Wie im Kino. Wie im Roman. Das meint: wie erfunden. So schön, so schrecklich, so unglaublich. Größer als das Leben, das nach allgemeiner Ansicht eintönig und absehbar ist. Bei Loretta Lynn ist das Leben pures Kino, gemacht in Hollywood, und doch ziemlich gewöhnlich, denkt man an Kentucky. Mit dreizehn heiratet sie, mit achtzehn hat sie vier Kinder, mit vierzig ist sie der größte "weibliche Country-Star Amerikas", mit siebzig wird sie aus dem Geiste der Rockmusik wiedergeboren und singt ihr schönstes Album. "Ich habe mich immer gewundert, warum die Leute mir sagten, ich sollte meine Autobiografie schreiben. Ich habe doch kaum gelebt." Loretta Lynn ist wahrhaft geerdeter Country.

Also darf man den Film für wahr nehmen, der ihre Autobiografie A Coalminer’s Daughter 1980 als Nashville Lady für Sissy Spacek alias Loretta Lynn in einen Oscar umwandelte, darf man ihr Leben, das sie so oft und so unverblümt erzählt, für Wirklichkeit nehmen. Man muss Geschichten nur oft genug wiederholen, dann erscheint ohnehin jede Realität als Legende. Also wächst sie zusammen mit ihren fünf Brüdern in Butcher Holler, in einem Bergarbeiterkaff in den Appalachen Kentuckys auf, dort wo die Batterien im Radio geschont werden müssen, die Väter früh am Kohlestaub ersticken und die Wörter in den Büchern zu lang sind, um sie zu entziffern. Also kommt eines Tages der 21-jährige Oliver Lynn vorbei, der die 13-jährige Loretta Webb heiratet, sie schwängert, also ziehen sie nach Washington, wo er als Waldarbeiter sein Geld verdient und sie mit ihren vier Kindern auf der baufälligen Holzterrasse sitzt. "He asked me to marry got kids of four / And I’m tellin’ you / I don’t want no more" singt sie in Story Of My Life am Ende ihres neuen Albums. Also kauft ihr Doo, ihr Mann, zum Hochzeitstag statt eines Ringes eine Gitarre, weil sie so wunderbar die Kinder in den Schlaf singt, also sitzt sie auf der Veranda, sucht sich die Griffe zusammen und summt Have I told you lately I love you, während die Jungs an ihr vorbeibrüllen. Das ist wahrer Country, das ist der Anfang einer amerikanischen Karriere, die sie nach Nashville, in die Grand Ole Opry, zum amerikanischen Präsidenten bringt. "Richard" spricht die Queen of Country-Music den bürgerlichen Nixon an. "Warum nicht? Ich sage ja auch Jesus zu Jesus."

Es ist diese Bodennähe, die Countrymusik für viele Rockmusiker, Punks oder Verzweiflungssänger so anziehend macht, mag die Erdung in den Himmel oder die Hölle reichen. Die Sammlung Anthology of American Folk Music mit ihren Songs aus den Tiefen des Landes gilt als tönende Bibel der Volksseele, die Verehrung für den tragischen Hank Williams ist genreumspannend, die späte Wiederentdeckung von Johnny Cash ist einem Produzenten von Heavy-Metal-Musik zu verdanken, und nun erweist sich die junge Garagen-Rock-Formation The White Stripes als Verehrer und Wiedergeburtshelfer einer Sängerin, die in den letzten zwanzig Jahren nur als Legende fungierte, deren L.L.-Ranch in der Nähe von Nashville als Wallfahrtsort zu besichtigen war. Doo, Doolittle oder auch Mooney, kurz gesagt, ihr Mann, war 1996 gestorben, jener Oliver Lynn, bei dem sie 48 Jahre lang blieb, mit sechs Kindern und rund 30 Enkelkindern. "Not bad for this ol’ Kentucky girl I guess . "

Eine unglaublich junge Stimme und ein tolles, dreckiges Lachen

Countrysingen kommt aus dem Erzählen, aus dem Schaukeln von Babys, aus dem Tanzen am Samstagabend, den Liedern der Großeltern, aus der Wut auf den betrunkenen Mann, der Einsamkeit in der Nacht und der oft tödlichen Eifersucht auf das Mädchen, das die Familie zerstört. So grundsätzlich und so schlicht, so beschränkt und so allumfassend sind die Songs, die Loretta Lynn singt. Es hat sich nichts verändert auf dem neuen Album Van Lear Rose, nur ist die Musik wieder zur Musik geworden. "Es ist mehr Country", meint die Sängerin, "als alles, was ich je aufgenommen habe" und lobt jenen Jack White, männliche Hälfte der White Stripes, der ihr das Raue und Ungehobelte gegenübergestellt hat, das jahrzehntelang unter Streichern und gelackten Steel-Gitarren verschwunden war. Als hätte Zarah Leander mit den Element of Crime gesungen, Hildegard Knef mit den Einstürzenden Neubauten, hätte Rock Hudson bei Fassbinder gespielt, es ist diese Kollaboration von vertrauter Authentizität und neuer Kraft, von Fan und Idol, die beide in reinerem Licht zeigt.

Die 70-jährige Loretta Lynn ist nicht die schlechteste Partnerin für den 28-jährigen Jack White, gilt sie in ihrer gnadenlosen Offenheit als Rebellin wider Willen. Von ihrem "instinktiven Arbeiterklassen-Feminismus" schrieb einmal der Rolling Stone und trifft diese Pionierfrau-Mischung bei der 158 cm großen Sängerin, aus Kleinmädchen-Unschuld und Frauen-Robustheit ziemlich genau. Sie spricht genauso unverblümt über ihre Migräne wie über Hautprobleme, über misslungene Brustimplantate wie über die Segnungen der Pille. Sie wird zum Vorbild für Sängerinnen, die sich fragen, wofür sie sich eigentlich die Beine rasieren. Ihr Song The Pill "du bist mit anderen losgezogen, jetzt nehme ich die Pille" – wurde logischerweise von ebenso vielen konservativen Country-Sendern mit dem Bannfluch belegt, wie ihre anderen Lieder zu Nummer-eins-Hits wurden.

Die Titel der Kompositionen jenes Mädchens, das mit achtzehn und I’m A Honky Tonk Girl ihren Durchbruch nach Nashville hatte, sind Programm: Your Squaw Is On The Warpath , Can’t Say It On The Radio oder Rated X über Scheidungen. Oder jene Songs, die wie You Ain’t Woman Enough (To Take My Man) den entscheidenden Punkt in Klammern setzen, Don’t Come Home A Drinkin’ (with Lovin’ On Your Mind). Es tut nicht mehr so weh, wenn man es mal gesungen hat.