20. Juli 1944

»Das Wichtigste: Unser Führer lebt«

Der 20. Juli 1944 – Echo eines Attentats. Ein Zeitbild aus Tagebüchern, Briefen und Erinnerungen

General Friedrich Fromm (1888–1945), Berlin

Fernschreiben
Putschversuch von unverantwortlichen Generalen blutig niedergeschlagen. Sämtliche Anführer erschossen. (1)

Soldat Rudolf T., Kremsier

Liebe Eltern!

Bin heute hier in Kremsier (Böhmen-Mähren) im Reservelazarett gelandet. Liegt ca. 65 Km vor Brünn. Hat ziemlich schnell gegangen. Wird wohl nicht lange dauern, brauchen ja jeden Mann. (Grad wird der Mordanschlag auf den Führer bekanntgegeben. Was soll man dazu denken?) Brest-L. soll wohl bald erledigt sein. Wo soll das blos noch hinführen? Leipzig ist ja auch wieder drangekommen. Schreibt nur schnell, damit ich endlich mal Nachricht von Euch bekomme.

Soldat Rolf N. (*1924), am Bug

Vier Tage wird schon in Kamionka am Bug gekämpft. Unsere Division ist eingeschlossen. Glücklich haben wir uns nach diesem einsamen Dorf durchgeschlagen. Hier steht nun unsere Kompanie – Pioniere und Sturmzug – noch ein paar Mann – um unseren Chef, den Oberleutnant Müller. Es ist Nacht und regnet. Alle Einzelheiten des nun kommenden Durchbruchs werden nochmal durchgesprochen und dann los. Der Rest des Sturmzugs übernimmt die Nachhut.

Ein Soldat, im Osten

Mein allerliebstes kleines Frauchen!

Lange habe ich nun nicht schreiben können, jetzt bietet sich mir mal endlich die Gelegenheit dazu. Du wirst Dich zufrieden geben müssen, mein liebes Kind, wenn die Post jetzt noch spärlicher eintrifft als zuvor. Aus technischen Gründen ist es nun mal nicht möglich und nehme ich die Gelegenheit dazu, um nun mal wieder etwas von mir hören zu lassen.

Es sind schon etliche Tage her, als ich Dein liebes Briefchen vom 3. 7. bekam. Der Inhalt ist mir so recht aus der Seele gesprochen. Du hattest schon ganz richtig getippt, als Du annahmst, ich sei in einer anderen Ecke. Obschon es ja eigentlich kaum ein Unterschied ist. Ich hätte Dir mein liebes Frauchen ja sehr viel zu berichten, aber es ist besser, ich hole es später mündlich nach. Die Art der Kriegsführung, zu der wir leider jetzt gezwungen sind, unterscheidet sich ja grundsätzlich von der früheren. Es ist dabei nicht leicht, an die Worte, die Goebbels sprach, bedingungslos zu glauben. Wollen wir aber hoffen, dass es in bälde mit uns bergauf geht, im Augenblick sieht es ja nicht danach aus.

Ja, mein liebes Kerlchen, mir war es bestimmt das letztemal nicht leicht, nach dem so und so vielten male Abschied nehmen zu müssen. Ich habe bis Berlin nicht ein Wort aus dem Munde bringen können und bin auch heute noch nicht ganz hier. Wie schön ist es aber, doch ab und zu zu meiner Reserve greifen zu können. Der Speck kam mir gerade, gerade recht dabei. Nun ist er ja alle, da kommen eben die Dosen an die Reihe.

Einen Verlust habe ich allerdings wieder zu verzeichnen. Durch Partisanenüberfall sind mir meine sämtlichen Waschutensilien, also Seifen, Schuhputzzeug, Rauchwaren, Zigarettenpapier und Rollfilme verloren gegangen. Sonst hatte ich in dem Wäschebeutel auch noch den [Foto-]Apparat. Diesesmal wie zufällig hatte ich ihn mir umgehangen.

Nun ist es mit dem Schicken ja sehr schwierig. Aber Zigarettenpapier wird Dir ja gut möglich sein. Im Augenblick bekommen wir ja keine Post, aber das ist ja denke ich nur zeitlich bedingt. Wenn es Dir irgendwie möglich sein sollte, weiss ich ja, dass Du mir helfen wirst. Mit sechs Päckchen Tabak und über 200 Zigaretten, dazu elf Zigarettenpapier sind sie mir übern Deich gegangen. Seife hatte ich allein acht Kernseife und vier Rollfilme. Wie gut nur, dass ich nicht mein sämtliches Gepäck bei einem im Wagen hatte. Einen kleinen Rasierspiegel hätte ich auch ganz gern, ebenso Klingen. Zuerst dachte ich auch, das schöne Halstuch von Töchterchen sei mit weg, es hat sich aber zu meiner Freude in meinem Tornister eingefunden. Jetzt fehlen mir alle so die Kleinigkeiten, die mir fast täglich zur Gewohnheit wurden. Nagelschere, Nähzeug und vieles mehr ohne das man kaum auskommen kann.

Was macht eigentlich unser Töchterchen? Ich habe auch von ihr lange nichts gehört. Es wird Zeit, dass mal wieder Post kommt. Ich komme mir vor, als sei ich von der Aussenwelt abgeschnitten. Gerade jetzt zu der besonders schweren Zeit habe ich doppelt so viel Schreibibriefchen nötig.

Nun mein liebes Kerlchen will ich schliessen mit der Hoffnung dass bei Euch noch alles wohl auf ist und es bald in einem Briefchen bestätigt zu sehen.

