Medien

Dandy der Medientheorie

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat zu jedem Thema auf allen Kanälen etwas zu sagen. Das macht ihn bei Kollegen suspekt

Das Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz war einst das höchste Gebäude Berlins – ein 22 Geschosse hohes Bekenntnis des Elektronik-Konzerns zur geteilten Stadt. 40 Jahre später wird das immer noch elegante Denkmal des Fortschrittsglaubens von der Technischen Universität genutzt. Ganz oben hat Norbert Bolz sein Büro. Der Ausblick über den Tiergarten ist atemberaubend, auch thematisch passt das Ambiente gut: Bolz forscht über die Verschränkung von Medienentwicklung, Politik und Geschichte, wie sie in diesem Haus Stein geworden ist. Seit zwei Jahren leitet er das Fachgebiet Medienwissenschaft an der TU.

Norbert Bolz ist einer der bekanntesten Geisteswissenschaftler deutscher Sprache. Wenige können es mit seiner Medienpräsenz aufnehmen. Die Fußball-Europameisterschaft verlangt nach höherer Sinngebung? Der Niedergang der Musikindustrie gibt Rätsel auf? Deutschland sucht den Superstar? Ein Skandal um millionenschwere Beraterverträge erschüttert die Republik? Bolz ist stets zur Stelle. Seine Interventionen und Interviews sind zugespitzt und zitierfähig. Stets fällt eine elegante, oftmals provokante These ab. Den Fußball sieht er als Arena glücklicher nationaler Identifikation. Die Probleme der Musikindustrie gelten ihm als Zeichen neuer, unberechenbarer Konsumentenmacht. Und politische Berater erklärt er kurzerhand zu den Erfindern jener Probleme, die sie zu lösen vorgeben: »Berater verschreiben Probleme, die lösbar sind.«

Das ist ein merkwürdiges Bekenntnis von jemandem, der selbst »Medienberatung« unterrichten soll. Für Bolz allerdings ist ein solcher ironischer Ton, der vor dem eigenen Fach nicht Halt macht, typisch. Er ist ein Theorie-Dandy, und sein Lieblingsstilmittel ist das Paradox. Dass Verständigung am besten da funktioniert, wo die Sprache versagt, dass die Verflachung des Fernsehens gerade die Macht des Zuschauers beweist, dass die Konjunktur der Berater nicht für einen Wunsch nach neuen Perspektiven, sondern für Beratungsresistenz steht – das sind Pointen ganz nach dem Geschmack des Irritationsspezialisten Bolz.

In den Medien kommt das gut an. Unter Kollegen jedoch macht sich ein deutscher Professor mit solcher Einmischungsfreude verdächtig. Wohl auch darum hat Bolz bisher nur Lehrstühle am Rande der etablierten Fächer bekommen. In Essen war er zehn Jahre lang am Institut für Kunst- und Designwissenschaften zuständig für Kommunikationstheorie. Nun also Medienberatung – das klingt für klassische Geisteswissenschaftler geradezu wie der Inbegriff des Unseriösen. Bolz selbst ist fern davon, sich darüber zu beklagen. Er scheint sich damit abgefunden zu haben, dass die intellektuelle Unberechenbarkeit, die er zu seiner Marke gemacht hat, ihren Preis hat.

Aber die Medienwissenschaft ist für ihn alles andere als ein Trostpreis. Wenn er eine Mission hat, dann diese: Die Aufmerksamkeit zu lenken auf die »Unwirklichkeiten, in denen wir leben«, auf die mediale Vermitteltheit allen Wissens. Eines der Bücher, mit denen er bekannt wurde – seine Kurze Geschichte des Scheins (1991) – handelt von der systematischen Unterschätzung des Scheins im abendländischen Denken zugunsten des Seins. Bolz zeigt, wie Oberfläche, Sinnlichkeit, Bildlichkeit im Namen von Tiefe, Begriff und Wahrheit abgewertet wurden und wie die »tiefe Angst vor dem Schein« die Erkenntnis verhindert hat, dass die Medien selbst Wirklichkeit erzeugen und diese manipulieren, statt sie nur widerzuspiegeln.

Heute muss man solche Erkenntnisse nicht mehr mit der Geste eines Tabuzerstörers unter die Leute bringen. Jedermann kann am heimischen Computer an seinen Digitalschnappschüssen herumtricksen, und die Klage über die Selbstbezüglichkeit der Medien ist in den Zeiten des Kurzschlusses zwischen Bohlen, Beckmann und Bild Allgemeingut geworden.

Was heißt in solchen Zeiten Medienberatung? »Zu uns kommen viele Studenten«, sagt Bolz, »die irgendwo ins Stocken gekommen sind und nun einen Aufbaustudiengang absolvieren wollen.« Das können Juristen sein, die in den Medien arbeiten wollen, oder Politikwissenschaftlerinnen, die bei den Grünen mitarbeiten und sich dafür interessieren, wie man Nachhaltigkeit effektvoll kommunizieren kann. Auch bei diesem Thema hilft ein Gespür für das Paradox weiter: Denn der Wert »Nachhaltigkeit« ist der Funktionslogik der Massenmedien, die auf Abwechslung und Überraschung setzen, wesensfremd. Er spielt gar mit dem Gedanken, einen Lehrstuhl für politische Kommunikation in Nachhaltigkeit einzurichten. In diesen Zeiten knapper Haushalte müsste sich das Projekt freilich aus Drittmitteln finanzieren. Die TU steht unter Spardruck. Bolz’ eigener Vertrag läuft zunächst nur über vier Jahre.

