Kunst Und tschüsSeite 2/2
Das Video, in dem per Anzeige akquirierte Menschen der Ersten Welt auf dem Fußboden vor einem Publikum kopulieren, das Beifall spendet, sehen sich kunstinteressierte Besucher natürlich ebenso gern und ausführlich an, wie wohl frühere Betrachter sich die allerdings eher komische Szene des drohenden Ehebruchs im heimischen Schlafzimmer bei Hans dem Maler oder Lucas Cranach angeschaut haben. Preiswerter geht’s nicht. Ein Gegenbeispiel dazu ist Andrea Zittels A-Z Time Tunnel genanntes Gehäuse, eine ungemütliche Mischung aus Kühlbox und Wohnwagen für Zwerge. Hier ist das Feiertagsgebot, das sich bei uns zur Freitagsformel »Schönes Wochenende auch« sozialisiert hat, zum Freizeitterror mutiert.
Einmal erlebt man auch den positiven Transfer eines Gebotes, hier das der Verantwortung für die Eltern, in ein Kunstwerk, das, stille Bilder ohne Worte, den Betrachter gefangen nimmt. Der russische Künstler Aleksandr Sokurow zeigt in seinem Mutter und Sohn betitelten Video einen jungen Mann mit seiner immer schwächer werdenden und schließlich sterbenden Mutter. Keine Betroffenheitsschnulze läuft hier ab, auch nicht die dubiose Spekulation auf die Authentizität, die wir von Bill Violas Dokumentation vom Tod seiner Mutter plus Geburt seines Kindes in schlechter Erinnerung haben. In dem 80 Minuten langen Video wird die inszenierte Geschichte immer wieder angehalten durch Ansichten der Lokalität, der Umgebung, die ihr eigenes Bildrecht haben.
Im Hygiene-Museum, in dem der Bausatz des Menschen auf den Tisch gelegt wird, darf es auch schon mal eine Naturalie sein, in diesem Fall eine präparierte Zunge. Sie ist in der Abteilung zu sehen, die dem achten Gebot gilt: Du sollst nicht stehlen. Als Text zu diesem hinter Plexiglas von der Wand abstehenden Exponat lesen wir, dass es sich hierbei um die Zunge eines Jungen aus Mexico City handelt, der bei einem Straßenkampf ums Leben kam. Teresa Margolles, ein Kursgewinn auf dem Kunstparkett, hat sie bei den verarmten Eltern eingetauscht gegen die Übernahme der Kosten für die Beisetzung und eine Grabstelle. »Margolles«, so weiß der Text an der Wand, »entlarvt diesen Tausch/Kauf moralisch als Diebstahl.« Den Mehrwertsteuerstempel setzt die Galerie, die das Exponat im Namen der Künstlerin ausleiht. Wer jetzt nicht laut »pfui Deibel« ruft, weil er dabei gegen das erste Gebot des Ausstellungs- wie des Kirchenbesuchs verstoßen würde, wäre doch immerhin dankbar, wenn er im Museumsshop ein Fläschchen Odol-Mundwasser erwerben könnte. Um sich der eigenen Zunge zu vergewissern und dann kräftig auszuspucken. Wird aber nicht angeboten.
Die Zehn Gebote. Was der Kampf um das Selbstverständnis des Christentums im Schatten der Politik einmal bedeutet hat, kann man, eine notwendige Ergänzung zur Dresdener Ausstellung, zurzeit im Schloss von Torgau in der großen Ausstellung Glaube und Macht – Sachsen im Europa der Reformationszeit erfahren. Das Hygiene-Museum aber verlässt man unter den Klängen einer englische Motette von 1575. Die kanadische Künstlerin Janet Cardiff hat die Stimmen des Chors auf 40 Lautsprecher verteilt, die, auf Ständern in Menschenhöhe montiert, in einem Vortragssaal des Museums in einer Ellipse aufgestellt sind. Stimmen ohne Körper, wenn man an den Lautsprechern vorbeigeht, kann man einzelne erkennen und unterscheiden.
Die Zehn Gebote. Was bleibt? Motetten und Passionsmusik, Altäre und andere Kunstwerke, Kirchen und Kapellen. Und sonst? Und tschüs.
Deutsches Hygiene-Museum Dresden bis zum 5. Dezember, Katalog (in dem die historischen Exponate ausgelassen wurden)
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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