Interview Getrennt denken, vereint feiern
Erstmals treffen sich Europas Forscher zu einem gemeinsamen Wissenschaftsfestival. Ein Gespräch mit den deutschen Gründungspartnern Ingrid Wünning und Ekkehard Winter über das »EuroScience Open Forum« im August in Schweden
DIE ZEIT: Sie organisieren erstmals in diesem Jahr ein europaweites Wissenschaftlertreffen, das sich an das berühmte Vorbild der AAAS-Tagung in den USA anlehnt. Welches Ziel verfolgt diese Initiative?
Ingrid Wünning: Wir wollen zeigen, dass wir auch in Europa hervorragende Wissenschaftler haben. Das EuroScience Open Forum (ESOF), das dieses Jahr in Stockholm stattfindet, soll Politiker und Journalisten ansprechen wie auch die Bevölkerung; nicht zuletzt wollen wir damit die Wissenschaftler anregen, über ihren Tellerrand hinauszuschauen und sich über andere Felder zu informieren. Das Motiv, das uns dabei alle antreibt, ist letztlich die Stärkung des europäischen Standorts für die Wissenschaft.
Ekkehard Winter: Der Anstoß dazu war sicherlich die breite Wirkung der AAAS-Tagung auf Journalisten und die Politik. Aber wir wollen die AAAS nicht kopieren. Diese Tagung ist eher hermetisch – wer 100 Meter am Tagungshotel vorbeiläuft, nimmt gar nicht zur Kenntnis, dass dort so etwas Großartiges stattfindet. Wir wollen die Wissenschaft sehr viel mehr in die Stadt tragen, planen Veranstaltungen auf dem Marktplatz oder in Schulen. Das war übrigens auch ein Anliegen der Europäischen Kommission, die sich – allerdings erst nach sehr langen Verhandlungen – bereitgefunden hat, dieses Schaufenster für die europäische Wissenschaft mitzufinanzieren.
ZEIT: Warum kommt ein solches Forum erst jetzt zustande? Die Amerikaner machen uns das doch schon jahrelang vor.
Winter: Die Idee lag in der Luft. Aber wie so oft bedarf es einzelner Menschen, sie in Gang zu bringen. Das war vor allem der Mediziner Carl Sundberg vom Karolinska Institut in Stockholm. Er hat sich die Realisierung dieses Forums auf die Fahne geschrieben – gemeinsam mit Euroscience, einem Zusammenschluss europäisch denkender Wissenschaftler, der 1998 gegründet wurde.
ZEIT: An der Organisation des EuroScience Open Forum sind vor allem einzelne Wissenschaftler und Stiftungen beteiligt. Warum nicht die großen Wissenschaftsorganisationen selbst?
Wünning: Viele nationale Wissenschaftsorganisationen wollen bei solchen Veranstaltungen ihre eigenen Forscher in den Vordergrund pushen. Dem sind wir aus dem Weg gegangen. Vielmehr wollten wir die Auswahl der Vortragenden – wir hatten knapp 250 Bewerbungen für etwa 50 thematische Veranstaltungen – europa-, ja sogar weltweit nach wissenschaftlichen Qualitätskriterien treffen. Stiftungen stellen im Allgemeinen nicht ihre eigenen Interessen in den Vordergrund, sondern fördern eher die Idee der Gemeinnützigkeit.
Winter: Eine wichtige Rolle spielt auch, dass das EuroScience Open Forum zum ersten Mal stattfindet – und Stiftungen oft bereit sind, „Risikokapital“ für solche Ideen zu geben. Nationale Wissenschaftsorganisationen tun sich mit solchen Veranstaltungen eher schwer. Sie unterstützen zwar häufig eigene Forscher, die nach Stockholm fahren wollen. Aber die ESOF-Organisation zu fördern und von Anfang an im europäischen Rahmen zu denken – das geht ja weit darüber hinaus.