Ein Kind des irrealen und überhitzen Westberlins

Norbert Bolz gilt manchen Kollegen als zynischer Zeitgeistphilosoph und als Hallodri, der den Mund gern ein wenig zu voll nimmt. Er ist nicht ganz unschuldig an diesem Ruf. In seinen vielen Büchern und Aufsätzen wird gern das Ende (der Aufklärung, der Philosophie, der Kunst, des Menschen und anderer großer Dinge) verkündet, und immer wieder hebt ein neues Zeitalter (des Computers, der Digitalisierung, des Roboters, der Simulation) an. Die Großsprecherei grenzt manchmal an Unverständlichkeit: »Die Rhetorik des Cyberspace«, heißt es am Ende seines Buchs Die Konformisten des Andersseins , »ist also ein Parasit der Emergenz-Effekte der neuen Medienwirklichkeit.«

Wer ihn im Gespräch erlebt, vergisst solchen höheren Humbug. Dass er ein guter, begeisternder Lehrer ist, wissen schon diejenigen, die ihn in den achtziger Jahren erlebten. Damals war er der Assistent des genialen und exzentrischen Religionswissenschaftlers und Philosophen Jacob Taubes an der Freien Universität. Taubes, ein jüdischer Gelehrter, war einer der großen Freigeister der Nachkriegszeit. In seinem Kreis wurde freimütig und früh wie nirgends in Deutschland die französische Postmoderne aufgenommen. »An seinem Institut herrschte eine Atmosphäre der Frechheit«, erinnert sich Bolz.

Die Zeit bei Taubes, der er seine geistige Prägung verdankt, war die letzte große Phase des intellektuellen Westberlins. Wie überall in den geisteswissenschaftlichen Instituten der westlichen Welt wurde damals über das »Ende der Geschichte« theoretisiert, über die Dekonstruktion allen Sinns, das »Verschwinden des Realen« in den Simulationen, den »Aufstand der Zeichen« und was sonst noch die postmodernen Schlagworte waren. Aber nirgendwo konnte man diese Parolen so leicht für Beschreibungen der Wirklichkeit halten wie in dem geistig überhitzten, irrealen Westberlin der letzten Jahre vor dem Mauerfall.

Bolz ist ein Kind dieser anregenden Zeit. Heute versucht er als Hochschullehrer, die Erfahrung weiterzugeben, dass die Begegnung mit hoch abstrakter Theorie die Augen öffnen kann. »Ich glaube nicht daran«, sagt er, »dass man sehr weit kommt, wenn man sich unmittelbar in die Praxis stürzt.« Stattdessen setze er auf die Irritation durch starke Thesen: »Die Studenten brauchen das Erlebnis eines Ehrfurcht gebietenden Textes, der zunächst unverständlich anmutet und mit dem man den Kampf aufnimmt. Daraus entstehen Bildungserlebnisse.« Bei ihm müssen sich die Studenten an den großen Theoretikern der Medien abarbeiten, etwa an Marshall McLuhans Aperçu, dass »die Leute Zeitungen nicht wirklich lesen. Sie steigen jeden Morgen in sie hinein wie in ein heißes Bad.« Man muss Adornos Diktum einzuordnen lernen, dass »Massenmedien Instanzen des Massenbetrugs sind«. Die Theorie dient dazu, von den Medien, die uns nach Bolz’ Beobachtung viel zu sehr auf den Leib gerückt sind, Abstand zu gewinnen.

In seinem jüngsten Buch, dem Konsumistischen Manifest, schildert er, wie die Medienkritik die Geschichte der Medien selbst beeinflusst hat. Das Buch ist eine Reaktion auf den 11. September und die Folgen. Bolz war schockiert von der Welle des Antiamerikanismus, die nach der anfänglichen Sympathie mit den New Yorker Opfern aufbrandete. »Selbst unter meinen aufgeklärten Freunden machte sich plötzlich dieser merkwürdige westliche Selbsthass breit. Im Antiamerikanismus verbirgt sich nämlich der Hass gegen die Lebensform des westlichen Konsumismus. Da wollte ich dagegenhalten.« Der distanzierte Dandy wurde mit einem Mal zum engagierten Verteidiger des kapitalistischen Lebensstils.

Aber kein echter Bolz ohne die dialektische Wendung. Der kritische Konsument, sagt er, stehe heute nicht mehr außerhalb des Systems, sondern sei ein Teil davon geworden: »Die Subkultur wird zum Markenartikel, der Rebell zum Star und die alternative Szene zum Motor der Unterhaltungsindustrie. Der Mainstream wird gerade von denen bestimmt, die anders sein wollen als der Mainstream.« Wenn er beschreibt, wie intelligent das System des mediengesteuerten »Konsumismus« funktioniert, in dem sich Kunden, Werber und Unternehmer wechselweise beeinflussen, dann fällt die sonst gepflegte Attitüde der Coolness von ihm ab. Da klingt ein Ton frommer Bewunderung an, wie man ihn von Renegaten kennt, die ihre neue Religion preisen: Der Konsumismus sei »das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen«.

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  • Von Jörg Lau
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 15.07.2004 Nr.30
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