Noch nie in der Geschichte gab es so viel Musik wie heute: live, im Radio, auf Tonträgern, schlummernd in Archiven. Die schiere Menge nimmt täglich zu, auch die Vielfalt wird immer größer. Noch nie hatten Hörer solche Auswahl wie heute: Der Trichter des Grammofons hat sich nach hundert Jahren in ein Füllhorn verwandelt.

Schon gibt es pro Stunde Lebenszeit mehr als zwei Stunden musikalischer Neuerscheinungen. Das alles zu hören ist nicht möglich, aber ja auch nicht nötig. Die Zeitgenossen können schwelgen – welch paradiesischer Zustand!

Heute können uns die Kings Of Convenience aus Norwegen mit ihren herzerwärmenden Folk-Balladen den Abend versüßen. Oder sollen wir MadLib oder Clouddead hören, HipHop in entschlackter, aufgerauter, durchtrainierter Form? Oder wie ist es mit jener alten Nico-Platte: Chelsea Girl – gibt es brüchigere Melancholie? Oder Nik Bärtsch aus der Schweiz mit seinen Ritual Grooves: die repetitiv klingen wie elektronische Musik, aber alles ist auf richtigen Instrumenten handgemacht, jeder Loop gespielt. Oder wie wär’s mit Instrumental-Rock von Billy Mahonie?

Manch ein Leser wird hier verwirrt einhaken: Wie, was? – Er hat die meisten Namen nie gehört, geschweige denn die Musik.

Das ist in der Tat ein Phänomen: Dem Mehr an Musik steht ein Weniger an Leuten gegenüber, die sie kennen. Und der traurige Grund dafür ist rasch benannt: Weder die Musikindustrie noch das Radio noch die Fachpresse bemühen sich hinreichend um Vermittlung. Selbst für viele erfahrene Hörer kommt der neue heiße Tipp nach wie vor vom guten Freund. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, aber die musikalische Ästhetik vermittelt sich immer noch von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr.

Die CD-Industrie ist nur am Absatz ihrer Megastars interessiert. Lässt der nach, wie in den vergangenen Jahren geschehen, beginnt ein Geheul nach Art der Dinosaurier kurz vor der Extinktion.