Hochstapler Gestatten, Dr. Pawlicik
Er sagte, er sei Arzt und wolle eine Klinik gründen. Wie das schwäbische Städtchen Riedlingen einem Betrüger verfiel und dieser ein schreckliches Ende nahm
Es war Ende Februar, und der Winter zeigte noch einmal seine Größe, als mit den letzten Schneestürmen Gerd Pawlicik* über Riedlingen kam. Die Stürme fuhren von der Schwäbischen Alb nieder ins Donautal; Pawlicik tauchte aus dem Nichts auf, und er setzte sich der Kälte ohne Mantel aus. Auf seinen Gängen zur Bank oder einem der Autohäuser trug er dunkle Anzüge der Marken Arami und Dressler, dazu weiße Hemden und dezent gemusterte Krawatten, deren Vorrat unerschöpflich schien. Keiner der Einheimischen, denen sich Pawlicik als Arzt vorstellte, der lange in Südamerika gearbeitet habe und sich ein neues Leben aufbauen wolle, wäre auf den Gedanken gekommen, dass sein wichtigstes Handwerkszeug der Anzug war.
Pawlicik war im Oktober aus dem Gefängnis im schwäbischen Rottenburg entlassen worden, nach zwei Jahren. Der ehemalige Krankenpfleger war als Betrüger vorbestraft und nur auf Bewährung draußen. Er hatte Teppiche, Möbel, Uhren und ein Auto gekauft, ohne zu bezahlen. Wieder in Freiheit, zog er von einem Ort zum nächsten, lebte in Gomadingen, in Zwiefalten. Er hatte eine Frau und einen Sohn, die in der Nähe lebten; den Kontakt hatte er abgebrochen. Er war 46 Jahre alt.
Wahrscheinlich ist, dass Pawlicik, pleite und einsam, verzweifelt nach einem Schlupfloch suchte in jene bürgerliche Welt, die ihm sonst verschlossen war und von der er sich zu nähren gedachte wie ein Parasit. Riedlingen, wie eine reife Frucht im Donautal gelegen, bot sich als bequeme Wirkungsstätte an. Er würde auftreten, als sei er reich. Er würde behaupten, er wolle eine eigene Klinik eröffnen. Alle würden ihn hofieren. Die 10.000 Einwohner sollten zu spät erwachen – und einige sollten finden, dass das schreckliche Ende dieser Geschichte ein gerechtes war.
An jenem Tag im Februar 2004 erschien Pawlicik in Riedlingen, als habe ihn der Erdboden ausgespuckt. Er hatte nur ein Fahrrad und kämpfte sich mit leichtem Gepäck von Zwiefalten aus elf Kilometer durch den Schnee, wie immer im Anzug. Es war nötig und aufwändig gewesen, sein Arbeitszeug den modischen Erfordernissen anzupassen. Seine 1.500 Euro Entlassungsgeld waren längst aufgebraucht; nun lebte er von 128 Euro Arbeitslosengeld in der Woche. Nach einem kurzen Blick auf die Fachwerkidylle mit ihrer auffallend hohen Zahl von teuren Einrichtungsgeschäften und einem kleinen Krankenhaus meldete er sich beim Fitness- und Rehapark Micha zum sportlichen Training an.
Der etwa 1,80 Meter große Mann, der den holzverkleideten kleinen Raum betrat, fiel nicht nur durch seine makellose Kleidung auf. Er hatte Augen wie klares Wasser, und sein Gesicht war so stark gebräunt, dass man ihn für einen Südamerikaner hätte halten können, nicht für den gebürtigen Polen, der er tatsächlich war. Sein Gesicht war kantig, aber noch nicht verlebt; sein Schnauzer war so gewöhnlich, dass man ihn beinahe übersah. Er hatte dunkelbraune, an den Schläfen leicht ergraute Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren, doch selbst dieses in Oberschwaben exzentrisch wirkende Detail minderte nicht den Eindruck von Eleganz; es schien ihn sogar zu verstärken, so wie ein kleiner Makel wahre Schönheit erst sichtbar macht. Trimmrad, Muskelaufbaumaschinen und Solarium beschäftigten ihn nicht lange; bald gesellte er sich, in T-Shirt und kurzer Hose athletisch wirkend, mit einem Milchshake an die Bar.
Dem Besitzer des Studios, Michael Eninger, erzählte er, was er in den nächsten Wochen jedem erzählen würde, den er in Riedlingen traf: Er sei Chirurg und bemühe sich um eine Stelle am hiesigen Krankenhaus; später wolle er selbst eine Klinik eröffnen. Die Stadt gefalle ihm gut, auch das Fitness-Studio – »genau die richtigen Leute hier«. Er sei »Dottore«, sagte er mit einem Anflug von Lächeln, als wolle er dem akademischen Titel seinen Ernst nehmen, sein bei Landmenschen Befangenheit erzeugendes Gewicht, Dr. Gerd Pawlicik, zuletzt in Costa Rica tätig; aber dann ließ er sich doch als Doktor ansprechen und wartete ein paar Tage, bevor er Freundschaften besiegelte, bevor er sich herabließ, gern auch zu Jüngeren: »Ich bin der Gerd.«
Er strahlte eine hypnotische Ruhe aus, die die Wirkung seines stutzerhaften Äußeren neutralisierte wie Säure die ätzende Eigenschaft von basischem Material. Er wirkte leutselig, schwäbelte. Er ragte heraus und machte sich zugleich gemein. Ob man ihn mit Geschäftsleuten in Kontakt bringen könne, fragte er. Der Studiobesitzer Eninger besorgte ihm Testwagen bei Autohäusern.
Bis heute schuldet Pawlicik ihm 1.000 Euro – Mitgliedsbeiträge und Geld, das Eninger ihm lieh. »Ich bin froh, dass ich ohne größeren Schaden aus der Sache rausgekommen bin«, sagt der.
- Datum 15.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.07.2004 Nr.30
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