Chronist des Jahrhunderts
Als Walter Kempowski 1993 die ersten vier Bände seines Echolots veröffentlichte, war die Verblüffung des Publikums groß. Der 1929 in Rostock geborene Autor wurde in den siebziger Jahren durch technisch raffinierte Zeitromane wie Tadellöser & Wolff, Uns geht’s ja noch gold und Ein Kapitel für sich bekannt und durch Eberhard Fechners Fernsehfilme nach ebendiesen Romanen populär. Hier nun entwickelte er eine ganz neue Art der Geschichtschronik. Aus privaten Aufzeichnungen, Briefen, Memoiren entstand ein »kollektives Tagebuch«, zunächst die Monate Januar und Februar 1943 umfassend, 1999 in weiteren vier Bänden den Winter 1945. 2002 folgte ein Echolot zum Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion (Barbarossa ’41).
Der deutsche Literaturkritikbetrieb, von epigonalem Geschmack dominiert, hatte den Autor oft genug geschnitten, jetzt zeigte man sich begeistert. Bieten doch Kempowskis Panoramen, für die er viele Jahre lang Material gesammelt und in seinem Haus im niedersächsischen Dorf Nartum archiviert hat, ganz neue Einblicke in das furiose, nicht selten kuriose Zugleich und Nebeneinander, das wir Geschichte nennen.
Allerdings ist das Verfahren nicht ohne Tücken, was auch für dieses Dossier zum 20.Juli gilt, das Walter Kempowski zusammen mit seinem Mitarbeiter Dirk Hempel nach dem Echolot- Prinzip für die ZEIT collagiert hat. Denn unveröffentlichtes, seit dem Tag der Niederschrift gleichsam versiegelt gebliebenes Material mischt sich mit später veröffentlichten Texten oder gar solchen, die überhaupt erst in der Rückschau entstanden sind. Das kann zu Verzerrungen führen: Nicht jeder stille Gegner des Nazi-Regimes mag den Mut aufgebracht haben, sich in jener Zeit seinem Tagebuch oder einem Brief offen anzuvertrauen, während mancher, der damals mit heißem Herzen an den »Führer« und »Deutschland« glaubte, seine Notate im Nachhinein möglicherweise etwas gefühlsretuschiert hat. Insofern ist auch hier, wie stets und selbstverständlich bei allen historischen Quellen (und wahrlich nicht nur da), der kritische Leser gefordert.
Doch was immer zwischen den Zeilen steht oder in der Erinnerung geschönt wird: Walter Kempowskis Stimmenbild lässt den 20. Juli 1944 noch einmal so präsent werden, wie es kaum eine Darstellung vermag. Denn anders als gängige Dokumentationen evoziert seine Collage den Tag des (nach Georg Elsers Versuch 1939) zweiten und letzten Attentats auf Adolf Hitler, das zur Ausführung kam, nicht im Stil der aktualisierenden Sondermeldung – sondern als Teil einer Kriegs- und Wahnwirklichkeit, die uns heute, bei all unserem historischen Wissen, nur noch unbegreiflich erscheint. B.E.
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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