Oper Eine andere Frau für den armen König

Luk Perceval inszeniert Wagners »Tristan und Isolde« in Stuttgart mit einer starken Nebenfigur

Auf der abschüssigen, leeren Bühne der Stuttgarter Staatsoper liegen im Halbdunkel Tristan, der Held, sein Freund Kurwenal und der Verräter Melot. »Tot denn alles! Alles tot!«, singt König Marke, über ihm dehnt sich ein kalter Himmel. Selbst die Sterne flackern dunkel, und es wäre nicht weiter verwunderlich, wenn selbst der süße Schlussgesang der Isolde, ihre lustvolle Klage und Selbstfeier, auf einmal von jemand anderem, Finstererem gesungen würde. Brangäne beispielsweise, Isoldes Freundin, hier als Einzige in Signalrot gekleidet, stünde bereit zu einem letzten Wort. Aber das traut sich der Regisseur Luk Perceval dann doch nicht.

Kein Schiff, kein Meer, kein Bett, kein Garten, kein Stuhl, kein Tisch, kein Trank, keine Fackel, keine Zinne: es gibt nichts an Dekor auf dieser Bühne, außer einem Stilett, das Brangäne erst Isolde und später Melot zusteckt. Bei Luk Perceval sind Cornwall und die Burg Kareol Orte wie Lars von Triers Dogville – öde, gottverlassen, voll geisterhafter Gestalten. Nur Töne sind da. Und Wörter. Tristan und Isolde. Perceval lässt zentrale Begriffe und manchmal ganze Passagen des Librettos auf den Bühnenhintergrund projizieren. Sie laufen an der Wand entlang und übers Eck, mal groß, mal klein, wie sie im Buche stehen. Am Ende ergreifen die Wörter gänzlich Besitz von den Sängern und spiegeln sich ineinander, nur dass der Gesang keine Verbindung zwischen den Figuren herstellt.

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Diese Inszenierung handelt von einsamen Menschen. Tristan und Isolde sind hier kein Paar, man merkt ihnen ihre Liebe kaum an. Vor langer Zeit einmal tauschten sie tiefe Blicke. Nun aber können sie einander nicht mehr in die Augen sehen. Selbst in den Momenten größter Nähe bleiben sie einander fremd. Tristan und Isolde können in Luk Percevals Stuttgarter Inszenierung gerade noch gemeinsam singen und sich die Hand reichen. In Wirklichkeit jedoch sind sie längst schon innerlich an ihrer Rede erstickt. Als die Dämmerung sich auf die Bühne senkt, steht da lange Zeit nur noch ein Wort zu lesen: »Ich«. Jeder liebt für sich allein.

Ansatzweise kommt einem das bekannt vor. Elf Jahre und eine halbe Ewigkeit ist es her, dass der Katastrophenliebhaber Heiner Müller Tristan und Isolde in Bayreuth (halb aus Überzeugung, halb aus Spaß an der Traurigkeit) fast beziehungslos nebeneinander stehen ließ, sodass mancher die bange Frage stellte, ob sich Tristan und Isolde eigentlich nie geliebt haben. Müller antwortete auf seine geheimnisvolle Art mit einem »Glaub ich schon«.

Luc Perceval, der als Regisseur auch viele Schlachten geschlagen und etliche Helden zur Minna gemacht hat, denkt da feinsinnig weiter. Dass Tristan und Isolde im Leben nicht zueinander kommen können, liegt daran, dass sie sich in ihren Ideen verlieren: Ihr Denken ist viel zu tief. Die viel beschworenen Höhepunkte in Richard Wagners Musik, vom Dirigenten Lothar Zagrosek und dem glänzenden Stuttgarter Staatsorchester die meiste Zeit bewusst entspannt entwickelt, liefern dieser Lesart gute Argumente.

Perceval allerdings misstraut dem falschen Liebestod-Idyll. Er versteht das Mörderstück nicht als jenseitige Utopie, sondern als diesseitige Handlungsanweisung. Er hat beim Verfertigen seiner Gedanken während des Regieführens offenbar zu sich selbst gesagt: Es ist Brangäne, auf die es ankommt! Brangäne, die Vertraute der tragischen Heldin Isolde. Brangäne, die Tristan und Isolde den Liebestrank reichte anstelle des Todestranks. So eine Brangäne wie Michaela Schuster hat man jedenfalls noch nie gesehen und nur selten gehört. Nicht nur im großen, prononciert warmen, emphatischen Ton ist sie dem guten Ensemble (darunter Gabriel Sadé als verschatteter Tristan, Lisa Gasteen als sichere, nicht übermäßig lyrische Isolde und Wolfgang Schöne als liedhaft kräftiger Kuwenal) oft voraus.

Sie ist ihnen allen auch in einer anderen Hinsicht überlegen: Brangäne wirkt nicht als theatralisches Postulat, also beladen und belastet, sondern als Mensch. Sollen die anderen sich ins Nirwana singen, Brangäne will ihr Glück hier und jetzt haben. Wenn Tristan und Isolde, statt den Liebestrank zu nehmen, miteinander ringen, einander schütteln, bis sie die Angst vor der Liebe einigermaßen überwunden haben, schaut Brangäne zu und leidet wie ein Hund. Isolde kann Tristan nicht glücklich machen. Brangäne hätte es vielleicht gekonnt.

Es sind solche Szenen, die Percevals Regie zu einem Ereignis machen. Seine Arbeit am Mythos Tristan besteht darin, sich nicht auszuliefern, sondern – über den Müller von Bayreuth hinaus, dem er sehr wohl im Geiste verpflichtet ist – standzuhalten. In diesem Sinne arbeitet Perceval subversiv. Er rebelliert nie gegen Wagner, aber zu seinem Erfüllungsgehilfen macht er sich auch nicht.

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