Es grüsst

und küsst Dich ganz lieb

Dein Schatzili

Else K., Wesermünde

Mein Geliebter!

Nein, das halte ich nicht aus, solange warten bis ich Deine neue Adresse habe. 2 Tage habe ich nun schon nicht mehr geschrieben, Herzlieber, heute will ich Dir nun aber doch Deinen lieben Brief beantworten.

Ja, Peterli, freue mich, daß Du Rußland den Rücken kehren kannst. Diesmal ist es nun wohl auch endgültig? Hoffentlich bist Du gesund nach R. gekommen. Man hat jetzt vor den Eisenbahnfahrten immer Angst. Mit Gottes Hilfe wird es nun von dort auch weiter gehen, mein Fritz, bis soweit haben wir unter seinem Schutz gestanden und Gott verläßt unsere gerechte Sache nicht!

Pleskau [die russische Stadt Pskow] ist nun zerstört und geräumt. Ein wenig hat mir das Herz wehgetan, Liebster. Der schöne Dom hätte wohl verdient zu bleiben. Ach je, wie vieles hätte nicht auch im deutschen Reich bleiben müssen! Das 20. Jahrhundert hat Werte zerstört, die nicht zu ersetzen sind. Eine Schmach für unsere Feinde! Mein Fritz, ich bin so glücklich, daß Du gesund bliebst. Ich weiß, daß die Wochen nicht leicht waren und wieder einmal das letzte an Anforderungen an jeden Einzelnen stellten.

»Schokoladenbraun« seid Ihr geworden von der russischen Sonne! Wie schön Du wohl bist! Und dann schreibt mein geliebter Mann auch noch »zum Anbeißen«! Schlimm ist nur, daß ich’s nicht kann aus dieser Entfernung.

Ich glaube gewiß, daß man auch mir jetzt einen anderen Posten geben wird. Vielleicht werde ich doch als Schwesternhelferin wieder eingesetzt. Abwarten, es wird sich bald entscheiden. Ich will alles gern tun und so meine geringe Kraft den Soldaten geben. Unserm Führer wollen wir alle helfen. Ein Wunder hat ihn uns gelassen, Liebster. Deutlicher wird der Himmel nie zu uns sprechen können.

Ja, mein Fritz, die Anstrengungen der letzten Wochen waren beträchtlich. Daß Ihr überhaupt gesund bliebt. Ich kann es oft kaum begreifen, nehme es als Wunder und sichtbare Gnade unseres Schöpfers. Ach, wenn wir es nur schaffen!!

Ich küsse Dich von ganzem Herzen

Deine Else

Stabsarzt Dr. Meyer, Griechenland

Sehr geehrter Herr!

Es ist für mich eine sehr traurige Pflicht, Ihnen mitteilen zu müssen, dass die DRK-Anwärterin Elisabeth am 31. 6. 1944 um 22. 20 Uhr auf der chirurgischen Abteilung des Ortslazaretts verstorben ist.

Frl. Elisabeth war beim Transport in die Heimat im Transportzuge durch feindlichen Fliegerbeschuss schwer verwundet worden. Es handelte sich bei ihr um einen Granatsplitterschussbruch des linken Unterschenkels und um zahlreiche Weichteilverletzungen an beiden Beinen und am Körper. Trotz Blutübertragung und energischer Kreislaufbehandlung gelang es uns nicht, den schlechten Allgemeinzustand zu bessern. Hinzu kam eine Fettembolie, der dann Frl.Elisabeth zum Opfer fiel.

Es hat uns allen sehr leid getan, dass wir ihr nicht mehr das Leben erhalten konnten, und ich möchte Ihnen auch für meine Ärzte und Schwestern unser herzlichstes Beileid übermitteln. Die Beerdigung hat heute auf dem Heldenfriedhof stattgefunden. Ich grüsse Sie herzlich mit

Heil Hitler!

Geburtenregister eines mecklenburgischen Kreiskrankenhauses

Mutter: Grabowski, Stanislawa, geb. 21. 2. 1919 zu Kolonia, Kreis Breslau

Säugling: weiblich, Gewicht 3380 gr., Länge 53 cm, Kopf 34 cm. II. Partus [2. Kind]

Normaler Verlauf, wurde am 27. 7. 44 entlassen

Major Erwein Karl Graf zu Eltz, Kroatien

Alles erstarrt über die Nachricht des Führerattentates. Die erste Frage, die sich jedem stellt, lautet – was werden die Folgen sein? Die Radioberichte gaben zuerst keinen klaren Aufschluß über die Vorgänge. Dann kam die Nachricht, das Attentat sei gelungen und von dem Obst. i. G. Graf Stauffenberg ausgeführt worden. Ein Sender gab durch, Feldmarschall v. Witzleben hätte das Oberkommando übernommen, die kämpfende Truppe solle dort bleiben, wo sie sich gerade befinde, weitere Befehle würden in Kürze folgen. (2)

Ein Marinesoldat, *1921, Kroatien

Auf den Führer hat man einen Mordanschlag verübt, der beinahe schlimmste Formen angenommen hätte. Hitler ist jedoch nur leicht verletzt worden. Und es gelang, den größten Teil der ränkesüchtigen Clique schadlos zu machen. Ob ein Erfolg der verbrecherischen »Hautevolee» sich wohl zugunsten oder zuungunsten für unser in Not befindliches Vaterland ausgewirkt hätte? Unsere Propaganda malt uns den schrecklichsten Erfolg aus. Dagegen wird von der alliierten Seite nur das Beste gesagt. Ich habe das Gefühl, daß es besser für uns Deutsche ist, wir behalten unseren Führer. Warum sollen wir ihn in den schlechten Tagen verlassen, wenn wir früher in guten Zeiten mit ihm zufrieden waren?

