Kunstschätze Plünderer im ZweistromlandSeite 3/3

Die Zerstörung schreitet unterdessen voran. Überraschenderweise aber sind einige Orte lange verschont geblieben. In der Zone um Nasirija haben sich die italienischen Carabinieri stark engagiert, Wächter ausgebildet und die Situation den Umständen entsprechend »bemerkenswert stabilisiert«, sagt Sommerfeld. Aber leider ist auch diese Einschätzung seit ein paar Tagen überholt. »Die Italiener sind aus Nasirija abgezogen worden«, berichtet Bahrani. Und sie hat nicht einmal eine Ahnung, wieso. »Alles ändert sich ständig im Irak, oft von einem Tag auf den andern. Es ist das totale Chaos.« Sie hat auch schon vernommen, was nach Abzug der Italiener passiert ist: »Auch Nasirija ist nun in ganz schlechter Verfassung.« Obwohl Bahrani erst seit kurzem im Amt ist, macht sie sich keine Illusionen über ihren Einfluss: »Ich bin hier komplett allein. Ich habe Internet-Anschluss und ein Telefon. Mehr nicht. Weder eine Bürohilfe noch einen einzigen wissenschaftlichen Mitarbeiter.« Sie sagt es ohne Bitterkeit. Länger als einen Sommer will sie nicht bleiben: »Ende August fängt an der Uni das Semester wieder an.«

Einen Erfolg aber konnten sie und ihr Vorgänger Russell verbuchen – allerdings nicht bei den Räubern, sondern bei den multinationalen Truppen. Sie räumen nun einen Ort, wo sie, in der Absicht zu schützen, selbst eine Spur der Zerstörung hinterließen. »Sie haben eingewilligt, sich in den nächsten drei bis sechs Monaten aus dem antiken Bezirk von Babylon zurückzuziehen.« Was die Schutztruppen zuvor im ehemaligen Domizil König Nebukadnezars, dem Standort des Turms von Babel und der Hängenden Gärten angerichtet haben, hat sich Russell vor Ort angesehen. »Mit Bulldozern haben sie inmitten der Ruinen drei Hubschrauber-Landeplätze gebaut«, sagt er. Zwar seien schon zu Saddams Zeiten einige Gebiete »platt gemacht« worden. »Da waren schon kleine Parkplätze. Aber diese haben die Soldaten mit Bulldozern ins umliegende archäologische Grabungsgebiet hinein beträchtlich vergrößert.« So stehen heute auf dem alten Babylon schwere Trucks, Wohnwagen, Zelte und robuste Neubauten.

Uruk geht es gut, denn der grimmige Muhhar hält Wache

Margarete van Ess aber kann halbwegs zufrieden sein. Sie weiß seit ein paar Monaten noch genauer, was sie an Muhhar hat. Der größte irakische Freund des Deutschen Archäologischen Instituts ist Mitglied einer Beduinensippe. Seit nunmehr 51 Jahren bewacht er den Siedlungshügel östlich des Euphrats. Will ein Unbefugter den Hügel betreten, stellt sich ihm der Scheich mit seinem Vorderlader grimmig in den Weg. Tag für Tag hält er Wache an dem Ort, der als Wiege der Zivilisation gilt: Uruk, die erste Großstadt der Menschheit und Schauplatz des Gilgamesch-Epos, des ältesten Werks der Weltliteratur.

Van Ess, die dort die Grabungen leitet, verlässt sich auf den Aufpasser, der in Diensten des irakischen Staats und zum Nutzen der deutschen Archäologie Wache schiebt. »Muhhar ist noch immer da. Uruk geht es gut.« Sie glaubt, dass die Räuberbanden im Süden im Einverständnis mit den Stammesfürsten agieren. Die Stämme rund um Uruk aber sind noch immer mit ihrer Situation zufrieden. »Die Japaner liefern regelmäßig Wasser in die Wüste, und auch auf die Niederländer können sich die Einwohner bislang verlassen.« So lassen die Menschen der Gegend den Hügel von Uruk in Frieden – und das, was darunter liegt: Gräber, riesige Villen und den Neujahrstempel der Göttin Ischtar. Auch wenn er den unbekannten Besucher grimmig zu empfangen pflegt, hat Muhhar Freude am Job. Und bis jetzt wenig zu tun.

 
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