computer Coole Kunst im Rechner
Kreative Programmierer führen vor, wie sich auch mit kleinen Mitteln große Wirkung erzielen lässt
Die Teilnehmer der FMX-Konferenz in Stuttgart bekommen große Augen. Tagelang haben sie Vorträge über den letzten Stand der Computeranimation gehört, stets ging es dabei um Multimillionen-Dollar-Produktionen und Datenmengen im Terabyte-Bereich. Jetzt stehen auf der Bühne zwei unscheinbar wirkende Computerfreaks, die ihnen weismachen wollen, dass auch in einer nur 64 Kilobyte großen Datei mehrere Minuten dreidimensionaler Animation mit Musik stecken können – wie soll das gehen? Allgemeines Kopfschütteln und ungläubige Gesichter bei den versammelten Animations- und Special-Effects-Experten, die sonst an Filmen wie Findet Nemo, Shrek oder The Day After Tomorrow mitarbeiten.
64 Kilobyte ist die Größe einer mittellangen Textdatei, ungefähr vom Umfang dieses Artikels. Im Multimedia-Zeitalter ist das eine lächerlich kleine Datenmenge, bei der man vielleicht ein grob gepixeltes Zehn-Sekunden-Video im Handy-Format erwarten würde, aber bestimmt keine minutenlange 3D-Animation in voller Bildschirmgröße, wie sie jetzt auf der Leinwand erscheint. Von elektronischer Musik untermalt, räkelt sich das 3D-Modell einer Frau im Cyberspace. Applaus im Publikum. Die Skeptiker aus der Digitalfilm-Branche sind beeindruckt. Das Ganze erinnert an ein Musikvideo, das gut auf MTV laufen könnte. Mit dem Unterschied, dass im Fernsehen jedes Einzelbild von der Länge einer Fünfundzwanzigstelsekunde schon mehrere Megabyte an Daten verschlingen würde. Selbst die intelligentesten Kompressionsverfahren im Internet, mit denen man es schafft, Videos so kleinzurechnen, dass sie durch Telefonleitungen hindurchpassen, würden bei einer Zielgröße von 64 Kilobyte nur Pixelmüll erzeugen.
»Das Geheimnis ist, dass wir nicht die Bilder und Töne selbst übertragen, sondern ein kleines Programm, das nur aus Textzeilen besteht«, verrät Chaos, Programmierer der Künstlergruppe Farbrausch, die hinter den erstaunlichen 64-K-Animationen steht. »Es steuert den Prozessor und die Grafikkarte des Computers so, dass er jedes Mal genau die Animationen erzeugt, die wir entworfen haben. Alles verläuft in Echtzeit, wird also so schnell berechnet, wie es auf dem Bildschirm dargestellt wird.«
»Die schönste Form des Hobby-Programmierens«
Farbrausch ist ein Kollektiv aus rund 20 Programmierern, Designern und Musikern, dessen Mitglieder zum großen Teil in Hamburg leben. Ihr Geld verdienen sie zumeist mit der Entwicklung von Computerspielen oder in der Werbung. Doch ihre gesamte Freizeit stecken sie in die Erstellung der kleinen Kunstwerke, die man Demos nennt. Demos sind EXE-Dateien, wie sie jeder handelsübliche PC ausführen kann. Sie haben keinen wirklichen Zweck, schon gar keinen kommerziellen. Sie sollen einfach cool aussehen und die Fähigkeit der Macher demonstrieren, das Äußerste aus ihren Werkzeugen herauszuholen. Wer Demos produziert, tut dies aus Freude an der Sache. »Es ist die schönste Form des Hobby-Programmierens«, sagt Chaos, der seit rund 13 Jahren Demos macht und in der Szene eine Art Popstar ist.
