Wohlfeile Rettung

Die Odyssee der Cap Anamur

Seit die Cap Anamur Flüchtlinge auf hoher See aufnimmt und ans (vermeintlich) rettende Ufer bringt, ist mit ihren Aktionen eine gezielte Publizität verbunden. Der Blick der Öffentlichkeit soll von den Flüchtlingen auf die Umstände gelenkt werden, die sie zur Flucht nötigten. Werbung und Aufklärung gehen da mitunter eine prekäre Legierung ein. Aber die Kritik an dieser Art von Public Relations klingt wohlfeil. Das Elend der Flüchtlinge ist real, und Wegschauen ist immer einfacher.

Um der Welt endlich die dramatische Zuspitzung der Krise im Sudan bewusst zu machen, hat die Cap Anamur 37 Afrikaner aus dem Sudan und aus Sierra Leone in Italien angelandet – Flüchtlinge, die sie zuvor auf hoher See aus einem Schlauchboot aufgenommen hatte. Allerdings, anders als bei einer reinen Rettungsaktion, lief die Cap Anamur nicht den erstbesten Hafen an, sondern begann – mit einem Zwischenstopp in Malta, wo die Flüchtlinge hätten ausgeschifft werden müssen – eine politisch motivierte Odyssee. Wollte man lieber den italienischen Staat in Verlegenheit setzen als die Flüchtlinge sofort aus ihrer Not befreien?

Anzeige

Wenn allerdings die Leute der Cap Anamur von den italienischen Behörden zunächst wie eine kriminelle Schlepperbande behandelt wurden, sollte das etwa heißen: Rechtstreu wäre es gewesen, die Flüchtlinge auf hoher See absaufen zu lassen? Was ist krimineller – auf hoher See vorsätzlich nachzuschauen, ob dort Flüchtlinge treiben, oder vorsätzlich an Land zu bleiben und wegzuschauen? Die italienischen Behörden exekutieren freilich EU-Politik. Deutschland profitiert dabei von dem Umstand, dass es zu Lande von lauter „sicheren Drittstaaten“ umgeben ist – und von Tripolis bis Travemünde schwimmt es sich halt recht mühsam. Nicht einmal die Tatsache, dass auf der Cap Anamur deutsche Flaggenhoheit gilt, macht ihr Deck zu einem Teil des deutschen Territoriums und zum Ausgangspunkt eines deutschen Asylverfahrens. So können Deutsche als Retter auftreten, ohne dass Deutschland dafür aufkommen muss. Robert Leicht

 
Service