Judentum
Warum diese Angst?
Ein neues Misstrauen prägt die deutsch-jüdischen Debatten der vergangenen Wochen
Michael Wolffsohn, Historiker an der Universität der Bundeswehr und bekennender deutschjüdischer Patriot, fühlt sich gekränkt, missverstanden und schlimmer noch: verfolgt. Seit er am 5. Mai bei Sandra Maischberger »Folter oder die Androhung der Folter« als »eines der Mittel gegen Terroristen« für »legitim« erklärt hatte, sieht er sich einer »Hetzjagd« ausgesetzt. »Angehörige der Bundesregierung«, so klagt Wolffsohn in einem Brief vom 25. 6.), hätten ihn »zum Abschuss freigegeben«. Seine »Jäger«, namentlich sein Dienstherr Peter Struck und Joschka Fischer, seien zwar »keine Antisemiten«, aber es falle doch ins Auge, dass unter allen Teilnehmern der Folterdebatte nur er als Person attackiert worden sei, während nach den Äußerungen der Nichtjuden kein Hahn krähe. Wolffsohn folgert: »Das kann nur dem Juden gegolten haben.«
Und so überschrieb er seinen Text mit dem berühmten Ausruf J’accuse, mit dem Emile Zola 1898 das Unrecht angeklagt hatte, das dem jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus widerfahren war. Dreyfus war aufgrund gefälschter Dokumente der Spionage für Deutschland beschuldigt, degradiert und auf die Teufelsinsel deportiert worden. Wolffsohn ist nicht angeklagt worden. Der Verteidungsminister hat ihn zum Gespräch eingeladen, seine Professur hat er nicht verloren. Ist es Antisemitismus, wenn Vertreter der deutschen Politik laut über die Eignung Michael Wolffsohns als Lehrer an einer Bundeswehrhochschule nachdenken? Wolffsohn als Dreyfus und Zola in Personalunion – die Inszenierung hat etwas Frivoles.
Vom Streit um die Flick-Sammlung zu Michael Wolffsohns »J’accuse«
Damit nicht genug: Er tritt auch noch als ein neuer Herzl auf. Ausgerechnet er, der sich vor zehn Jahren mit den Autoren des Buches Die selbstbewußte Nation für ein neues deutsches Nationalbewusstsein stark machte, glaubt nun, dass nur »Israel für uns als Juden sicher« ist. »Wieder«, so Wolffsohn, »verstehen ›die Deutschen‹ unsere jüdische Welt nicht mehr – und wir nicht die Welt der Deutschen. (…) Und wieder sind wir so weit voneinander entfernt wie zu Herzls Zeiten.«
Der Schriftsteller Rafael Seligmann findet die Selbststilisierung Wolffsohns »mehr als peinlich«: »Wolffsohn hat etwas gesagt, das gegen den Geist unserer Verfassung ist, und nun erklärt er die Kritik für antisemitisch. Er hat sich verrannt, jetzt sucht er ein Alibi.« Die jüdische Religion lasse sich, meint Seligmann, zwar sehr wohl zur Rechtfertigung der Notwehr, nicht aber der Folter in Anspruch nehmen. Die Lehre von der Heiligkeit des menschlichen Lebens schließe dies aus. Seligmann, seit seinem Roman Der Musterjude ein Experte für die schwarze Komik der deutsch-jüdischen Debatten, fällt zum Fall Wolffsohn der alte Witz von Moische ein, der den ersehnten Job als Rundfunkmoderator nicht bekommen hat. Nach dem Grund für die Ablehnung befragt, sagt Moische stotternd: »A-a-antisemitimus.«
In einem Punkt kann Seligmann Wolffsohn sehr wohl verstehen. Es gebe seit einiger Zeit unzweifelhaft einen dreisten Antisemitismus, der sich offenbar als salonfähig empfinde: »Judenfeindliche Hassbriefe tragen heute die komplette Anschrift der Verfasser.« Michael Wolffsohn hat solche Briefe bekommen. Auf diese Weise angegriffen zu werden entschuldigt aber wiederum nicht Wolffsohns Infamie, Joschka Fischer wegen seiner Palästinenser-Sympathien von vor 35 Jahren als grünen Wiedergänger des NS-Juristen und späteren Staatssekretärs Adenauers, Hans Globke, zu diffamieren, der »proisraelische Politik als Wiedergutmachung des vorangegangenen Kontrastprogramms« betreibe.
Man könnte die Angelegenheit als Episode abtun, wenn sie nicht in ein allgemeines Klima der Gereiztheit in den deutsch-jüdischen Debatten passen würde. Der seit Monaten anhaltende Streit um die Präsentation der Flick-Sammlung in Berlin wird ebenfalls mit bislang unbekannter Schärfe ausgetragen. Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte die Ausstellung »eine Art Weißwäsche von Blutgeld« genannt. Er wandte sich dagegen, dem Enkel des in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilten Friedrich Flick »eine öffentliche Bühne für die Rehabilitierung ihres Familiennamens« zu bieten. Als die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sich ihrerseits gegen die »Sippenhaft« für den Flick-Erben verwehrte, legte Korn nach und sah nun gar Tür und Tor für eine hypothetische »Göring-Collection« in Berlin geöffnet.