BDM-Führerin Elfie (*1928)

Wie furchtbar und doch wie wunderbar ist die Nachricht, die eben durchs Radio kam. Ein Attentat auf unseren Führer. Aber er blieb unversehrt. Unser geliebter Hitler. Wie furchtbar, wenn es anders ausgegangen wäre. Gott hat ihn doch wohl für uns bestimmt. Dafür will ich ihm danken.

Ein Soldat (*1924), bei Königgrätz

Mordanschlag auf den Führer! Eine verräterische Generalsclique hat versucht, uns unseres Führers zu berauben. Gottlob ist es ihnen nicht gelungen. Der Führer arbeitet trotz einiger Prellungen und Verbrennungen weiter.

Leibarzt Dr. Theodor Morell (1886–1948), Führerhauptquartier, Wolfschanze

Patient A:

Augeneinträufelung, rechts Konjunktivitis.

Mittag 13.15 Uhr: Puls 72

Abends 20 Uhr: Puls 100, regelmäßig, stark.

Blutdruck

165-170 mm Hg.

Wundversorgung: Penicilin-Puderung.

Rechter Unterarm stark geschwollen, essigsaure Tonerde-Aufschläge angeordnet. Bluterguß am rechten Unterschenkel zurückgegangen. Am 3. oder 4. Finger der linken Hand zeigt Rückenfläche große Brandblase, Verband. Hinterkopf zum Teil und Haare vollständig weggebrannt und an der Wade mittags handtellergroße Hautbrandwunde zweiten Grades und eine Menge Kontusionen und offene Hautstellen. Linker Unterarm hat innen Bluterguß und ist stark geschwollen, schlecht beweglich.

Gleich 2 Optalidon, vor dem Schlafengehen 2Eßlöffel Brom-Nervacit. (3)

Marthel K. (*1924), Neheim

Mordanschlag auf den Führer! Ist es nicht ein Wunder, daß er dabei unverletzt blieb? Man kann es mit keinem anderen Wort bezeichnen. Wollte uns der Himmel damit ein Zeichen geben, daß wir weiter vertrauen sollen? Daß noch alles gut wird? Ich will daran glauben mit der ganzen Kraft meines Herzens. O, Deutschland, in welche Bedrängnis bist du geraten! Man sollte meinen, ein Volk müßte ohne weiteres zusammenbrechen unter der Wucht der feindlichen Angriffe. Aber nein, tapfer steht Deutschland noch aufrecht und hofft und kämpft für den Sieg. Was soll aber auch sonst aus uns werden? Grausameres ist nicht auszudenken! Wenn wir den Krieg verlieren würden, würde es für mich das Zeichen sein, daß Europa als solches dem Untergang zustrebt. Was ist denn Europa noch im Kräftespiel der Erdteile? Es wird meiner Meinung nach nur noch gestützt von der alten Kultur und Geschichte, den hochgezüchteten Geistesgaben und dem Streben einzelner Staaten nach starker gesunder Blutauffrischung, und das letzte ist wohl das Wesentlichste. Ob es damit nicht schon zu spät ist? Man kann wirklich für Europa fürchten. Der Krieg zerstört unsere alte Kultur, schneidet Fäden durch, die uns noch eng damit verbinden. Ob man jemals in der Lage sein wird, Gleichwertiges neu zu schaffen? Ich bezweifle es sehr. Hätten wir nur schon Antwort auf unsere wichtigsten Lebensfragen! Wie lange soll der Krieg noch dauern? Doch müssen wir nicht sagen: So lange, bis Deutschland sein Recht auf ein starkes, freies Leben erzwungen hat? Wenn mich alle für verrückt und unklug erklären, ich werde keine andere Blickrichtung kennen als den Sieg, und ich werde an den Sieg glauben.

Karl W. (*1912), damals Hannover

Als das Attentat auf Hitler verübt wurde, saß ich gerade mit vielen Landsern in Hannover zu irgendeiner Überprüfung. Wir alle nahmen den Fall ohne Kommentar zur Kenntnis. Ich hatte das Gefühl, daß wir alle dasselbe dachten: Der Krieg geht also weiter, das mißlungene Attentat wird nur weitere Opfer fordern.

Klaus P., damals Italien

Ich entsinne mich noch des heißen Tages, des 20.Juli 1944. Ich hatte in einem Hause den Abteilungsgefechtsstand einrichten lassen, als wir auch schon einen dollen Feuerüberfall bekamen, mit mehreren Treffern im Hause, so daß es unbewohnbar war. Wenn so ein Punkt einmal erkannt war, hatte es keinen Zweck mehr, dort zu bleiben, also ließ ich ein anderes Gehöft einrichten. In diesem verbrachte ich auch die Nacht. Ich lag irgendwie auf einem Bett, angezogen, im Nachbarzimmer saßen die Fernsprecher und Funker. Die hatten ein Radiogerät laufen. Da kam dann die Meldung von dem »verbrecherischen Anschlag einer feigen Clique von Offizieren auf den Führer« durch. Die Meldungen, die folgten, gaben lauter mir bekannte Namen an. War doch v. Witzleben mein Kommandierender General im Frieden gewesen, war doch Fromm ein guter Bekannter meines Vaters. Wir waren schon immer skeptisch bei solchen Nachrichten, und bemüht, zu verstehen, was dahinter steckte. Wenn Berlin und Paris, das Hauptquartier und andere Stellen daran beteiligt waren, so konnte ich mir nur denken, daß auch Posen als Durchgangsstation zum Osten mit dabei gewesen sein mußte, also mein Vater.

