Deutsches Theater ist, so geht der Ruf im Ausland, zu lang, zu laut, zu verschwitzt, es ist narzistisch und macht aus sich selbst das größte Geheimnis. Aber es ist das reichste Theater, das es je gab, ein sagenhaftes Wunder, hinter dem ein singuläres, weltweit bestauntes System steht. Wir besichtigen das deutsche Theater in dieser Ausgabe aus der Ferne: Beim Festival von Avignon haben derzeit die deutschen Regisseure ihren großen Auftritt, und in New York stellten sich kürzlich die jungen deutschen Dramatiker in Mannschaftsstärke vor. Und aus einer anderen Ferne, aus der Distanz der Erinnerung und der Verbitterung, blickt der Regisseur Peter Stein auf das aktuelle deutsche Theater.

Ein Amerikaner und ein Deutscher sind in diesem Jahr die Schlüsselfiguren des Festivals von Avignon. Der Amerikaner heißt Donald Rumsfeld und hat mit seinem Spruch vom old Europe zwischen Paris und Berlin den Greisenstolz und den Gemeinschaftswillen des Kontinents geweckt. Der Deutsche heißt Thomas Ostermeier, ist Direktoriumsmitglied der Berliner Schaubühne und darf als Gast, ein ungeheurer Vorgang, das Programm in Avignon zusammenstellen. Er zeigt in Frankreich vier eigene Inszenierungen und ansonsten all das, was in Berlin zurzeit den Markt beherrscht. Erstmals wird vornehmlich deutsch gesprochen auf dem berühmtesten Festival der Welt.

Die schweren Berliner Theaterzeichen (die Kreissäge ist das Emblem der Schaubühne, eine gespenstische Gaunerzinke auf dünnen Beinchen das der Volksbühne) sind im Stadtbild Avignons allgegenwärtig, und die Franzosen betreten die Theater in der Erwartung, sich ein bisschen gruseln zu dürfen vor den bellenden, mit französischen Untertiteln gezähmten deutschen Ungetümen.

Und dieser unheimliche Ostermeier, der auf Fotos gern so guckt wie der junge Hannibal Lecter, hat die Franzosen offenbar betört. Er ist in den Medien allgegenwärtig, und sollten sie es bereuen, ihn eingeladen zu haben, so geben sie es wenigstens nicht zu: Der Applaus ist freundlich, anerkennend, bisweilen enthusiastisch.

Seine Inszenierung von Büchners Woyzeck ist als erstes Stück in der Geschichte Avignons in deutscher Sprache im Papstpalast gespielt worden, und auf ihre windige, effektsichere Art kündet auch sie vom Reichtum des deutschen Theaters. Die jungen wilden Berliner haben im Palastinnenhof ein riesiges Berliner Elendsstadtrandpanorama errichtet mit Abwasserrohr, Kloakendeich und Hochhauskulisse. In aller Wucht steht es da, eine Geste für den Rest der Theaterwelt; selbst in ihrem Schutt sind die Deutschen noch fett und verdrängend.

Was die Franzosen wohl am meisten frappiert am deutschen Theater, das ist dessen Lust am Schmerz, der geheime Überdruss am eigenen Stilwillen und eine Hoffnung auf Erlösung von allem Ästhetischen. Die meisten Theaterabende in Avignon sind, sozusagen von der ersten Minute an, zu lang. Und sie wollen es sein. Demonstrativ lässt man Zeit verstreichen, suhlt sich im wertlosen Moment: weil man es sich leisten kann, weil man jenem System angehört, das nichts verkauft, sondern Kunst macht, das sich nicht dem Markt, sondern der Wahrheit verschrieben hat.

Womit man auf Frank Castorf zu sprechen kommen muss, einen der unheimlichen Gäste in Avignon. Castorfs Art, Lebenslust zu inszenieren, ist urdeutsch. "Der Wunsch ist, seiner Natur nach, Schmerz", sagt Schopenhauer, und so zeigt ihn Castorf. Bei ihm ist Lust ohne Bestrafung, Häme und Verrat nicht zu haben. Castorf hat in Avignon Kokain gezeigt, einen rauschhaften Abend nach dem Roman von Pitigrilli. Das Wort Notgeilheit, hier wird’s Ereignis. Fauchende Frauen mit bitteren Extasegesichtern herrschen auf einer Bühne, die aussieht, als würden hier ansonsten Cumshots gefilmt. Castorf-Figuren sind immer Insassen: Es gibt bei ihm keine Außenwelt, in seinem Theater ist es immer drei Uhr morgens.

Castorf ist der Meisterfrustrateur des deutschen Theaters: Er zeigt nicht, wie Tschechow es getan hat, den Leuten im Saal, wie schlecht sie leben, sondern er inszeniert Leute, die oben auf der Bühne ein säuisches Behagen am eigenen schlechten Leben entwickeln. Bei ihm sehen die Franzosen etwas typisch Berlinerisches, ein Vergnügen am Untergang: Allet Scheiße, jeschieht ma janz recht!