Hochschule Campus, fünf vor zwölf

Deutsche Massenuniversität? Von wegen: An einem Freitagvormittag fanden unsere Autoren viele ruhige Ecken

Bremen

Wer an einem späten Freitagvormittag einen der Lehrtürme der Universität Bremen betritt, beginnt unwillkürlich zu flüstern, um die Ruhe nicht zu stören. Gänge und Zimmer sind menschenleer; wer jetzt noch hier ist, wird Einsamkeit finden. Es ist so still, dass man hört, wie der Wind durch die bunten Informationszettel raschelt, die an allen Wänden hängen. Manche Uhren sind bereits um Viertel nach zehn stehen geblieben. Jemand hat mit Orange »Bonjour tristesse« über einen grauen Aktenschrank gesprüht. Im Lesesaal der Universitätsbibliothek könnte man auf den Tischen tanzen, wenn einem danach wäre. Die Dozentin, die hier als Einzige ihre Unterlagen durchsieht, hat ihre Armbanduhr gut sichtbar vor sich auf den Tisch gelegt. Draußen auf dem Campus tröpfelt ein schmaler Menschenstrom in Richtung Mensa. Es regnet, doch heute finden alle bequem unter den schmalen Überdachungen Platz, die sich quer über den Hof ziehen. Im Speisesaal gibt es trotz der Stoßzeit keine Warteschlangen an der Essensausgabe. Die größte Ansammlung der verbliebenen Studentenschaft findet sich an der Haltestelle der Linie 6 Richtung Flughafen. »Das ist freitags immer so«, sagt die nette Dame vom Studentenwerk. Sie ist trotzdem gut beschäftigt, weil sie die Bafög-Angelegenheiten verwaltet – um zwölf ist aber auch für sie Schluss. »Das Studentensekretariat macht freitags noch nicht einmal mehr auf. Oder rufen Sie mal beim AStA an, da läuft heute nur ein Band.« Aber sie hat Verständnis für die Beamtenmentalität ihrer Studenten. »Gönnen wir es ihnen«, sagt sie, »solange sie montags wiederkommen.« Andrea Benda

Hamburg

Die Woche besteht nur aus drei Tagen: Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Das muss man einfach denken, steht man vor dem Brett, an dem im Fachbereich Soziologie der Universität Hamburg die Lehrveranstaltungen angeschlagen sind. Seminare finden lediglich Di, Mi oder Do statt. Nein, halt, ein paar Ausnahmen hängen da doch: für Freitag, 10 bis 12 Uhr, wird beispielsweise ein Seminar angekündigt. Es befasst sich mit – oh –, mit »Abweichendem Verhalten«. Wenn freitags so wenig Seminare angeboten werden, haben die Studenten ja Zeit, um in der Fachbereichbibliothek vorbeizuschauen. Die ist im selben Gebäude, das wegen seiner Geschichte Pferdestall heißt, und hat von 9 bis 19.55 Uhr geöffnet. Die 61 Schließfächer davor sind alle leer. Ähnlich leer ist es auch in der Bibliothek: Politologen, Soziologen, Kriminologen und Journalistikstudenten finden hier Fachliteratur. Rund 2000 von ihnen sind in Hamburg eingeschrieben. Gerade sind 16 da. Vielleicht ist in dem hohen Gebäude auf der anderen Seite des Campus mehr los: »Philturm« sagen die Studenten dazu. Er sieht wenig einladend aus. Zehn Etagen hoch, ganz oben die Philosophen, darunter die Historiker, Germanisten, Anglisten. Wer bei den Historikern aussteigt, glaubt ein Parkhaus zu betreten, es ist leer und still, nackte Betongerippe an der Decke. Die Uhr ist Viertel vor elf hängen geblieben. Hier will man nicht sein, und hier ist auch niemand. Hoffnung macht dagegen die Stabi, die Staatsbibliothek: Die Lesesäle sind voller Studenten, die lesen, exzerpieren, kopieren. Respekt! Arnfrid Schenk

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