Nach Abschluß der Nachrichten und einem kurzen Gespräch sagte ich zu den Männern: »Ich könnte mir denken, daß man in einer späteren Zeit den heutigen Attentätern und Verrätern einmal ein Denkmal setzen würde – «. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, aber damals kam mir hinterher zum Bewußtsein, daß ich da etwas Unerhörtes gesagt hatte. Die Männer der Abteilung waren mir nicht bekannt, und ich konnte ja nicht wissen, ob unter diesen nicht ein Nazi-Fanatiker war. Es war nicht der Fall und ich habe keinerlei Folgen meiner freimütigen Äußerung gespürt.

Gerhard B.

Wir hatten Lagertag. Ab 15 Uhr wäre Spatenexerzieren dran gewesen, und dann war plötzlich keiner der Führer zu sehen. Wir waren uns selbst überlassen, und selbst Obervormänner wußten nicht, was sie mit uns machen sollten. Erst gegen 19 Uhr kam der Oberfeldmeister auf den Platz und erklärte mit überglücklichem Strahlen: »Der Führer lebt!« Wir verstanden nur Bahnhof.

Hauptmann Arthur Mrongovius (1905–1992), Berlin

Der Rundfunk gab gegen Abend einen Sprengstoff-Anschlag auf den Führer bekannt. Welch ein Glücksgefühl durchzog doch die Brust und welcher Dank gilt der Vorsehung, daß er wieder wie am 9.11. 1939 [recte: 8. 11.; das Attentat Georg Elsers] uns erhalten blieb. Nehmen wir das als gutes Zeichen in der Finsternis der gegenwärtigen Lage. Im Osten, Westen und Süden berennen sie uns unentwegt, und die Material-Überlegenheit ist ungeheuer. Die Anglo-Amerikaner verfeuern auf schmalstem Raum von wenigen Kilometern 80000 Granaten, die Bomben ihrer Armadas nicht gerechnet. Der Russe gibt an, durchschnittlich 200–220 Geschütze auf einem Kilometer Frontbreite eingesetzt zu haben und in Italien sind wir sowieso zahlenmäßig eine hoffnungslose Minderheit. Aber solange wir den Führer haben, kann es nicht schief gehen. Er hat wie Friedericus die Kraft und die Nerven dazu, selbst die schlimmsten Krisen mutig zu überdauern und eines Tages den Punkt zu erreichen, wo die Göttin des Glückes sich ihm und seinem Volke beugt. Die Nerven sind jetzt überhaupt alles.

Rolf G. (*1911), damals Hann. Münden

Mich überkam die Vorahnung einer Katastrophe, mein Glaube an den »Endsieg« bekam einen Knacks, denn wenn ein Mann aus dem Führungsstab zu einer solchen Tat fähig war, dann mußte es hinter den Kulissen übel aussehen!

Bernhard W. (*1915), damals Berlin

Eine mir gut bekannte Telefonistin hatte in einem vollbesetzten Postamt Dienst, als der Leiter eintrat und die Nachricht vom mißlungenen Anschlag bekannt gab. Ihrer Kollegin entfuhr die verhängnisvolle Bemerkung »Leider!« Sie kam am nächsten Tag nicht mehr zum Dienst und ward nie wieder gesehen.

Werner F. (*1923), damals Riga

Nach dem Attentat war unser Hauptmann, ohne Vorankündigung und Abschied plötzlich nicht mehr da. Es hieß offiziell, daß er ein Frontkommando übernommen habe. Sein Nachfolger, ein widerlicher Oberleutnant, ein treuer Anhänger Hitlers, begann sofort mit dem großen Aufräumen.

Heinz Z. (*1912), damals Dänemark

Am 20. Juli hatte ich abends Nachtwache. Dabei hörte ich auf meinem Patrouillengang um die Baracken aus einem Lautsprecher die Nachricht vom mißlungenen Anschlag auf den Führer. Das hatte in der Heimat böse Folgen. Es setzte eine Verhaftungswelle ein von allen, die hinter dem Komplott zu stehen schienen.

Auch meine Frau hatte einer Mitbewohnerin gegenüber, die sich durch gemeinsames Abhören von Feindsendern ihr Vertrauen erschlichen hatte, geäußert, es wäre gut, daß Hitler am Leben geblieben wäre, damit man ihn nach Schluß des Krieges zur Verantwortung für seine Verbrechen ziehen könnte. Diese im Dorf geborene Frau Schilling, die vor den Bomben-Alarmen aus Hamburg in ihren Heimatort geflüchtet und von meiner mitleidigen Frau mit offenen Armen als Untermieterin aufgenommen worden war, hatte nichts Besseres zu tun, als zur Gestapo nach Wittenberge zu radeln und meine Frau zu denunzieren. Am 29.7.1944 wurde diese beim Erbsenpflücken im Garten von den Schergen überrascht, verhaftet und sofort ins Gefängnis von Wittenberge, wenige Tage später ins Moabiter Untersuchungsgefängnis gesteckt. Selbst der Partei-Kreisleiter, Dachdeckermeister Kannengießer aus Perleberg, der unsere Familie persönlich kannte, bemühte sich vergeblich, daran noch etwas zu ändern, zumal die tapfere Inge bei den ersten Verhören unumwunden und standhaft zugab: »Ja, das habe ich gesagt.«

Meine verständnisvollen Vorgesetzten verschafften mir Ende August einen zwölftägigen Sonderurlaub, damit ich meine Frau zweimal im Berliner Gefängnis »mit herzlicher Umarmung«, wie es auf dem Besuchsschein hieß, in Gegenwart einer Aufseherin sprechen konnte. Sie sah ihrem Schicksal gefaßt entgegen. Für mich war es ein maßlos trauriger Anblick, wie sie dann von der Schließerin über den langen Flur in ihre Zelle zurückgeführt wurde. Ich konnte auch mit dem uns empfohlenen Verteidiger sprechen, der mir allerdings wenig Hoffnung machte. Er hatte noch nie eine Klientin gehabt, die so wenig bereit war, sich herauszureden.

