstwertgefühl? Hätte man nicht über diesen Staatssekretär auch einfach lachen können?«, lästert Hacke gut gelaunt. »Wenn unser liebes Deutschland ein Mensch wäre, würde man sagen: Daran muss er noch arbeiten«, spöttelt er. Ja, so stellt sich Urlaubslaune her.

Nun wird hier nicht behauptet, dass ein Hacke gleich die deutsche Mentalität umdreht. Es gibt ja Gegenspieler. Peter Richter, um einen zu nennen, der uns ein alarmrotes Buch hingeknallt hat, Titel Blühende Landschaften. Richter ist ein gesamtdeutscher Musterbube: Geburt in Dresden, umtriebig in Hamburg, geschrieben für die SZ, Redakteur bei der FAZ, Urlaub in Südafrika, oder war es Amerika? Nun dröhnt der junge Richter, er habe sich vorgenommen, »eine Art deutsch-deutscher Ethnografie« aufzustellen, man müsse »die Aversionen, Attitüden, Posen und Vorurteile nicht nur so pfleglich und liebevoll behandeln wie ein E-Guitarre, man muss sie endlich mal in den Verstärker einstöpseln«. Ach du liebes Deutschland!

Es zeigt sich, dass die Wiedervereinigung keinesfalls das Ende des letzten Krieges ist und eines der überlebensfähigsten Produkte des Ostens die Vorurteilsmaschine. Es wird bombig geballert, mit Begriffen wie »Ost« und »West«. Nichts ist zu banal, als dass man es nicht in der Kategorie »Gut« (für »Osten«) oder »Böse« (für Westen) wiederfinden würde, Design im Plattenbau (schön hässlich), Haarfarbe der Hamburgerin (blond hässlich), Ostnazis (zu gefürchtet), Balsamico (auch irgendwas zu).

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