frankreich Der Skalp des Ministers

Chirac gegen Sarkozy – Der Generationswechsel in der französischen Politik kündigt sich stürmisch an

Paris

Selten war ein Schnappschuss so treffend. Der Präsident redet mit erhobenen Händen auf den Minister ein, der verstockt zu Boden blickt. Es war während des deutsch-französischen Gipfels am 13. Mai in Paris, als Präsident Chirac seinem Finanzminister Sarkozy im Garten des Elysée-Palastes die Leviten las. Er habe »eine strikt persönliche Angelegenheit« regeln müssen, entschuldigte sich Chirac hinterher beim Bundeskanzler. Auch wenn das Thema des Privatissimums unbekannt blieb, gilt die Gartenszene seitdem als offener Ausbruch der Schlacht um die Macht.

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Würden die Franzosen morgen ihren neuen Staatspräsidenten wählen, hätte Nicolas Sarkozy beste Chancen. Doch weil er bereits drei Jahre vor dem Stichtag 2007 den Kampf eröffnet, hat sich der hyperaktive Politik-Maniac einen beängstigenden Ruf eingehandelt. Viele fürchten, er werde den anstehenden politischen Generationswechsel nicht erleben, weil er bis dahin vor Ehrgeiz und Ungeduld längst durchgedreht sei.

Mit solchem Jugendeifer hatten die Franzosen früher weniger Probleme. Bereits mit 49 Jahren war Valéry Giscard d’Estaing französischer Präsident, Chirac mit 42 Premier und Napoléon mit 30 erster Konsul. Warum also soll sich Nicolas Sarkozy, 49, vorhalten lassen, er habe es zu eilig, an die Staatsspitze zu gelangen? Der ehemalige Rechtsanwalt, Bürgermeister von Neuilly und Innenminister ist Anhänger einer politischen Geschwindigkeitsphilosophie, in der es keine Verschnaufpause gibt. »Die Leute wählen uns«, sagt er, »damit wir uns an die Arbeit machen – von der ersten Minute der ersten Stunde des ersten Tages an.« Ein moderner Politiker besitze nur zwei Manövrierfelder – »Kühnheit und Schnelligkeit«. Gegen den Schmusekurs der Regierung konstatiert er: »Den Wählern sind die Reformen nicht zu scharf, sondern nicht radikal genug.« Aus seiner Sicht gibt es nur einen Grund für politische Misserfolge – »wenn die Politik nicht überzeugend und schnell genug handelt«.

Überzeugungskraft hat der Mann tatsächlich. Als er kürzlich vor 900 streikenden Mitarbeitern des Energiemonopolisten EDF in Chinon auftrat, wurde er mit Buhrufen empfangen, aber nach der Präsentation seiner Privatisierungspläne unter Beifall entlassen. »Sarkozy ist der seltene Typ eines politischen Profis«, urteilt der Medienmanager Alain Minc, »der authentisch geblieben ist.« Er ist kein abgebrühter Staatsschauspieler, sondern vibriert vor Spannung und Sendungsbewusstsein. Dabei verliert er zuweilen die Selbstkontrolle und polarisiert unnötig. Seine Tiraden gegen die Sozialisten im Parlament, bei denen er, wenngleich etwas kultivierter, wie eine Art französischer Franz Josef Strauß Dampf ablässt, sind auch seinen Parteifreunden peinlich.

Doch das Medienecho gibt ihm bislang Recht. Als sei Frankreich völlig ausgehungert nach politischen Erfolgsstorys, hat sich um Sarkozy eine Medienblase gebildet, die jeden Tag neue Wundermeldungen produziert. Seit seiner Ernennung zum Wirtschafts- und Finanzminister im April hat Sarkozy erfolgreich Wachstum und Konsum gesteigert, für nationale Schlüsselindustrien und gegen die 35-Stunden-Woche gekämpft. Doch mit Vorliebe schlägt Sarkozy (»Wahlen verliert man in der Mitte, rechts gewinnt man sie«) über seine Ressortstränge und blamiert den Präsidenten. Chiracs Deutschland-Anbindung ist ihm politisch zu eng, er fordert intensivere Partnerschaften von Spanien bis Polen. Chiracs Türkei- und Nahostdiplomatie? Anstelle der traditionellen französischen Arabien-Kontakte bevorzugt Sarkozy die USA. So bahnt sich zwischen Präsident und Minister längst eine neue Kohabitation an, zu der Sarkozy bislang nur eines fehlt: ein Machtzentrum und Forum, von dem aus er die eigene Staatsregierung sprengen kann.

Die will er sich jetzt mit der Kandidatur für den Vorsitz der Regierungspartei UMP verschaffen, die nach den verlorenen Regional- und Europawahlen vor dem Auseinanderbrechen steht. Für 80 Prozent der 150000 Parteimitglieder, die im September per Urabstimmung den Nachfolger des scheidenden Alain Juppé wählen, ist Sarkozy der Wunderheiler. Denn er hat ihnen eingebläut, dass die UMP nur zu retten sei, wenn sie nach dem Vorbild anderer europäischer Volksparteien von starken Persönlichkeiten wie Aznar, Blair oder eben Sarkozy erneuert werde.

Um seinen populären Widersacher auszubremsen, will Chirac ihn jetzt auf die alte gaullistische Trennung von Partei- und Regierungsamt verpflichten. Demnach müsste ein neuer Parteichef Sarkozy sein Ministerium aufgeben. Diesem Prinzip folgten bislang freilich allein die Sozialisten. Dagegen hatten Chirac als Premier 1986 und Juppé als Außenminister 1994 keine Probleme mit der Kombination dieser Ämter. Nun wartet Frankreich gespannt darauf, wie der Präsident bei seiner Ansprache zum Nationalfeiertag am 14. Juli begründet, warum er seinen populärsten Minister aus der Regierung drängen will. Sarkozy scheut auch deshalb den Konflikt nicht, weil er weiß, dass Frankreichs Präsidenten immer ungnädig zu ihren Kronprinzen waren, aber sie nur selten verhindern konnten: In der Erbfolge von de Gaulle über Pompidou und Chaban-Delmas bis zu Mitterrand, Rocard und Jospin gab es keinen politischen Ziehvater, der seinen Nachwuchs nicht am liebsten weggebissen hätte.

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