Ende Oktober wurde ich mit Stahlhelm zum Hauptmann Hoehne befohlen. Er bat mich, in einem Sessel Platz zu nehmen, und berichtete, daß am 28. 10. 1944 vorm Berliner Volksgerichtshof die Verurteilung meiner Frau wegen Wehrkraft-Zersetzung erfolgt wäre. Ich fragte nur: »12 Jahre Zuchthaus?« Er schüttelte den Kopf. »Also Todesurteil?« Er nickte.

Es war der schlimmste Augenblick meines ganzen Lebens.

Der Abteilungskommandeur versuchte mich aufzurichten: »Wir wollen sehen, ob wir Ihnen helfen können.« Er verwies mich an einen Offizier seines Stabes, Hauptmann Weiß, der als Jurist vordem selber am Volksgericht tätig gewesen war und der sich von mir meinen Fall darlegen ließ, um ein Gnadengesuch formulieren zu können, das er bei seinem Berlin-Urlaub einige Tage später offensichtlich persönlich am Gericht abgegeben hat.

Ich hörte nichts mehr von ihm, und so blieb es bis heute ungeklärt, was letzten Endes die Umwandlung des Urteils in 12 Jahre Zuchthaus, von der meine arme Inge nichts erfuhr, bewirkt hat. Sie saß wie ein Schwerverbrecher angekettet in ihrer Einzelzelle und wartete wochenlang jeden Donnerstag auf ihre Hinrichtung.

Anna M., Nimptsch

Mein lieber Willusch!

Ach wie bin ich glücklich, denn heute kam wieder ein so liebevolles Brieflein von meinem lieben Soldaten an. Herzlich danke ich Dir dafür. Bist wirklich ein lieber Kerl. So dankbar bin ich Dir dafür, dass Du mir so oft schreibst wie Du kannst. Bekommst auch einige Küsse dafür.

Mein Liebes, das Wichtigste ist augenblicklich, dass unser Führer lebt. Sicher habt Ihr auch von dem Mordanschlag auf den Führer gehört. Dass so etwas Deutsche machen können ist uns allen unklar. Das wollen engste Mitarbeiter unseres geliebten Führers sein, die ihm die Treue geschworen haben. Es ist unfassbar. Der einfache Soldat hält dem Führer die Treue bis zum letzten Augenblick. Als ich am Abend die Kunde durch den Rundfunk hörte ist mir alles vergangen. Gott können wir danken dass er ihn beschützt hat. Was wären wir ohne unseren Führer. »Nichts.«

Wo augenblicklich die Kämpfe an allen Fronten sehr hart sind, brauchen wir unseren Führer besonders, denn er wird alles wieder in die richtigen Bahnen lenken, dass wir am Ende doch siegen werden. Den Herrgott wollen wir bitten dass er den Führer noch ein recht langes Leben schenkt. Diese Verräterklicke wird er schon ausrotten, zum Teil ist sie schon.

Viele herzliche Grüsse und innige Küsse sendet Dir Dein treues Annchen

Dr. Wilhelm S., Berlin-Zehlendorf

Lieber Peter.

Vor 6 Tagen erhielten wir Deine Nachricht von dem Unglücksfall. Mit so etwas hatten wir bei Deinem Draufgängertum immer gerechnet. Und in einer Hinsicht ist es vielleicht gut, daß Du einmal eine Zeit den schweren Kämpfen fern sein mußt und Ruhe hast! Aber wenn ich daran denke, wie gern Du bei Deinem Zug und im Einsatz bist, tut mir es auch wieder leid. Vorerst wirst du wohl noch einige Zeit im Lazarett bleiben müssen. Wie schön, daß Du so herrliche Bücher gefunden hast. Sie werden Dir die Zeit verkürzen.

Wir sind entsetzt über den Wahnsinn des Führerattentates!! Man kann nur von verbrecherischer Idiotie reden! Wie kann man die Front so gefährden!!

Wir alle grüßen Dich sehr herzlich mit allen guten Wünschen für Deine Besserung

Dein Vater

Ein Leutnant, im Westen

Mein liebes Röschen!

Mit Schrecken erfuhr ich aus Muttis Brief, was Ihr in der lieben Heimat alles erlebt habt, ohne mich, ich freue mich aber trotzdem, weil Ihr ohne Schaden davon gekommen seid. Du warst mal wieder krank, meine kleine Rosel, mein kleiner Schatz, mußt aber auch auf Mutti hören und das unreife Obst sein lassen, gell mein liebes Mädchen. Ach wie sehne ich mich nach Euch, Dir und Mutti. Bleibet mir nur gesund, wenn ich nach hause komme, wollen wir doch gesund sein und nicht wie in meinem letzten Urlaub, daß ich krank bin, oder Du oder Mutti. In diesem Sinne, meine liebe kleine Rosel, grüße ich Dich, 1000 liebe feste dicke Küsse sollen dieses Schreiben begleiten, mit lieben Grüßen an die liebe Mutti, Oma und Mutter!

