Biografie Der Zerrissene

Am 16. Juli wäre der deutsche Rebell Jörg Fauser 60 Jahre alt geworden. Eine Biografie sichtet Leben und Werk des Frühverstorbenen

Es gibt ein Bild von ihm aus dem Herbst 1977, das zeigt ihn gemeinsam mit Charles Bukowski, dessen Frau Linda und Frances Schoenberger an der Theke einer Bar, irgendwo in Los Angeles: uninteressiert, ja knurrig dreinblickend, schaut er in die Kamera. Und wie wohl kein anderes Foto dieses Autors offenbart es, in welcher Zwangsjacke der Schriftsteller Jörg Fauser in Wahrheit bis zuletzt gesteckt haben mochte: in der Luft abschnürenden Pose des scheinbar bis in die Haarspitzen abgebrühten Rebellen, der vor lauter Coolness in Apathie und Sprachlosigkeit verfiel.

Schiebt man den seit seinem jähen Unfalltod 1987 mächtig angewachsenen Legendenschrott beiseite, stößt man auf das Bild eines unablässig mit den eigenen Selbstbildern ringenden Einzelgängers, der gefangen scheint hinter der Fassade des durchamerikanisierten, heroinabhängigen Schreibers. Ein Blick in den gut dokumentierten Briefwechsel Fausers mit seinen Eltern schließlich zeigt einen von dem tiefen Verlangen nach Nähe, Zustimmung und Verständnis geleiteten Romantiker, der nur von fern an das Bild des weithin bekannten coolen Partisanen erinnert.

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Eine erste, unter dem Titel Rebell im Cola-Hinterland erschienene Biografie blättert nun Jörg Fausers schnelles, viel zu kurzes Leben auf. Den beiden Verfassern Matthias Penzel und Ambros Waibel gelingt es glänzend, Fausers Entwicklung als Autor wie als Mensch, sein literarisches Schaffen und seine Bedeutung für die deutsche Literatur der späten achtziger Jahre zu verbinden, ohne das vorgegebene Material zu verbiegen. Zugleich erweist sich der Band als differenzierter Stimmungsbericht von den gesellschaftlichen Rändern jener Jahre, zwischen denen Fauser sich auf der Suche nach einer eigenen, unverwechselbaren literarischen Stimme ruhelos bewegte. Hier der Underground, in dem Fauser nach Gleichgesinnten suchte; dort sein Streben nach Anerkennung durch das Feuilleton und die ihm angeschlossenen Institutionen wie dem Bachmann-Wettwerb, an dem Fauser 1984 teilnahm.

Erstmals nun erfährt Fauser, der am 16. Juli 60 Jahre alt geworden wäre, mit der vorliegenden Biografie eine umfassende Situierung. 1944 im hessischen Bad Schwalbach geboren, war Fauser bald dort zu Hause, wo der Amerikanische Traum vom Amerikanischen Albtraum überholt wurde. Über Benn und Brecht mit der Literatur infiziert, nahm Fauser Anfang der siebziger Jahre den Umweg des literarischen Undergrounds über Cut-up, die Beats und eine Menge Drogen, um zu den Themen seiner späteren, wuchtigen Romane zu gelangen. Im bürgerlichen Milieu aufgewachsen und als Künstler vom Establishment seiner Zeit ignoriert, floh Fauser nach Istanbul, wo er sich im Junkie-Viertel Tophane mit seiner Sucht herumschlug. Doch selbst in Zeiten größter Selbstentfremdung hielt er Briefkontakt zu den Eltern, suchte Absolution und Nähe. Mit bewundernswerter Disziplin gelang es ihm schließlich, sich von der Nadel wegzubringen und (mit dem Roman Rohstoff) in die literarische Öffentlichkeit zurückzuschreiben. Fausers Rohstoff war die Wirklichkeit, wie er sie an den Rändern der Gesellschaft erlebt hatte. Seine Themen: Linkshänderromantik à la Hemingway, Außenseiterpoesie. Zudem brachte er Namen ins Spiel, die Ende der siebziger Jahre hierzulande kaum bekannt waren: Nelson Algren, Chester Himes, Jean-Patrick Manchette. Fauser glaubte, dass nur noch der Kriminalroman als Instrumentarium infrage kam, um die sozialen Zustände und Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft überzeugend auszuloten. Das Resultat waren seine Kriminalromane Der Schneemann (1981) und Schlangenmaul (1985), Bücher, die nun Zug um Zug in Neuausgaben im Berliner Alexander Verlag erscheinen und ihm zu dem verhalfen, was Sympathisanten allzu vorschnell einen Durchbruch nannten.

In Wahrheit jedoch ist Fauser bis auf den heutigen Tag ein Held der Subkultur geblieben, der mit seinen tempogeladenen Geschichten einen neuen, »amerikanischen« Ton in die deutsche Prosa brachte; ein draufgängerisches, schnörkelloses Erzählen – präzise beschleunigt, ohne ein Gramm Fett –, das dem »schmutzigen Realismus« der Ford oder Carver ebenso huldigt wie der exzentrischen Metaphorik eines Raymond Chandler. Bis zuletzt haftete ihm das Image des »Amerikaners« unter Deutschlands literarischen Nonkonformisten an, der in den eher zwielichtigen Biotopen der Gesellschaft seine nicht selten gefährlichen Feldstudien betrieb, mit den Underdogs gern und fröhlich fraternisierte und sich nach außen hin als zäher Hund erwies. Sein mysteriöser, bis auf den heutigen Tag ungeklärter Tod in der Nacht seines 43. Geburtstags, in der er betrunken auf der A94, in Fahrtrichtung München, einem Lkw in die Spur lief, machte ihn schließlich endgültig zur Legende. Die vorliegende ausgezeichnete Biografie zeigt nun den großen Zerrissenen dahinter.

Matthias Penzel/Ambros Waibel: Rebell im Cola-Hinterland – Jörg Fauser

Eine Biografie; Edition Tiamat, Berlin 2004; 288 S., 16,– Euro

 
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 15.07.2004 Nr.30
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  • Schlagworte Jörg Fauser | Literatur | Ford | Biografie | Kriminalroman | Istanbul | München
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