porträt Leben und Sterben des Hans von Goetzen

Er war ein Mann, der nie ein Blatt vor den Mund nahm. Im totalen Terror nach dem 20. Juli brachte ihm, wie Tausenden, eine Denunziation den Tod

Am frühen Morgen des 6. Februar 1945 schreibt er seinen letzten Brief: »Um 9 Uhr trete ich vor meinen Herrgott. Ich danke Euch allen von Herzen für alles Gute, was Ihr für mich gethan habt. Ich will sterben als ein echter Goetzen. Ich will sterben als Christ. […] Auf Wiedersehen in einer anderen Welt. Hans.«

Diese Zeilen erreichen meine Mutter, eine Cousine des Hans von Goetzen, wenige Tage später in Potsdam. Zur selben Zeit trifft ein Brief des evangelischen Standortpfarrers aus Berlin-Staaken bei ihr ein: »Wider aller Erwartung ist das Urteil gegen Leutnant Hans von Goetzen bestätigt und gestern gegen 9 Uhr vollstreckt worden. Ich habe ihm in den letzten Stunden zur Seite stehen können. Die Verkündung kam Herrn von Goetzen völlig überraschend, da er wußte, daß sich sowohl das Gericht, wie der Herr Generalrichter für eine Begnadigung eingesetzt hatten. Er war aber dann sehr gefaßt, und auch dem religiösen Zuspruch völlig aufgeschlossen. Zuletzt, auf die Frage, ob er die Augen verbunden wünsche, antwortete er: Nein, ich will aufrecht sterben, als Edelmann und als Christ.«

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Hans von Goetzen ist 49 Jahre alt, als die Kugeln des Erschießungskommandos seinem Leben ein Ende machen. Ein Berliner Feldkriegsgericht, bestehend aus einem Hauptmann Schickert, einem Leutnant Frank und einem Oberfeldrichter Dr.Vanselow als Verhandlungsleiter, hatte am 27.Oktober 1944 das Todesurteil gefällt. Goetzen ist der »Wehrkraftzersetzung« für schuldig befunden: »Er hat üble Kritik an unserem Führer geübt, dem er jegliche Feldherreneigenschaften abspricht und ihm vorwirft, die Vorschläge bewährter, sachkundiger Generäle grundlos und willkürlich abzulehnen.«

Wenn er Goebbels’ Mann im Radio höre, müsse er immer kotzen

Hans von Goetzen kam aus einer traditionsreichen Familie. Sie gehört zum altmärkischen Uradel; ein Teil von ihr war im späten Mittelalter mit dem Ritterorden weiter gen Osten gezogen. Wie viele Angehörige des ostpreußischen Landadels dienten auch die Goetzens dem Staat als Offiziere und Beamte und erwarben Grundbesitz. Am 2. Juli 1895 in Choiten südlich von Elbing geboren, wuchs der Junge auf dem väterlichen Gut auf. Der Großvater mütterlicherseits kam aus der Basler Bürgerfamilie Sarasin, war nach Ostpreußen ausgewandert und hatte dort ein Rittergut gekauft. Die Großmutter väterlicherseits entstammte der wohlhabenden jüdischen Danziger Familie Normann. Sie war evangelisch getauft. Die Wehrmachtrichter machten diese Herkunft später als strafverschärfend geltend: »Der Angeklagte hat jüdisches Blut. Selbst sein Verhalten in der letzten Hauptverhandlung ließ nach Art seiner Verteidigung und der dabei von ihm angewandten Bewegungen seine jüdische Abstammung erkennen.«

Mit 14 Jahren tritt Hans von Goetzen, so wünscht es sein Vater, in ein Dresdner Kadettenkorps ein. Im August 1914 zieht er als Fähnrich eines Ulanenregiments in den Krieg. Wenig später zerfetzt ihm an der Ostfront ein Granatsplitter die Lunge. Die Genesung dauert lange. Er avanciert zum Leutnant und dient nach dem Krieg noch zwei Jahre im Freikorps Ostpreußen. Im Todesurteil von 1944 werden die Auszeichnungen des jungen Soldaten aufgelistet: Eisernes Kreuz II.Klasse, das Verwundetenabzeichen in Schwarz, der Sächsische Albrechtsorden II. Klasse und das Frontkämpfer-Ehrenkreuz.

Goetzen lernt jetzt, mit 25 Jahren, Landwirtschaft. Eineinhalb Jahre tummelt er sich auf dem größten Landgestüt Ostpreußens, in Trakehnen, genauso lange anschließend auf Gestüten in Ungarn. Danach übernimmt er das kleine Gut Amalienruh, unweit von Osterode in Ostpreußen gelegen, an der Straße von Danzig nach Warschau. Der Besitz gehört seiner Mutter, er soll ihn erben. Als er schon, vom Sommer 1944 an, in Berlin in Untersuchungshaft sitzt, schickt sie ihm zur Aufmunterung ein kleines Album mit Fotos aus Amalienruh in die Zelle. Die Bilder zeigen Haus, Hof, Park und Felder. Auf einem Foto ein Junge, barfuß mit Schiebermütze auf dem Kopf, einen Bullen reitend. »Unser Bulle beim Bewegen im Vorgarten«, schreibt sie dazu.

Kurz bevor die Wehrmacht am 22. Juni mit drei Millionen Soldaten in die Sowjetunion einfällt und in Ostpreußen die Kriegsvorbereitungen nicht mehr zu übersehen sind, schreibt Hans von Goetzen meiner Mutter einen langen Brief. Tiefe Melancholie spricht aus den Zeilen, als ob er das Schicksal ahnt, dass ihn erwartet. »Wie lange ich lebe, weiß ich nicht, ob ich nicht mal mit großer Pleite ende, weiß ich auch nicht. Bin nunmal etwas pessimistisch eingestellt […] Hier sieht es kriegerisch aus […] Alles ist schon so weit fortgeschritten…«

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