Wer Korn zuvor als sachlichen und präzis formulierenden Sprecher kennen gelernt hatte, musste schockiert sein von der ungebremsten Wut dieser Attacke. Ist dies derselbe Korn, der den Bau des jüdischen Museums im September 2001 als »ein öffentliches Bekenntnis der Juden zu Deutschland und zu einer jüdischen Zukunft in Deutschland« gelobt hatte? Es sei schwer zu erkennen, was er strategisch eigentlich mit seiner Attacke erreichen wolle, wird in Kreisen des Zentralrats gesagt. Die Ausstellung verhindern? Der Zentralratsvorsitzende Paul Spiegel hat jetzt enthüllt, dass der Zentralrat schon vor zwei Jahren über die Flick-Collection debattiert und festgestellt habe, es handele sich, weil es hier nicht um Beutekunst gehe, »um kein explizit jüdisches Thema«. Warum versucht Korn nun doch mit aller Macht, es dazu zu machen? Will er sich mit scharfen Tönen profilieren?
Andreas Nachama war Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, bevor er Geschäftsführer der NS-Gedenkstätte Topographie des Terrors wurde. »Die Schärfe der heutigen Auseinandersetzungen«, sagt er, »kann einen schon erschrecken lassen.« Müsste sich mit dem Übergang von der Opfer- und Überlebendengeneration zur Nachkriegsgeneration das deutsch-jüdische Verhältnis nicht eigentlich entspannen? Nachama meint, die Generation der Zeugen, zu der Männer wie Heinz Galinski, Ignatz Bubis und sein Vater Estrongo Nachama gehörten, war trotz (oder gerade wegen) ihrer schrecklichen Erlebnisse in ihrem Verhältnis zur Bundesrepublik sicherer. Sie hatte ihre klare historische Mission als Zeitzeugen (»Nie wieder!«), und viele von ihnen waren religiös verwurzelt. Ihre Kinder, die heute meist ohne klare religiöse Identität in vorderster Reihe stehen, müssen neu definieren, was Judentum in Deutschland künftig bedeuten soll. Man begegnet ihnen nicht mit dem gleichen selbstverständlichen Respekt wie ihren Eltern, deren Trauma sie geerbt haben. Gleichzeitig wendet sich die nichtjüdische deutsche Gesellschaft ihren eigenen Leidensgeschichten im Bombenhagel und bei den Vertreibungen zu, das führt verständlicherweise zu Irritationen bei vielen Juden. Deidre Berger, die das Berliner Büro des American Jewish Committee leitet, hat das Thema der deutschen Opfer kürzlich bei einer Versammlung ihrer Organisation zur Sprache gebracht. »Ich habe dafür plädiert, das Leiden deutscher Zivilisten ohne irgendeine Aufrechnung anzuerkennen. Aber schon das Wort Anerkennung war für einige ältere Teilnehmer zu viel. Sie sind noch nicht so weit.«
Nachama glaubt, dass man die neue Gereiztheit nicht auf die Profilierungswünsche einzelner Sprecher der jüdischen Gemeinschaft reduzieren könne. Der jüngste Skandal der Berliner Gemeinde spricht für eine tiefer gehende Krise. Hilde Schramm, eine frühere Abgeordnete der Alternativen Liste, hatte sich seit den Achtzigern sehr für die Aufarbeitung der NS-Geschichte engagiert. Sie hatte den Verein Zurückgeben ins Leben gerufen, der sich für die Rückgabe geraubten jüdischen Eigentums einsetzt und jüdische Künstler fördert. Dafür sollte Frau Schramm im Herbst in der Synagoge Rykestraße mit dem Moses-Mendelssohn-Preis geehrt werden. Hilde Schramm ist allerdings die Tochter von Albert Speer. Der Gemeindevorsteher Albert Meyer lehnt es ab, »der Tochter eines NS-Oberen« in einer Synagoge den Preis zu verleihen. Es gebe dafür kein Verständnis in der Gemeinde. Frau Schramm ihrerseits ist die Sache peinlich, denn sie hat volles Verständnis für die Empfindlichkeiten.
Warum dieser Eklat? Man hätte sich vorher stillschweigend auf einen neutralen Ort einigen oder die Ehrung zur Demonstration machen können: Hilde Schramm legt nämlich jene gewissenhafte Haltung an den Tag, die man bei Friedrich Karl Flick so vermisst. Nun aber steht die Gemeindeführung verbiestert und ungeschickt da. Andreas Nachama vermeidet direkte Kritik an seinen Amtsnachfolgern, aber man kann spüren, dass er sich am liebsten die Haare raufen möchte. Er spricht von einer neuen »Wagenburg-Mentalität« in den jüdischen Gemeinden. Es fehle auch an der »spirituellen Weiterentwicklung« des deutschen Judentums, meint er, der selbst als Rabbiner liberaler Ausrichtung Dienst tut.