Dein Papa

Karl-Heinz B. (*1919), damals Weimar

Am 20. Juli bekam ich eine Heeresstreife in die Hand gedrückt. Der Standortkommandeur setzte mir auseinander, worauf es ihm ankam: Aufrechterhaltung der Manneszucht, Kontrolle der Soldbücher. Bei Fliegeralarm hatten die Soldaten auf dem schnellsten Wege ihre Kaserne aufzusuchen. Die Bordellstraße sollte im Auge behalten werden. Mit Fahnenflüchtigen war zu rechnen. Der Standortkommandeur würde jede Handlungsweise decken, wenn scharf durchgegriffen werden müsse. Es hörte sich alles an, als sei man König von Weimar, so groß war die Machtfülle. Als Pferdefuß mußte ich den Hinweis betrachten, daß Fahnenflüchtige festzunehmen sind. Ich sah darin jetzt ein Einfangen für die Schießbahn. Die größte Unbequemlichkeit dieser Streife wurde das häufige Grüßen.

Es war den Soldaten verboten, längere Zeit in der Bordellstraße herumzuflanieren. Es wimmelte dort aber von Soldaten. Die schmale Gasse hatte Ausgänge nach beiden Seiten. Diese galt es dicht zu machen, was unbemerkt gelang. Wer wollte, konnte immer noch in einem Etablissement verschwinden. Die Mädchen keiften, weil ihnen das Geschäft verdorben wurde. Um die Straße zu räumen, forderte ich im Kommandoton auf: »Also – jetzt – entweder rein oder raus!« Die meisten zogen erst einmal vor, die Straße zu verlassen. Als wir eine Zeit später wieder vorbeikamen, war alles genauso voll wie zuvor.

Friedrich P. Reck-Malleczewen (1884–1945), Malleczewen/Ostpreußen

Ah, wirklich also? Ein wenig spät, ihr Herren, die ihr diesen Erzzerstörer Deutschlands gemacht habt, die ihr ihm nachliefet, solange alles gutzugehen schien, die ihr, alle Offiziere der Monarchie, unbedenklich jeden von euch gerade verlangten Treueid schworet, die ihr euch zu armseligen Mamelucken des mit hunderttausend Morden, mit dem Jammer und dem Fluch der Welt belasteten Verbrechers erniedrigt habt und ihn jetzt verratet, wie ihr vorgestern die Monarchie und gestern die Republik verraten habt. (4)

Siegfried H., Krakau

Es ist weit nach Mitternacht, aber ich kann keinen Schlaf finden nach allem, was ich am 20. Juli erlebt habe. Dieser Tag wird mir wohl ewig im Gedächtnis bleiben.

Was ist gestern geschehen? Im Laufe des Nachmittags verbreitete sich das Gerücht, auf Hitler sei in seinem Hauptquartier ein Attentat verübt worden, und wahrscheinlich sei er tot. Mit einem offenen Widerstand gegen Hitler hatten wir nicht gerechnet. Ich besprach mit meinem Kollegen Henneke in unserem gemeinsamen Quartier die möglichen Folgen dieses Attentats. Wir waren beide der Meinung, daß Hitlers Tod der verzweifelten Lage unseres Volkes eine Wendung zum Besseren geben könnte; denn der Krieg würde sehr schnell ein Ende finden. Aber während des Abendessens wurde bekannt, daß Hitler nur leicht verletzt worden sei. Diese Nachricht wirkte stark dämpfend auf die von uns, die an Hitlers Tod große Hoffnungen geknüpft hatten.

Um 1 Uhr nachts – also vorhin – sprach Hitler selbst im Rundfunk. Er machte seine Gegner als eine kleine, unbedeutende Offiziersclique verächtlich, die unbarmherzig ausgebrannt werden würde. Voller Wut und Haß rief er aus: »Mit ihnen wird jetzt so abgerechnet werden, wie wir das als Nationalsozialisten gewöhnt sind.« Ich mußte sofort an die Röhm-Revolte vom Juni 1934 denken und an die Massenhinrichtungen.

Nach allem, was uns der Chef des Stabes vorhin gesagt hat und was auch aus Hitlers Rede hervorging, scheint aber die Gegenbewegung noch nicht ganz unterdrückt zu sein. Ein Funken von Hoffnung besteht noch.

Irmgard K., *1929, Wiedenbrück

Ein schrecklicher Abend – wir fragten uns traurig, warum das Attentat mißglückt war.

Offizier Udo von Alvensleben (1897–1962), im Osten

Gegen 20 Uhr meldet der Rundfunk, daß heute im Führerhauptquartier ein Bombenattentat auf Hitler stattgefunden hat, wobei eine Anzahl wichtigster Mitarbeiter schwer verletzt wurde.

Die Wirkung dieses Ereignisses wird eine Lawine von Folgen in Bewegung setzen. Hitler ist unter seinen Kollegen insgeheim wahrscheinlich der radikalste. Im Innern spürt man plötzlich, wie wenig die Zwangserziehung der letzten zehn Jahre gewirkt hat. Im Heer herrscht eine Vogel-Strauß-Stimmung, da der Durchschnitt nur die Extreme von übertriebenem Optimismus oder Defaitismus kennt. Das war zu Zeiten aristokratischer Ordnung anders und ist nicht deutsch sondern plebejisch. Die Lage ist an allen Fronten gefährdet, die Verwüstung Europas zum Verzweifeln.

