Die Weltlage wirkt bedrohlich, und übermächtig ist das Verlangen, ihr Rätsel zu entschlüsseln. Wo liegen die Ursachen der Gewalt? Wer ist schuld an den endlosen Konflikten und ewigen Feindschaften? Es gibt griffige Erklärungen, aber sie scheinen nicht recht zu greifen. Viele glauben deshalb, es sei sinnlos, unsere Zeit mit Theorien zu traktieren, die ihr selbst entstammen. Stattdessen müsse man zurück zu den Anfängen der Zivilisation, an jene Wegscheide, von der sie ihren Ausgang nahm. Dort liege der Schlüssel vergraben, der uns die Gewalt der Gegenwart erschließt.

Kaum jemand beschreitet den Rückweg in die Geschichte so gelehrt, obsessiv und angreifbar wie der Kultur- und Religionswissenschaftler Jan Assmann, der gerade seine Heidelberger Gadamer-Professur eröffnet hat. Assmann ist felsenfest davon überzeugt, unsere Gegenwart ließe sich nur verstehen, wenn man ihre Genealogie bis zum jüdischen Monotheismus zurückverfolge, zur mosaischen Unterscheidung von wahrer und falscher Religion. Diese Unterscheidung war nicht weniger als revolutionär. Damit habe Moses die Wahrheit vom königlichen Gesetz auf den Einen Gott "umgebucht" und jenen archimedischen Punkt entdeckt, "von dem aus sich die politischen Ordnungen aus den Angeln heben ließen". Indem der jüdische Monotheismus die Welt kritisierbar machte, zerstörte er den kosmischen Frieden der antiken Welt, die "Einheit von Herrschaft und Heil". Mit einem Wort: Moses’ Unterscheidung wirkte schismatisch. Sie setzte die Leidensgeschichte der Moderne in Gang, die Geschichte der Trennungen und Verfolgungen, Feindschaften und Abspaltungen. Bis heute.

Man unterstellt Assmann gewiss nichts Falsches, wenn man behauptet, seiner Meinung nach wäre es der Menschheit besser ergangen, die "so genannten jüdischen Sekten der Sadduzäer, Pharisäer, Essener und frühen Christen und Judenchristen" wären in ihrer "Mehrheitsgesellschaft" verblieben und hätten die Götter des Staates nicht durch universalistische Machtkritik aus dem Amt gejagt. Entsprechend aussichtslos ist das Unterfangen, Assmann die altägyptischen Elegien ausreden zu wollen – die handkolorierte Fiktion vom friedlich-schiedlichen Heidentum, vom menschenfreundlichen Polytheismus und dem amor fati des glücklichen Griechenlands. Schon ein Blick auf die ausgesuchten Scheußlichkeiten, mit der die göttergläubige Antike ihre monotheistischen Kritiker ja erst auf den Plan gerufen hat, bekehrt uns vom Aberglauben an die harmonische Einheit von Herrschaft und Heil.

Dennoch sind Assmanns Fragen nach dem Zusammenhang von Monotheismus und Gewalt von bestürzender Aktualität. Aus welchen Quellen schöpfen fundamentalistische Unbedingtheitsansprüche? Unter welchen Bedingungen schlägt die Anbetung des mächtigen Absoluten um in die Macht absoluter Gewalt? Für Assmann zeigt sich die schlagende Verbindung von Monotheismus und Gewalt historisch zum ersten Mal im Makkabäer-Aufstand. Damals habe der "jüdische Bandenführer" Jehuda Makkabi eine Form von Gewalt exekutiert, die bis dato in der hellenistischen und heidnischen Welt undenkbar war. Gewiss, der polytheistische König Antiochus habe den ersten Stein geworfen. Aber seine "Maßnahmen" hätten nicht auf gewaltsame Unterdrückung gezielt, sondern auf eine Hellenisierung der östlichen Völkerschaften, denen Antiochus "vermutlich eine Wohltat zu erweisen glaubte, nicht viel anders als die USA im Irak".

Erst der "heldenhafte Widerstand" des "Bandenführers" entfesselte exzessive Gewalt und den ersten Religionskrieg der Weltgeschichte. Makkabi habe seinen blutigen Kampf nämlich nicht nur religiös interpretiert , sondern er habe ihn religiös mo tiviert. Das macht für Assmann einen Unterschied ums Ganze. "Diese Leute" kämpften nicht nur für Gott, sie "eiferten" und töteten für ihn. "Eifern" sei das "Schlüsselwort für die Beziehung von Monotheismus und Gewalt". Eifern heißt "mit Gewalt vorgehen, notfalls töten, vernichten, auslöschen" – alles Handlungen, die heute "an die Taliban erinnern".

Assmanns Deutungen sind oft subtil und blendend vorgetragen, aber was den theologischen Wesensgehalt der Bibel betrifft, verbleiben sie an der Oberfläche oder streifen die Karikatur – wenn er zum Beispiel suggeriert, die Lebensheiligkeit sei eine Erfindung von Aussteigern. Zu Recht musste er sich die Frage gefallen lassen, ob es zu seinem "Monotheismus" jemals die dazugehörigen Monotheisten gegeben habe. Schließlich machte Assmann doch einen Vorschlag zur Güte. Die ureigene jüdische Macht- und Herrschaftskritik sei "unaufgebbar". "Diesen archimedischen Punkt gilt es festzuhalten und gegen die entdifferenzierenden Tendenzen sowohl des westlichen Säkularismus, der die ganze Welt seinem Wert- und Wirtschaftssystem, als auch dem islamischen Fundamentalismus, der sie seinem Gott unterwerfen möchte, durchzusetzen."