Kunst Und tschüs
"Die Zehn Gebote" - eine Kunstausstellung im Dresdener Hygiene-Museum legt den sündigen Menschen auf den Seziertisch
Natürlich wäre Pater Friedhelm Mennekes, der Jesuit an der Kunstfront in Köln, nie auf den Gedanken gekommen, eine Ausstellung über die Zehn Gebote in seiner Kunststation St. Peter zu veranstalten. Er zeigte internationale Künstler mit Rang und Namen in seiner Kirche, die Kunstfreunde kamen, die Gläubigen schauten/hörten zu. Wenn jetzt das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden, in dem seit 1930 der berühmte Gläserne Mensch und damit die durchschaubare Inkarnation des Themas Gesundheit und Krankheit zu bewundern ist, eine Ausstellung über den Dekalog macht, dann ist hier ein ähnlicher Impetus am Werk. Auf den normalen Kunden kann man sich nicht mehr ganz verlassen, weder hier noch dort. Also lädt man sich die Kunst ins Haus.
Video eines Paares, das live fürs Kunstpublikum kopuliert
Der Dekalog, für das Judentum wie das Christentum der zentrale Text, als Thema in einem Haus, das sich dem so genannten Odol-König Karl August Lingner verdankt? Lingner kam durch die Entwicklung eines Mundwassers zu Geld, mit dem er später die Information über Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung in Ausstellungen und schließlich einem Museum jedermann zugänglich machte. Aparte Parallelen leuchten auf am Horizont der Heilsversprechen.
Die Dresdener Ausstellung beginnt mit einem Raum, in dem, unter anderem, eine Tora-Rolle und Luthers Handexemplar der hebräischen Bibel mit seinen Anmerkungen liegen, daneben zehn Exemplare des Kleinen Katechismus, Wittenberg 1547, aufgeschlagen ist jeweils ein Gebot. Die Zehn Gebote der sozialistischen Moral, die in der DDR gelegentlich auch die Jugendweihe begleiteten, kommen hier übrigens nicht vor. Schade. An der Wand, deren Tür sich zur Ausstellung öffnet, dann die Zehn Gebote, wie sie Hans der Maler im Jahr 1528 illustrierte. Ähnlich wie bei Cranachs Version dieses Themas, 1516 vom Rat in Wittenberg in Auftrag gegeben und heute dort im Lutherhaus zu besichtigen, teilt sich die Umsetzung der Gebote ins Bild in zwei Gruppen auf: Es gibt die Gebote, deren Einhaltung man problemlos darstellen kann, wie zum Beispiel das erste und das zweite. Aber wenn es um Ehebruch, Diebstahl oder Mord und Totschlag geht, also die größere Anzahl der nicht abstrakten, sondern sehr praktischen Verbote, dann muss die drastisch illustrierte Überschreitung der Gebote für ihre Einhaltung plädieren. Der Dekalog, so schreibt der Theologe Frank Crüsemann in einem lesenswerten Katalogbeitrag, »weist den Geboten die Funktion der Ausgestaltung der Freiheit zu«.
Die Zehn Gebote heute. Man hat nicht, was doch sonst so gern gemacht wird im Kunstbetrieb des Zeitgenössischen, Künstler um einen Beitrag gebeten, von der eigenen Auswahl einer bereits vorhandenen Arbeit bis hin zu verbalen oder dreidimensionalen Verweigerungen. Das wäre interessant gewesen. Stattdessen hat ein Kurator aus dem vorhandenen und ihm bekannten Angebot ausgewählt, und wenn man durch die Räume geht, sieht es auch nicht viel anders aus als auf einer Berli-, Bien- oder sonstigen -nale. Wobei der erste Raum mit Olaf Nicolais Portrait of the Artist as a Weeping Narcissus und Mauricio Cattelans Spermini die ersten zwei Gebote, also den Alleinherrschaftsanspruch mit dem folgenden Verbot der Verbildlichung, auf eine eindrückliche und zugleich selbstironische Art zusammenfasst. Der Ego-Meister einmal in Lebensgröße am Boden kniend und in selbstverliebter Tränenseligkeit in seine Tränenpfütze starrend; das andere Mal das unedle eigene Profil in endlos multiplizierten grotesken Halbmasken, die eine Wand locker füllen. Auftritte des Künstlergottes, nicht des Gotteskünstlers.
Eine Basis, die auch für die folgenden Exponate/Gebote/Räume gilt, und dass hier die Unterscheidbarkeit der Gebote immer mehr verschwindet, hängt nicht zuletzt mit dem Dekalog selbst zusammen, acht Gebote hätten’s nämlich auch getan. Und so akkumulieren sich Arbeiten (vorwiegend Videos, Filme, Fotos), die vom Fotoporträt des George W. Bush und dem Superangebot im Supermarkt bis hin zu Prostitution und Bettelarmut den Kontrast von Gewalt und Ohnmacht, Armut und Reichtum als Basso continuo haben. Bilder, die zum größten Teil aus Asien, Südamerika oder der so genannten Dritten Welt kommen.
Originalzunge eines Mexikaners, der im Straßenkampf ums Leben kam
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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