Wir laufen Gefahr, alles, was uns von oben vorgesetzt wird, aus Bequemlichkeit gutzuheißen. Auf die Dauer demoralisiert das. Der Wunsch, sich mit den treibenden Kräften der Gegenwart gleichzusetzen, scheint mir berechtigt, doch mit allem, was wir gegen unser Gewissen akzeptieren, versündigen wir uns gegen die Verantwortung, die wir vor der Geschichte tragen. Die Hauptseiten im Buch der Geschichte der Weiterentwicklung von Geist und Seele sind leer.

Oft muß man sich mit Gewalt sagen, daß nicht alles ein wüster Traum ist, nur sich fragen, wie es möglich ist, einen so großen Teil der Menschheit bis an den Rand des Verderbens zu wirtschaften. Die Verantwortlichen rasen in utopischen Möglichkeiten. Nun geht es ernsten Entscheidungen entgegen. Es ist zum Verzweifeln, daß es keine Möglichkeit gibt, auf die Änderungen der Methoden einzuwirken, mit denen wir unser moralisches Konto am meisten belasten.

Es gibt kein Fundament unseres geistigen Daseins, das nicht im Sturm steht. Das dunkle Element siegt augenblicklich überall. Gebe uns der Himmel Kraft und Verstand, die wirkliche Stunde zu erkennen, um den Anfang zu machen, das Chaos wieder zu ordnen. Nichts hat mir mehr das Bewußtsein der tiefsten Not gegeben als unsere Behandlung der in unsere Hand gegebenen Völker und die seelischen Verwüstungen, für die wir verantwortlich sind. Wann kommt der Erzengel, der die Gewalt der dunklen Mächte zerteilt?

Der Gedanke an die endlose Fortdauer des Krieges und den folgenden Nachkrieg quält mich. Die Greuel-Propaganda unserer Feinde im Ersten Weltkrieg, damals von uns mit Recht entrüstet zurückgewiesen, hat prophetisch die Untaten dieses Krieges vorausgesehen. Wir müssen suchen zu heilen, zu retten, wieder gut zu machen, neu zu bauen.

Wie liebt man dieses unglückliche alte Europa, wie haßt man die Kräfte, die es verderben.

Unruhige Nacht draußen unter den Sternen. Unsere Geschütze feuern ringsum, unsere Werfer fauchen, »Iwans« kreisen mit Nähmaschinengeräusch dicht über Glinsko, motorisierte und bespannte Kolonnen brausen vorüber. Man horcht im Halbschlaf auf Alarmrufe und schreckt auf in der Vorstellung, der Russe sei schon im Dorf. Dazu Mücken und Ungeziefer. (5)

Anne Frank (1929–1945), Amsterdam

Liebe Kitty, Freitag, 21. Juli 1944.

Nun werde ich hoffnungsvoll, nun endlich geht es gut. Ja wirklich, es geht gut! Tolle Berichte! Ein Mordanschlag auf Hitler ist ausgeübt und nun mal nicht durch jüdische Kommunisten oder englische Kapitalisten, sondern durch einen hoch-germanischen deutschen General, der Graf und außerdem noch jung ist. Die göttliche Vorsehung hat dem Führer das Leben gerettet und er ist leider Gottes mit ein paar Schrammen und einigen Brandwunden davongekommen. Ein paar Offiziere und Generäle aus seiner nächsten Umgebung sind getötet oder verwundet worden. Der Haupttäter ist standrechtlich erschossen worden.

Der beste Beweis doch wohl daß es viele Offiziere und Generäle gibt die stinksauer über den Krieg sind und Hitler gern in tiefere Gewölbe versinken sehen würden um eine Militärdiktatur zu errichten, mittels derer Frieden mit den Alliierten zu schließen, erneut zu rüsten und nach 20 Jahren erneut den Krieg beginnen würden. Vielleicht hat die Vorsehung mit Absicht noch ein bißchen gezögert, ihn aus dem Weg zu räumen, denn es ist für die Alliierten viel bequemer und auch vorteilhafter wenn die unbefleckten Germanen sich gegenseitig totschlagen, umso weniger Arbeit bleibt für die Russen und Engländer und desto schneller können sie wieder mit dem Aufbau ihrer eigenen Städte beginnen. (6)

Victor Klemperer (1881–1960), Dresden

21. Juli, Freitag gegen Abend

Ich saß bei der Disposition meiner Rosenzweig-Notizen – mühseligste Arbeit, noch immer und längst nicht fertig –, da kam wie tags zuvor um halb zwölf Alarm, erst kleiner, dann großer. Der Kelleraufenthalt war diesmal ein bißchen kürzer und ganz ohne Sensation, d. h. er war ganz ausgefüllt von anderer Sensation, vom Attentat auf Hitler. Vielleicht wird mir das in wenigen Jahren so fernliegen, eine so verschwommene Sache sein, wie mir heute die Bürgerbräu-Affäre von 39 fernliegt [Elsers Attentat]. Was war es damit, wer war der Täter, was war die Absicht etc. etc.?? Weder Eva noch ich können uns darauf besinnen, weil eben die Sache folgenlos blieb und so vom Nachfolgenden übermalt, verdrängt wurde. Vielleicht geht es mit diesem Anschlag ebenso, vielleicht aber ist er Wendepunkt. Der Miterlebende weiß nichts. Ich halte fest: Auf der Treppe sagte uns Frau Witkowsky: Es sei eben bekannt geworden, daß ein Attentat auf den Führer verübt worden, im Hauptquartier durch namentlich aufgeführte, bereits erschossene deutsche Offiziere. Ich wandte mich mit dieser Nachricht, als einer absoluten Neuigkeit, im Keller an Neumark. Darauf er: Das stehe schon im Freiheitskampf, sei gestern geschehen, der Führer habe heute nacht im Rundfunk gesprochen. Er gab uns die Zeitung. Da stand das Attentat, die Namen der anwesenden und der verletzten Offiziere – aber nichts von den Tätern, nur die Vermutung, der Secret Service sei der Schuldige. Neumark fügte hinzu, von deutschen Offizieren munkele man (aber die Juden hätten besondere Vorsicht zu wahren, denn sie würden bestimmt beobachtet); die Frau Witkowsky sagte: Es seien aber eben »Extrablätter« mit den Namen der Erschossenen herausgekommen.