Die Demo-Szene trifft sich auf regelmäßigen Partys, in deren Mittelpunkt stets ein Wettbewerb steht. Jede Gruppe bringt ihre PCs mit, feilt oft noch bis zur letzten Sekunde am aktuellen Kunststück, bis es uraufgeführt wird und zur Abstimmung steht. Demo-Partys akzeptieren grundsätzlich nur exklusive Premieren. »Es ist ein irres Gefühl, wenn du dein Werk dann auf der großen Leinwand siehst und die Reaktionen der Leute mitbekommst«, erzählt Fiver2, Designer bei Farbrausch. »Unseren großen Durchbruch hatten wir auf einer Party in Dänemark, da haben wir den ersten Preis gemacht und minutenlange Standing Ovations bekommen. Ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.«
Die größten Partys mit bis zu 1000 Demo-Machern aus aller Welt finden in Deutschland und Finnland statt. Die Assembly in Helsinki und die Breakpoint in Bingen am Rhein sind so etwas wie das Cannes-Festival und die Berlinale der Demo-Szene. Dort trifft man sich zum gemeinsamen Wettstreit, zum Fachsimpeln und zum Biertrinken am Lagerfeuer. »Es gibt wahrscheinlich jede Woche irgendwo auf der Welt eine Demo-Party«, sagt Tobias Heim vom Verein Digitale Kultur e. V., der die Demo-Szene in der Öffentlichkeit vertritt. »Die meisten Demos kommen aus Europa, besonders stark sind Deutschland und Finnland vertreten, aber auch in Ungarn, Polen und Russland gibt es hochklassige Gruppen. Insgesamt gibt es weltweit etwa zehn- bis fünfzehntausend Menschen, die Demos produzieren oder regelmäßig ansehen.«
Kaum existent ist die Szene erstaunlicherweise in den USA, dem Mutterland der Computerei. »Amerikanern ist wahrscheinlich der Gedanke fremd, so viel Zeit und Energie in etwas völlig Nutzloses zu stecken, mit dem man kein Geld verdienen kann«, vermutet Chaos. »Wir Europäer sind da idealistischer.«
Die Ursprünge des Demo-Programmierens liegen in den achtziger Jahren, als mit dem Commodore C64 einer der ersten Volkscomputer auf den Markt kam. Das Cracken, also das Umgehen des Kopierschutzes von Spielen, war schnell ein weit verbreiteter Sport. Die Cracker schalteten kleine selbst gemachte Vorspann-Animationen vor die geknackten Spiele, um zu zeigen, von wem dieser Crack stammte. Diese »Intros« wurden immer aufwändiger, bis sie sich schließlich zur eigenständigen Kunstform der Demos entwickelten, die von mehrköpfigen Teams unter großem Zeitaufwand produziert werden. »Zuerst gab es die Copy-Partys, bei denen man illegal Spiele kopieren konnte«, erzählt Tobias Heim, der selbst zur deutsch-finnischen Demogruppe Haujobb gehört. »Damals gab es ja das Internet noch nicht, man hat sich Disketten per Post zugeschickt oder sich auf Partys getroffen, um Raubkopien zu tauschen.«
Die Raubkopie-Mentalität der frühen Tage ist passé
Schon bald waren die Demo-Wettbewerbe die Highlights jeder Party. Das Cracken trat in den Hintergrund, die Helden waren jetzt die Demo-Macher. Zunächst war der legendäre Amiga-Computer ihr beliebtestes Instrument, erst spät arrangierte man sich mit dem übermächtigen Windows-PC. Wie im Popmusik-Underground formten sich auch in der Demo-Szene ständig neue »Bands« mit wechselnden Mitgliedern und Namen. »Vor der Gründung von Farbrausch waren viele von uns bei der pseudo-elitären Elite Group«, erinnert sich Fiver2. »Wir haben uns absichtlich wie arrogante Schnösel verhalten, von World Domination geprahlt und uns heftige Wortgefechte mit anderen Gruppen geliefert – so ein bisschen wie die East-Coast- gegen die West-Coast-HipHopper. Aber in Wirklichkeit war alles nur ein großer Spaß.«
Bisher kaum bemerkt, hat sich mit der Demo-Szene eine Subkultur entwickelt, in der eine bemerkenswerte Kreativität freigesetzt wird. Die Raubkopie-Mentalität der frühen Tage ist passé, alles ist völlig legal. Mittlerweile werden Demo-Partys von angesehenen Firmen gesponsert. Internationale Kommunikation ist selbstverständlich: Die Mitglieder vieler Gruppen sind über mehrere Länder verstreut. Über Websites wie Scene.org, Pouet oder OJuice und so genannte Disk Mags im EXE-Format hält man Kontakte und tauscht Informationen aus.
Dass junge Leute sich mit Dingen auseinander setzen, die man durchaus als experimentellen Film oder abstrakte Kunst bezeichnen könnte, ist erstaunlich – schließlich sind das nicht gerade typische Elemente der Jugendkultur, die man auf wilden Partys erwarten würde. »Es gibt nur sehr wenige Demos, die klassisch Geschichten erzählen«, sagt Fiver2. »Die Stärken der Demo-Technologie liegen eher in einer möglichst stimmigen Kombination von Musik und visuellen Effekten. Da landet man meist bei eher abstrakten Formen.«
»Neulich haben wir bei einer Demo-Party experimentelle Filme aus den dreißiger Jahren gezeigt, die absolut atemberaubend sind«, ergänzt Chaos. »Als ich das erste Mal Filme von Hans und Oskar Fischinger gesehen habe, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Da denkt man, mit seinem Computer völlig neue, noch nie gesehene Dinge zu produzieren – und dann sieht man diese Filme aus der Vorkriegszeit, die viele Demos alt aussehen lassen.«
Aaron Koenig ist Leiter des Bitfilm-Festivals (3.–7. 11. 2004 in Hamburg), das als weltweit erstes Filmfestival einen Wettbewerb für Demos eingeführt hat
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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