Konjunktur Im Kriechen voran
Langsam wächst die deutsche Wirtschaft wieder. Fragt sich nur: Ist der Aufschwung stark genug für ein kleines Jobwunder?
Was denn nun? Ist der Aufschwung endlich da, oder blüht uns doch wieder nur ein Jahr der Stagnation? Geht die Arbeitslosigkeit zurück, oder wird es noch immer nichts mit neuen Jobs? Ein Forschungsinstitut nach dem anderen erklärt in diesen Tagen, die deutsche Konjunktur laufe eindeutig besser als erwartet; selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht die Zukunft für Deutschland optimistischer. Doch kaum schöpft die Nation einmal Hoffnung, platzt prompt das ifo Institut München mit der Nachricht dazwischen, die Stimmung in der Wirtschaft werde wieder schlechter.
Klaus Zimmermann, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW), gab den Ton vor: »Die Flaute ist vorbei, der Aufschwung kommt.« Zum Jahresbeginn hatte das DIW für 2004 noch ein höchst bescheidenes Wachstum von 1,4 Prozent vorausgesagt, im Frühjahrsgutachten der sechs Forschungsinstitute wurden daraus Ende April 1,5 Prozent. Nun wagte das DIW den Schritt auf 1,8 Prozent, vier weitere Institute setzten ihre Prognose ebenfalls herauf.
Aber in München sitzen Spielverderber. Wenn die Experten des ifo Instituts die Stimmung der Unternehmer erfragen und gegen Monatsende ihren Geschäftsklimaindex veröffentlichen, gilt das als konjunktureller Wetterbericht für ein paar Monate im Voraus. Seit Jahresbeginn verdüsterte sich die Perspektive, erst im Mai brach ein bisschen Optimismus durch. Doch schon Ende Juni verkündete ifo wieder: »Sowohl die Urteile zur aktuellen Geschäftslage als auch die Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate verschlechterten sich.« Die Kollegen vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) interpretierten ihren jüngsten Index der Konjunkturerwartungen kaum zuversichtlicher. ZEW-Chef Wolfgang Franz: »Die Hoffnungen auf einen deutlichen Anstieg haben sich nicht erfüllt, obwohl einige realwirtschaftliche Daten in Richtung einer konjunkturellen Erholung deuten.«
Die Rauchzeichen von der Prognosezunft sind also alles andere als eindeutig. Variationen um 0,2 oder 0,4 Prozentpunkte lassen nicht viel mehr als den Schluss zu, dass die Prognostiker nicht mehr ganz so deprimiert sind wie noch vor Monaten. Darüber hinaus bleiben manche Signale des Marktes widersprüchlich. Ein Beispiel: Einerseits stagnieren die Zulassungen von Pkw beharrlich, was auf schlechtere Zeiten hindeutet; andererseits blüht das Geschäft mit Nutzfahrzeugen, was für einen Konjunkturaufschwung spricht.
Eindeutig ist lediglich, dass es hierzulande im ersten Halbjahr aufwärts ging. Und alle sind sich einig: Es lag an den florierenden Exporten. Vor allem die USA, China und Japan, aber auch die neuen EU-Mitglieder im Osten Europas bringen die Weltwirtschaft in Schwung. Da sind deutsche Maschinen gefragt, dem teuren Euro zum Trotz. »Die deutschen Exporte«, so berichtet die Deutsche Bank, »sind deutlich wettbewerbsfähiger geworden.« Die deutsche Exportindustrie verliert weltweit keine Marktanteile mehr, in Europa hat sie ihre Position sogar verbessern können.
Offensichtlich ist der Standort Deutschland nicht ganz so schlecht, wie ihn manche Kritiker machen. Nicht nur die Qualität der Produkte stimmt, sondern auch der Preis. Das liegt daran, dass die Inflation in Deutschland in den vergangenen Jahren unter dem Durchschnitt der Euro-Länder blieb. Zudem haben sich die Lohnstückkosten günstiger entwickelt als bei unseren Nachbarn und Konkurrenten. Mit anderen Worten: Höhere Löhne wurden weitgehend von der verbesserten Produktivität aufgefangen.
Nach einem für Deutschland traditionellen Muster führen Exporterfolge der Wirtschaft bisher über kurz oder lang zu Investitionen. Und Investitionen haben höhere Konsumausgaben zur Folge. Wenn also die Auslandsnachfrage die Konjunktur angeschoben hat, geht diese Rolle an die Binnennachfrage über. Doch das scheint gegenwärtig nicht zu gelingen. Richtig ist: Es wird wieder investiert, nach drei Jahren Rückgang ist die Investitionstätigkeit erstmals wieder positiv. Doch das Gros der Unternehmen wartet ab, weil der Verbrauch nicht anspringt. Seit zwei Jahren sinken die Umsätze des Einzelhandels fast kontinuierlich von Quartal zu Quartal.
Kein Wunder, denn die Deutschen sparen wie die Weltmeister. Statt in den Konsum fließt immer mehr Geld aufs Sparkonto. So blieb ohne Wirkung, dass zu Beginn des Jahres die Einkommen von Steuern entlastet wurden; das machte immerhin 1,3 Prozent der verfügbaren Einkommen aus (also der Summe, die ein Haushalt wirklich ausgeben kann). Genauso drosseln die hohe Arbeitslosigkeit und auch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes die Konsumlust, die Reformdebatte verunsichert zusätzlich, statt Hoffnung zu wecken. Daraus folgert das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv: »Das derzeitige Hin und Her ist schwerlich dazu angetan, das Vertrauen in die Politik zu stärken.«
- Datum 15.07.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.07.2004 Nr.30
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



