Eigentlich war sie schon immer alt. Gleich in ihrer ersten Fernsehrolle in den Unverbesserlichen war sie 1965 die Kittelschürze tragende Mutter Scholz. Da beschützte sie ihre Familie vor dem Zerfall, wirtschaftlichen Nöten, den Achtundsechzigern. Geradezu biblisch alt sah sie aus, als sie kürzlich in ihrer letzten Polizeiruf- Folge die Oma Kampnagel mit bodenloser Lebensmüdigkeit versah. Von der Mutter zur Großmutter. Jenseits dieser weiblichen Generationenmodelle gab es für Inge Meysel eigentlich nichts zu spielen. Dennoch ist es immer noch verwunderlich, dass man ausgerechnet sie, die Kauzige, Burschikose, die eigentlich ganz und gar Unmütterliche zur "Mutter der Nation" erhob.

Sie selbst konnte diesem Titel "nicht die Bohne abgewinnen". Irgendwann muss sie es auch satt gehabt haben, die naseweisen, frechen, mit Schirm oder Zeigefinger wedelnden Mütterchen zu geben. Eine Parade der adretten Damen, erstarrt im Gestus des ewig unwirschen Zurechtweisens. Die große Schauspielerin, die jetzt in vielen Nachrufen gefeiert wird, war im Korsett der immer gleichen Anforderungen nur noch selten zu erkennen. Umso mehr muss man ihr anrechnen, dass sie sich als öffentliche Person den Anmutungen einer nationalen Instanz mit verlässlichem Starrsinn verweigerte. Sie rühmte die Vorzüge der Bisexualität, klagte mit Alice Schwarzer gegen die sexistischen Titelbilder des sterns und lehnte das Bundesverdienstkreuz ab, weil sie fand, dafür reiche nicht, dass man sein Leben anständig gelebt habe. Unschlagbar war sie, wenn sie einfach dem ungezogenen Mädchen das Wort überließ. Als sie bei ihrer Geburtstagsgala den feist auf dem eigenen Verführerimage thronenden Alain Delon beleidigte ("Belmondo wäre mir lieber gewesen"), dem taktlosen Gottschalk drohte, ihr Gebiss auszuziehen, und bei Willemsen so anzüglich daherplauderte, dass man noch zu Hause vor dem Fernseher rote Ohren bekam. So wurde sie für eine Weile zum wandelnden Tourette-Syndrom der deutschen Fernsehunterhaltung. Aus diesem Provozieren, Polarisieren, Schockieren entstand mit der Zeit eine spezifische Meyselsche Mythopoetik, und dann war es ja auch egal, ob sie mit 90 tatsächlich noch nächtens nackt in die Elbe sprang oder nicht.

Sie selbst hat ihre Ruppigkeit, ihr manchmal nervtötendes Mundwerk einmal als Schutzmechanismus bezeichnet. Zwanghaft habe sie nach den "gestohlenen Jahren" der Nazizeit alles daran gesetzt, sich "nie wieder etwas bieten" zu lassen. Nach ersten Theaterrollen in der Provinz wurde Inge Meysel 1933 mit Berufsverbot belegt, weil ihr Vater, der Tabakhändler Julius Meysel, Jude war. 13 Jahre lang lebte sie versteckt, in ständiger Angst und ohne jeden Kontakt mit dem Bruder und den Eltern, die ebenfalls im Untergrund überlebten.

Im Rückblick bildet Inge Meysel, die Fernsehmutter, ein sehr deutsches, merkwürdig komplementäres Paar mit Heinz Rühmann, dem zur gleichen Generation gehörenden Kindmann der Nation. Wo Rühmann sich duckte, entsagte oder in selbstquälerischem Lächeln verharrte, riss sie den Mund umso weiter auf. Während er den Kleinbürgertraum von der Restauration des Patriarchen träumte, erledigte ihre Käthe Scholz als Familienchef, wozu der angeschlagene Ehemann nicht mehr imstande ist. Rühmann, das ewig beleidigte Kind, dem man die falsche Welt vorgemacht hat. Meysel, die Mutter, die mit zittrigen Händen die Scherben in die Zukunft schaufelt und laut schimpfend das Klirren übertönt. Vielleicht lag in ihrer Unruhe, der geradezu zwanghaften Verweigerung des Duckmäusertums die eigentliche Bedeutung ihrer Figur.

Bei ihrem letzten Auftritt, in der Polizeiruf- Folge Mein letzter Wille, gab es einen Moment, in dem alle Anspannung von ihr abzufallen schien. Da liegt sie als Oma Kampnagel frühmorgens im Bett. Ein verwittertes Gesicht, unbewegt, eingesunken. Man hätte meinen können, sie sei tot. Dann blinzelt Inge Meysel, öffnet die Augen und sagt mit großer Wut und Würde: "Scheiße!" Es war eine ungemein angemessene Art, uns auf dem Bildschirm mitzuteilen, dass sie tatsächlich genug hatte. Am vergangenen Samstag starb sie im Alter von 94 Jahren in ihrem Haus in Hamburg.