Mehr und Authentischeres habe ich bis jetzt, sieben Uhr abends, im Judenhaus nicht erfahren können. Auch Stühlers rätseln. Er sagte: Vielleicht sei alles Lüge, weil ER sich in den Ruf der heiligen Unverletzbarkeit setzen wolle. Ich: Es wäre Selbstmord anzugeben, daß sich die Armee gegen den Führer gewandt habe, das sei ja nicht einmal im November 18 geschehen. Stühler: Vielleicht ist die Nachricht, deutsche Offiziere seien die Täter, falsch. Wie sollten sie, mitten im Hauptquartier? Und wie sollte der deutsche Rundfunk das zugeben? – So wenig wissen wir im Judenhaus, was vorgeht. – Eva ist bei der Kreislerin, vielleicht bringt sie von da Neuigkeiten mit. Und hoffentlich solche, die uns über den krassen Hunger der letzten Tage trösten und hinweghelfen. – Eben Musik vorbeimarschierender Soldaten; Stühlers berichten, es sei durch Maueranschlag Großkundgebung für Hitler angesagt. (7)

Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im KZ Auschwitz-Birkenau

21. Juli 1944

Die Nummern 189617 bis 189626 erhalten zehn mit einem Sammeltransport eingelieferte Häftlinge.

Die Nummer 189627 erhält ein im Frauenlager Birkenau geborener Junge; die Mutter ist aus Minsk ins Lager eingeliefert worden.

Aus dem KL Auschwitz I fliehen: der polnische Häftling Jerzy Bielecki (Nr. 243), geboren am 28.März 1921, der am 14. Juni 1940 mit dem ersten Transport polnischer Häftlinge von der Sipo und dem SD aus dem Gefängnis in Tarnow ins Lager eingewiesen worden ist, und die polnische Jüdin Cyla Stawiska (Nr. 29558), geboren am 29.Dezember 1920, die mit einem Transport des RSHA aus dem Ghetto in Zambrow am 19. Januar 1943 ins Lager eingeliefert worden ist. Nach der gelungenen Flucht verbergen sich beide bis Kriegsende in der Gegend von Miechow.

Die Nummern 82732 bis 82737 erhalten sechs von der Stapo Kattowitz ins Lager eingewiesene weibliche Häftlinge.

Die Nummern Z-10828 bis Z-10849 erhalten 22 litauische Zigeunerinnen.

Die Nummer 189652 erhält ein aus Reichenau eingelieferter Häftling.

SS-Lagerarzt Dr. Thilo führt im Männer-Quarantänelager B IIb in Birkenau eine Selektion unter den 446 griechischen Juden durch, die am 30.Juni in das Quarantänelager eingewiesen und mit den Nummern A-15229 bis A-15674 gekennzeichnet worden sind. Nach der Selektion weist Thilo 434 Häftlinge als arbeitsfähig in das Lager B II d ein. Dort werden sie zur Arbeit in die Kommandos Zerlegebetriebe, Entladekommando u. a. eingeteilt. (8)

Ein Feldwebel, am Dnjestr

Liebe Erika!

Habe Deinen lieben Brief mit vielem Dank erhalten. Wir sind jetzt einige Tage in Ruhe. Hier kann man wirklich »Ruhe« sagen, meistens hat man sich vor lauter Dienst nach vorn gesehnt, aber hier gehört die meiste Zeit uns selber.

In den ersten Tagen unseres Hierseins haben wir einen Kompanieabend gefeiert. Obwohl es wenig zu trinken gab, war alles in bester Stimmung und einer unseres Zuges war sogar blau.

In einigen Tagen geht es in Stellung. Liebe Erika, hoffentlich wirst Du vom Kriegshilfsdienst wieder entlassen. Denn es gibt genug Mädchen, die für Kriegsdauer als Nachrichtenhelferinnen oder Hilfspersonal bei der Flak eingezogen sind. Also viel Glück!

Dein Bruder Karl H.

Nachweis anderer Archive und der gedruckten Quellen:

(1) Heinrich Fraenkel/Roger Manvell: Der 20. Juli. Ullstein Verlag, Berlin 1964

(2) Erwein Karl Graf zu Eltz: Mit den Kosaken. © Donau Post Druckerei, Donaueschingen 1970

(3) Bundesarchiv Koblenz

(4) Friedrich Percyval Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 1981

(5) Udo von Alvensleben: Lauter Abschiede. Tagebuch im Kriege, hrsg. von Harald von Koenigswald; Ullstein Verlag, Frankfurt a. M./Berlin 1971

(6) Die Tagebücher der Anne Frank. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler; Verlag S. Fischer, Frankfurt a. M. 1988

(7) Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1945; Aufbau Verlag, Berlin 1995

(8) Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945. Rowohlt Verlag, Reinbek 1989

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