Es sollte ein großes Fest des Sports werden. Als Athen 1997 den Zuschlag für die diesjährige Olympiade erhielt, feierte ganz Griechenland die Heimkehr der Spiele. Sieben Jahre später steckt die Welt im "Krieg gegen den Terror": Die Anschläge vom 11. September 2001, das mörderische Attentat von Madrid im März, der Afghanistan-Feldzug und das Irak-Fiasko haben die Ausrichtung der Spiele in einen Albtraum verwandelt. Wie schützt man 22000 Athleten, Hunderte von Staatsoberhäuptern, zwei Millionen Besucher und vier Millionen Athener vor einem Gegner, der überall und nirgends sein kann?

Eleftherios Ikonomou, Sicherheitssprecher des griechischen Innenministeriums, hat diese Frage wohl unzählige Male gehört. Seine Antwort soll keinen Zweifel zulassen: "Griechenland ist zurzeit eines der sichersten Länder der Welt." Awacs-Flugzeuge der Nato kontrollieren im August mit ihren riesigen Radarschüsseln den Luftraum, Marineverbände sichern Küsten und Häfen. Über den olympischen Stätten wird ein absolutes Flugverbot gelten, unautorisierte Flugzeuge, die nach einer Warnung nicht abdrehen, werden abgeschossen. In den sechs Olympia-Orten sollen insgesamt 45000 Polizisten und 1000 Soldaten im Einsatz sein.

Das Herzstück des 1,2 Milliarden Euro teuren olympischen Sicherheitskonzepts – des teuersten aller Zeiten – aber ist das so genannte C4I-System ( command, control, communication, computers & intelligence). Mit diesem Netz aus Tausenden von Computern, 1577 Überwachungskameras, Bewegungsmeldern und Unterwassersensoren in Hafenbecken, das von der US-Firma SAIC und Siemens aufgebaut wird, sollen Polizei, Feuerwehr und Küstenwache jederzeit Herr der Lage sein.

Wie ein digitales Nervensystem soll das C4I-System den 116 Operationszentralen in jeder Sekunde Informationen darüber liefern, was in den Sicherheitszonen um die olympischen Stätten vor sich geht. "Um jede gefährdete Anlage wird ein Ring aus jeweils zwei Zäunen installiert, auf denen hochauflösende Kameras und Infrarotsensoren angebracht sind", erklärt Eleftherios Ikonomou. "Dazwischen, in der ›neutralen Zone‹, patrouillieren Polizeistreifen." Zusätzlich sollen kleine Zeppeline 24 Stunden am Tag ohne Unterbrechung über den Sportkomplexen schweben und Nahaufnahmen aus der Luft liefern. Außerhalb dieses Überwachungsrings für die olympischen Anlagen liegt die "Zone des kontrollierten Zugangs". Diese darf nur von rund 4000 autorisierten Fahrzeugen befahren werden. Und daran schließt sich eine weiträumige "Zone des kontrollierten Verkehrs" an, in der neben zahlreichen Straßenposten auch Kameras ein Auge auf alles haben, was durch die Stadt rollt.

Die Datenmassen, die aus den Sensoren in die Rechner des C4I-Systems strömen, haben aber nur dann einen Sinn, wenn sie augenblicklich ausgewertet werden. Eine Herkulesaufgabe, die die 1200 Operatoren in den Einsatzzentralen allein nicht bewältigen könnten. SAIC hat deshalb von der englischen Datamining-Firma Autonomy eine spezielle Software eingekauft. Diese bildet gewissermaßen das Gehirn des olympischen Nervensystems, das auch Bild- und Sprachdaten auswerten kann.

Anders als bei Suchmaschinen wie Google durchsucht die Software die Daten nicht nur nach vorgegebenen Begriffen oder Mustern. Mit Hilfe von speziellen Algorithmen erschließt Autonomy auch, in welchem Kontext eine Information steht: Für eine Krähe, die direkt hinter einem Stadionzaun gelandet ist, muss man niemanden losschicken – bei einem Wurfanker sollte man doch besser die Polizei in Bewegung setzen. "In der Londoner U-Bahn hilft die Software, auf den Bahnsteigen Bewegungen unter den Passagieren zu erkennen, die auf eine Belästigung hindeuten", erklärt der Autonomy-Experte Ian Black. Zaubern kann allerdings auch diese Technik nicht: Die Software speichert nur bekannte Bildmuster und vergleicht sie in Echtzeit mit neuen Videodaten. Das Unterscheidungsvermögen des Systems hängt also wesentlich davon ab, mit welchen Inhalten es gefüttert wird.

Die Entwicklung des derzeit modernsten und komplexesten Überwachungssystems stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Sie begann mit achtmonatiger Verspätung im Mai 2003, nach langem Gefeilsche zwischen SAIC und der griechischen Regierung, in dessen Verlauf der Preis von 600 auf 255 Millionen Euro gedrückt wurde. SAIC hatte bereits das C4I-System für die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City geliefert. "Im Grunde mussten wir aber ganz von vorn anfangen", sagt David Tubbs, der Leiter des Athener SAIC-Teams. "Das hat die Sache viel komplizierter gemacht, als es mit solchen Systemen bei Olympiaden sonst der Fall ist." Den Verhandlungen zum Opfer fiel etwa ein so genanntes Dispatch-System, das automatisch empfiehlt, wie viele Sicherheitskräfte zu einem potenziellen Tatort ausrücken sollen.

Die notorisch verspäteten Bauarbeiten der olympischen Anlagen verzögerten den Aufbau des Systems weiter. "Sie können keine Kamera auf einen Zaunpfahl montieren, wenn der Zaun noch nicht steht", schimpfte ein Beteiligter in der Athens News. Der Wochenzeitung wurde auch ein interner Bericht zugespielt, nach dem zwei erste Testläufe im Dezember und im März die im Entwicklungsplan festgeschriebenen Anforderungen drastisch verfehlten. Statt am 28. Mai konnte SAIC das C4I-System der griechischen Regierung deshalb erst am 30. Juni fertig übergeben. Das aber bedeutet, dass die griechische Polizei noch ganze sechs Wochen Zeit hat, sich einzuarbeiten.