ZEIT: Wie steht es mit Einrichtungen wie der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ)? Sie ist ja älter als die AAAS und stand einst sogar für die Amerikaner Pate.
Winter: Heute sind die GDNÄ und andere, ähnliche Einrichtungen in Europa zwar honorig, aber organisatorisch und finanziell schwach. Wir haben in Europa unterhalb der Ebene der Politik und der großen Wissenschaftsorganisationen eher schwache Vereinigungen von Individuen. An den Planungen beteiligt war allerdings die European Science Foundation (ESF); dort sind die nationalen Wissenschaftsorganisationen zusammengeschlossen. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert zwei ESOF-Workshops.
ZEIT: Welche Nationen haben sich beim EuroScience Open Forum besonders engagiert?
Wünning: Bei diesem ersten Mal ruht die Veranstaltung finanziell sehr stark auf schwedischen und deutschen Schultern – allerdings auf wenigen. Leider ist es uns nicht in erwünschtem Maß gelungen, auch andere große Stiftungen zu gewinnen – wie etwa den britischen Wellcome Trust, die größte Stiftung der Welt.
Winter: Die meisten potenziellen Förderer haben sich zunächst einmal zurückgelehnt und ein ausgereiftes Programm gefordert. Erst in den letzten Wochen konnten wir noch eine ansehnliche Reihe von privaten Sponsoren gewinnen. So stehen für die Durchführung von ESOF 2004 inzwischen knapp 1,8 Millionen Euro zur Verfügung. Der eigentliche Motor beschränkt sich auf rund zehn Personen, überwiegend aktive Wissenschaftler aus ganz Europa. Vor diesem Hintergrund und auch weil für diese Tagung eine Verwaltungsstruktur in mühsamen Schritten aufgebaut werden musste, können wir auf die eingeworbenen Mittel und das Niveau des wissenschaftlichen Programms sehr stolz sein.
ZEIT: Warum ist es so schwierig, die europäische Wissenschaft zu einigen, etwa in einem European Research Council?
Wünning: Alle finden das gut, aber jeder hat seine eigenen Ideen dazu. In den mediterranen Ländern etwa orientieren sich die Wissenschaftsorganisationen oft stärker an den strategischen Programmen der Europäischen Kommission. In anderen Ländern dagegen wird mehr die Bedeutung der wissenschaftlichen Selbstverwaltung oder der Grundlagenforschung betont.
ZEIT: Ist dies ein Dissens innerhalb der Wissenschaft selbst – oder spielt da die Politik der jeweiligen Länder mit hinein?
Wünning: Natürlich kommt es auch immer darauf an, welchen Einfluss die Regierung des jeweiligen Landes auf die Forschungsförderung nimmt. In kaum einem anderen europäischen Land sind die Möglichkeiten für Wissenschaftler, einen beträchtlichen Anteil der öffentlichen Forschungsmittel selbst zu verwalten, so groß wie in Deutschland mit Organisationen wie der Max-Planck-Gesellschaft oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
ZEIT: Und wie ist die Resonanz bei den einzelnen Forschern auf das EuroScience Open Forum?
Winter: Wer die ESOF-Idee kennt, findet sie gut. Aber noch kennt sie nicht jeder. Deshalb ist die erste Tagung in Stockholm ein wichtiger Test. Entweder er gelingt, und aus dem ESOF wird eine regelmäßige Veranstaltung – oder es zeigt sich, dass Europa dafür noch nicht reif ist.
Wünning: Wir hoffen natürlich auf einen Erfolg. Forschungsfragen, die sich aus Themenbereichen wie etwa der Bioethik, dem demografischen Wandel oder der Infektions-Epidemiologie ableiten, lassen sich nur auf europäischer Ebene beantworten. Da greift das Denken im nationalen Rahmen viel zu kurz.
Das Gespräch führte Ulrich Schnabel
- Datum 15.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.07.2004 Nr.30
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