New York, im Sommer: Die deutsche Kultur kommt! Das Festival New German Voices, das zwei deutsche Dramatikerinnen und sechs Dramatiker am Public Theater vorstellte, einer der wichtigsten New Yorker Off-Broadway-Bühnen, überzeugte vor allem mit den Missverständnissen, die es produzierte. Kulturaustausch ist eine schwierige Angelegenheit, und das Interesse der Veranstalter, des Vereins German Theater Abroad (GTA), blieb auf unreflektiertes Ausprobieren beschränkt – auf ein fröhliches "Mal sehen!" Erst am Schluss formulierten die New Yorker Theatermacher auf einer Podiumsdiskussion ihre Sehnsucht, von den künstlerischen Freiheiten der Deutschen profitieren zu dürfen. Im intellektuellen Vakuum davor spielten sich Dramen ab: Eifrige und ehrgeizige New Yorker Schauspieler versuchten verzweifelt, sich in die mal holprig, mal brillant ins Englische übersetzten Texte einzufühlen.

Aber die Texte wollten sich nicht aus ihrer Wohlstandsblase aus neoromantischer Geheimnistuerei und versponnener Philosophistik herauslocken lassen. Je leidenschaftlicher, strahlender, verschwitzter oder verweinter die amerikanischen Schauspieler vor ihnen bettelten, desto koketter beharrten die Stücke darauf, eigentlich nur Sprachmusik für Intellektuelle zu sein. Aus New Yorker Perspektive wirkte die deutsche Dramatik der Slacker- und Träumer-Generation (unter den eingeladenen Autoren dominierte der Jahrgang 1967) zwar wie eine exotisch "andere", aber auch seltsam autistische Unternehmung.

Ronald Marx und Christian Kahrmann sind zwei groß gewachsene und gewinnende Männer. Besonders Marx, einem warmherzigen Charmeur, entkommt man schwer. Vor acht Jahren haben die beiden Schauspieler beschlossen, sich dem deutsch-amerikanischen Kulturtransfer zu widmen, auf der Suche nach Spielmaterial für sich selbst. Der Verein German Theater Abroad sollte ein Ausweg sein aus der berufsverschuldeten Unmündigkeit und durchaus ein Markenzeichen, das den beiden Zugang zum hart umkämpften US-Markt verschaffen sollte. Mit Zugang handeln sie auch, wenn sie in ihrem Berliner Büro in der Schröderstraße Lesungen deutscher Autoren veranstalten, mit deutschen Film- und Fernsehsternchen. Wer hier gelesen wird, darf auf Größeres hoffen: Heute Schröderstraße, morgen vielleicht Broadway.

Deutsche Kulturtouristen nähern sich New York immer auf dieselbe Weise: Der sexy Glamour zieht sie an, aber ihre kindliche Aufregung gleichen sie kühl mit einem unüberwindlichen Gefühl der intellektuellen Überlegenheit aus. Der Snobismus siegt. Auch Ronald Marx glaubt, das deutsche Theater sei ästhetisch eigentlich "weiter" als das amerikanische – und brauche vielleicht nur eine Infusion der ungeheuren New Yorker Energie des Vorpreschens. Die in diesem Jahr importierten Stücke stammten von Moritz Rinke und Roland Schimmelpfennig, von Ingrid Lausund, Theresia Walser, Albert Ostermaier, Oliver Czeslik, Igor Bauersima und Kristo Sagor. Die amerikanischen Kooperationspartner von der Labyrinth Theater Company kamen, preschten vor und versuchten, sich das Fremde in inszenierten Lesungen anzueignen.

Der deutsche Künstler ist sich selbst das größte Kunstwerk

Albert Ostermaiers lyrischer Monolog Fathertongue (Vatersprache) eröffnete das Textfest. Der Autor besingt die Leere, in der die Achtundsechziger seine Generation der Nachgeborenen zu leben verdammt haben, und verflucht die Anonymität der Konsumgesellschaft – Blut! Narbe! Schmerz! Herz! In Kristo Sagors Thirsty Birds (Durstige Vögel) suchen gefallene Engel auf dem Flughafen nach Nähe und zeigen einander ihre Wunden. In Ingrid Lausunds Bürosatire Slipped Disc gelangen komische Kampfhähne zu dem Novalis-Schluss, endlich nicht mehr wie Maschinen funktionieren zu wollen. Mit Gadaffi Rocks träumt Oliver Czeslik sich in die Rolle eines muslimischen Selbstmordattentäters, der von seinem Wahn geheilt werden könnte, wenn die blonde Susanne ihm nur ihr Herz und ihre Beine öffnen würde. Igor Bauersimas Futur de Luxe macht die Angst vor Genmanipulation und dem Verlust von Identität und Tiefe durch den wissenschaftlichen Fortschritt zu einer jüdischen Familienfarce mit Überlänge. Theresia Walsers Sprachkunststück It hasn't been this wild in our Forests in forever (So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr) behandelt die gewalttätige Angst vor dem Erwachsenwerden und die verlogene Öde danach. Roland Schimmelpfennigs vom Wiener Burgtheater noch uraufzuführende Frau von früher bringt antiken-schaurigen Feuertod über eine Familie, die der Liebe hehre Worte nicht kinderernst genommen hat. Und in Moritz Rinkes The Vineta Republic (Republik Vineta) endet der Versuch, einen Schwank zu schreiben, in Wahnsinn und Tod.

Der Trend ging zum Hangen und Bangen in ewiger Adoleszenz: Die Dramen-Wahrheit muss auch im 21. Jahrhundert unter großen Gefahren aus dem tiefen Brunnen im blutig dunklen Herzenswald geschöpft werden. Nach den Lesungen setzten die Autoren die Vergeheimnissung in der Publikumsdiskussion fort und verweigerten jede Auskunft über die technischen Bedingungen ihres Schaffens. Es überkommt sie, so ließen sie wissen. Am Ende steht dann plötzlich ein Stück da – Wunder der Schöpfung. Ingrid Lausund war von der Lesung ihres Textes so bewegt, dass sie kaum sprechen konnte. Roland Schimmelpfennig erzählte, wie er im Flugzeug krank wurde und plötzlich alles deutlich vor ihm stand. Theresia Walser, befragt nach der Natur ihrer Figuren, zitierte düster einen deutschen Dramaturgen: Die Figuren sprängen wie Steine über ein dunkles Wasser, und niemand wisse, welche Monstren sich unter der Oberfläche verbärgen. Da staunten die Theaterkünstler aus der prosaischen und handfesten Stadt New York gar sehr.

Es kann kein Zufall sein, dass der Berlin Verlag gerade Isaiah Berlins liebevolle Mellon Lectures über die Wurzeln der Romantik wieder herausgegeben hat. Berlins Ideengeschichte zufolge entstand die romantische Bewegung in einem in verwunschene Provinzen zersplitterten Deutschland, aus einem Gefühl der Unterlegenheit gegenüber der städtischen Hochkultur Frankreichs. Weil den deutschen Künstlern nur das Innerliche und Individuelle als Zuflucht blieb und sie von aller europäischen Weltläufigkeit abgeschnitten waren, mystifizierten sie, was sie haben: den inneren Märchenwald. Der Künstler wurde selbst zum geheimnisvollen Kunstwerk.