Das Begräbnis fand in aller Stille statt. Kaum bemerkt von der Öffentlichkeit, wurde am vergangenen Freitag das nächste große deutsche Innovationsprojekt beerdigt: Diesmal traf es das geplante einheitliche Computersystem für die deutschen Finanzämter. 13 Jahre lang hatte die öffentliche Hand versucht, das Föderale integrierte standardisierte computerunterstützte Steuersystem (Fiscus) zum Leben zu erwecken. Am Ende brauchte die Finanzministerkonferenz keine drei Stunden, um zu beschließen: Daraus wird nichts mehr.

Die Pleite ist voller Peinlichkeiten. Ursprünglich sollte Fiscus ab 1997 die veralteten Großrechenverfahren ersetzen, mit denen deutsche Finanzämter kalkulieren. Bereits 1996, fünf Jahre nach dem Entwicklungsstart, warnte der Bundesrechnungshof vor einem Scheitern, später formulierte er seine Warnungen immer schärfer. Doch obwohl bis zu 300 Mitarbeiter im Einsatz waren und - je nach Berechnungsweise - für die Fiscus-Entwicklung zwischen 330 und 900 Millionen Euro verplempert wurden, liefen am Ende nur zwei winzige Programmteile in Testversionen. Zurück bleiben nun 50 000 Seiten Dokumentation und 1,6 Millionen Zeilen weitgehend nutzloser Programmcode.

Nach dem Debakel um das elektronische Maut-Erfassungssystem, dem Scheitern eines digitalen Polizeifunks und dem Aus für die neue Informationstechnik der Bundeswehr (Herkules) stehen Bund und Länder damit erneut vor einer kapitalen Investitionsruine. Die Frage stellt sich: Ist die öffentliche Hand zu solchen Großprojekten nicht mehr in der Lage? Sind die Behörden schuld, liegt es an den Software-Ingenieuren oder der Komplexität der EDV-Technik? Und wie stehen die Aussichten für das nächste Großprojekt, die Software zur Berechnung des neuen Arbeitslosengelds?

Landauf, landab haben in den vergangenen 20 Jahren Ministerien und Behörden versucht, die Verwaltung elektronisch aufzumöbeln - fast immer gab es Probleme. Wie viel Geld dabei insgesamt verpulvert wurde, lässt sich nur grob schätzen. Das Toll-Collect-Trauerspiel hat bisher den Staat um weit über drei Milliarden Euro Einnahmen aus der elektronischen Mauterfassung geprellt - die virtuelle Jobbörse der Arbeitsämter hat Mehrkosten von 100 Millionen Euro erzeugt - und da der digitale Polizeifunk bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nicht realisierbar ist, werden Millioneninvestitionen in das längst überholte analoge Funknetz nötig.

Auch das vorläufige Scheitern des Herkules-Projekts wird teuer. Seit 1999 ist die Anschaffung neuer Informationstechnik (IT) für die Bundeswehr im Wert von 6,6 Milliarden Euro geplant. Dazu sollte eine gemeinsame Beschaffungsfirma des Bundes mit einem Firmenkonsortium um den Rüstungskonzern EADS gegründet werden. Doch Anfang Juli wurden die zweijährigen Verhandlungen darüber abgebrochen. Nun wird in den Dienststuben weiter mit veralteter EDV gekämpft, die nur mit Millionenaufwand vor dem Zusammenbruch bewahrt werden kann.

Eigentlich müsste man darüber jubeln, sagt Uwe Busbach-Richard, Informatik-Professor an der Verwaltungshochschule Kehl. Immerhin sei bei Herkules der Fehler vieler anderer öffentlicher IT-Projekte vermieden worden, die dem vielen Geld für jahrelange Planungsphasen noch viel mehr Geld für fruchtlose Entwicklungsarbeiten hinterherwerfen. Ein Fortschritt, denn normalerweise herrsche im öffentlichen Bereich ein Verantwortungs-Nirwana.

Niemand sei bereit, ein unsinniges Projekt zu beenden.