Dresdener Glücksfall
Manchmal schlägt das Schicksal versehentlich im richtigen Moment zu. Wenn die Unesco nicht erst jetzt, sondern zehn Jahre eher beschlossen hätte, das Dresdener Elbtal auf die berühmte Liste des Weltkulturerbes zu setzen, wäre dies eine Entscheidung unter vielen gewesen: gut und weise, aber nicht zwingend notwendig. Warum das Elbtal, aber nicht das Saaletal?, hätte man zu Recht fragen dürfen. Warum Sachsen und nicht Sachsen-Anhalt oder Tansania? Zur Zeit befindet sich jedoch das Dresdener Elbtal in akuter Gefahr, durch den Bau einer vierspurigen Autobrücke dauerhaft verschandelt zu werden. Mindestens 140 Millionen Euro soll das stadtplanerisch vollkommen zweifelhafte Bauprojekt kosten, es würde aller Voraussicht nach den Innenstadtverkehr nicht entlasten, wohl aber einen der schönsten Ausblicke auf die Dresdener Altstadt verstellen – vom Waldschlösschen am Neustädter Flussufer hinunter zur Kuppel der Frauenkirche.
Ein reichliches Dutzend Bürgerinitiativen läuft Sturm gegen dieses Vorhaben. Seit Februar gibt es eine wöchentliche Freitagsdemonstration, die Aktivisten haben am mutmaßlichen Brückenkopf einen Lärmsimulator aufgebaut organisiert, im Rathaus eine Schuldenmauer errichtet und mehr als 200 Kastanien, die im Fall einer Baugenehmigung gefällt werden müssten, mit Stanniolpapier umwickelt. Jedoch: Die Brückenbefürworter in der Stadtverwaltung blieben unbeeindruckt, am vergangenen Donnerstag scheiterte der Antrag auf einen Bürgerentscheid.
Wusste der Welterbe-Ausschuss der Unesco, wie groß die Verzweiflung der Dresdener Elbtalschützer ist, als er am Sonntag in China seine Entscheidung traf? Und wenn ja, hätte er dann das Elbtal überhaupt zum Weltkulturerbe ernennen dürfen? Eine zwingende Voraussetzung für diesen Titel ist ja die »Authentizität« des betreffenden Objekts, weshalb die rekonstruierte Frauenkirche beispielsweise nicht in Betracht käme, und auch die fatale neue Brücke wäre das stärkste Argument gegen eine Nominierung des Elbtals. Soeben hat die Unesco den Kölner Dom auf eine andere Liste gesetzt, den roten Index des gefährdeten Erbes, weil die Stadt das gegenüberliegende Rheinufer mit mehreren Hochhäusern verunzieren will. Die Entscheidung fiel ebenfalls im chinesischen Suzouh, und man muss sich fragen, welche Macht hier eigentlich obwaltet. Handelt es sich bei der Erbe-Kommission um eine aufgrund ihrer Weltentrücktheit besonders hellsichtige Instanz, oder täuscht sie ihre Allwissenheit nur vor und ist blind wie das Schicksal? Hat sie mit Vorsatz oder aus Versehen in diesem Jahr auch die Bremer Altstadt und den Muskauer Park zum Kulturerbe erklärt?
Wahrscheinlich trifft keine der beiden Varianten zu, und alles ist noch viel schlimmer. Manchmal, wie im Falle Kölns, greift der Deus ex Machina planvoll ins Geschehen ein. Und manchmal, wie im Falle Dresdens, stolpert er versehentlich im richtigen Moment auf die Bühne. Die Brückengegner jedenfalls glauben noch nicht recht, dass das Unheil vom Elbtal abgewendet ist, sie wollen vorsichtshalber weiterdemonstrieren. Evelyn Finger
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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