Die offiziellen Vertreter und Sprecher der deutschen Juden, so Nachama, seien oft in ihren eigenen Gemeinden isoliert. Vor allem der Zuzug der Juden aus Russland dramatisiert diese Lage. In Berlin sind von den etwa 12000 Gemeindemitgliedern ungefähr 6000 russische Zuwanderer. »Die meisten von ihnen«, sagt Nachama, »stehen unseren deutschen Debatten fremd gegenüber. Der Holocaust spielt für ihre jüdische Identität nicht die zentrale Rolle.« Eine Gruppe ehemaliger jüdischer Rotarmisten wollte sich während seiner Amtszeit mit Ehemaligen der Waffen-SS zu einem Veteranentreffen verabreden. Es habe Mühe gekostet, sie davon abzuhalten. Die erfreuliche Tatsache, dass Deutschland zur Zuflucht für Tausende Juden geworden ist, spielt seltsamerweise keine Rolle in den heutigen Debatten. »Für die jüdischen Neubürger«, so Nachama, »bedeutete Antisemitismus in Russland, als Jude keinen Job zu bekommen oder auf der Straße zusammengeschlagen zu werden.«
Das neue Israel-Bild der Medien und der alte deutsche Antizionismus
Leider ist Letzteres auch in Europa keine Seltenheit mehr. Letzte Woche erst wurde in Brüssel ein Talmudschüler auf offener Straße mit dem Messer attackiert. Deidre Berger beobachtet die Zunahme antisemitischer Gewalttaten in Europa mit Sorge: »Wir bekommen aus Amerika immer öfter aufgeregte Nachfragen, ob Juden in Europa sicher leben können. Wir haben den Eindruck, dass der arabisch-muslimische Antisemitismus in Europa nicht genügend Beachtung findet.« Berger, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt, beobachtet eine schwindende Empathie mit Israel. Dass die Intifada nicht nur den Aufstand der Entrechteten, sondern auch den Angriff einer totalitären religiösen Ideologie auf eine rechtsstaatliche Demokratie darstelle, wollen zu wenige in Europa erkennen. Der Münchner Journalist Richard Chaim Schneider springt ihr bei: Er könne Scharon kritisieren, so viel er wolle – immer öfter werde ihm als Jude in Fragen der israelischen Politik »doppelte Loyalität« unterstellt. Schneider fürchtet, dass die Deutschen sich immer stärker von Israel distanzieren: »Es gibt da eine neue Wurstigkeit: ›Lasst uns jetzt endlich mal in Ruhe.‹«
Cilly Kugelmann, seit zwei Jahren Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin, hat als junge Frau einige Jahre im Kibbuz gelebt. Sie empfindet den »in Deutschland gerade in linken Kreisen verbreiteten Antizionismus als verkleideten Antisemitismus, der Israel das Existenzrecht bestreitet«. Aber den Alarmismus über eine angebliche neue antisemitische Gefahr hält sie für maßlos übertrieben. Das Israel-Bild der deutschen Medien sei nicht ausgewogen, doch »zu ernsthafter Israel-Kritik« gebe es »weiß Gott genug Anlass«. Sie hat in der Ausstellung die jüdische Israel-Kritik mit einbezogen, gegen teils heftigen Widerstand aus der jüdischen Community. Cilly Kugelmann steht für einen offensiven, angstfreien Umgang mit den deutsch-jüdischen Reizthemen. Der Zuspruch gibt ihr Recht: »Wir haben hier Jahr für Jahr eine halbe Million Besucher, die sich für jüdisches Leben in Deutschland interessieren. Das ist doch wohl ein Erfolg.« Es gebe zwar immer wieder Versuche zur Entsorgung der deutschen Vergangenheit: »Aber sie sind – von Nolte bis Walser und Hohmann – alle erfolgreich zurückgewiesen worden. Auf die deutsche Öffentlichkeit kann man sich in dieser Hinsicht verlassen. Diese Errungenschaft wird oft nicht gesehen. Da fehlt mir manchmal ein Moment von Aufrichtigkeit.«
Die Aufregung der heutigen Debatten wirke auf sie, meint Kugelmann, bei aller Absurdität auch beruhigend – »weil man es sich hier auch nach 60 Jahren noch nicht leicht macht.« Cilly Kugelmanns Blick auf die deutsch-jüdischen Verhältnisse ist ironisch-optimistisch: »Wissen Sie«, sagt sie mit einem resignierten Schmunzeln, »für Juden in Deutschland tun sich trotz aller Normalisierung manche Fallen auf. Es gibt immer die Versuchung, qua Jude interessant zu sein und die moralische Instanz zu spielen. Diese Rolle wird einem förmlich aufgedrängt. Man muss schon sehr stark sein, um dem zu widerstehen.«
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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