Medien Dandy der MedientheorieSeite 2/2
Norbert Bolz gilt manchen Kollegen als zynischer Zeitgeistphilosoph und als Hallodri, der den Mund gern ein wenig zu voll nimmt. Er ist nicht ganz unschuldig an diesem Ruf. In seinen vielen Büchern und Aufsätzen wird gern das Ende (der Aufklärung, der Philosophie, der Kunst, des Menschen und anderer großer Dinge) verkündet, und immer wieder hebt ein neues Zeitalter (des Computers, der Digitalisierung, des Roboters, der Simulation) an. Die Großsprecherei grenzt manchmal an Unverständlichkeit: »Die Rhetorik des Cyberspace«, heißt es am Ende seines Buchs Die Konformisten des Andersseins , »ist also ein Parasit der Emergenz-Effekte der neuen Medienwirklichkeit.«
Wer ihn im Gespräch erlebt, vergisst solchen höheren Humbug. Dass er ein guter, begeisternder Lehrer ist, wissen schon diejenigen, die ihn in den achtziger Jahren erlebten. Damals war er der Assistent des genialen und exzentrischen Religionswissenschaftlers und Philosophen Jacob Taubes an der Freien Universität. Taubes, ein jüdischer Gelehrter, war einer der großen Freigeister der Nachkriegszeit. In seinem Kreis wurde freimütig und früh wie nirgends in Deutschland die französische Postmoderne aufgenommen. »An seinem Institut herrschte eine Atmosphäre der Frechheit«, erinnert sich Bolz.
Die Zeit bei Taubes, der er seine geistige Prägung verdankt, war die letzte große Phase des intellektuellen Westberlins. Wie überall in den geisteswissenschaftlichen Instituten der westlichen Welt wurde damals über das »Ende der Geschichte« theoretisiert, über die Dekonstruktion allen Sinns, das »Verschwinden des Realen« in den Simulationen, den »Aufstand der Zeichen« und was sonst noch die postmodernen Schlagworte waren. Aber nirgendwo konnte man diese Parolen so leicht für Beschreibungen der Wirklichkeit halten wie in dem geistig überhitzten, irrealen Westberlin der letzten Jahre vor dem Mauerfall.
Bolz ist ein Kind dieser anregenden Zeit. Heute versucht er als Hochschullehrer, die Erfahrung weiterzugeben, dass die Begegnung mit hoch abstrakter Theorie die Augen öffnen kann. »Ich glaube nicht daran«, sagt er, »dass man sehr weit kommt, wenn man sich unmittelbar in die Praxis stürzt.« Stattdessen setze er auf die Irritation durch starke Thesen: »Die Studenten brauchen das Erlebnis eines Ehrfurcht gebietenden Textes, der zunächst unverständlich anmutet und mit dem man den Kampf aufnimmt. Daraus entstehen Bildungserlebnisse.« Bei ihm müssen sich die Studenten an den großen Theoretikern der Medien abarbeiten, etwa an Marshall McLuhans Aperçu, dass »die Leute Zeitungen nicht wirklich lesen. Sie steigen jeden Morgen in sie hinein wie in ein heißes Bad.« Man muss Adornos Diktum einzuordnen lernen, dass »Massenmedien Instanzen des Massenbetrugs sind«. Die Theorie dient dazu, von den Medien, die uns nach Bolz’ Beobachtung viel zu sehr auf den Leib gerückt sind, Abstand zu gewinnen.
In seinem jüngsten Buch, dem Konsumistischen Manifest, schildert er, wie die Medienkritik die Geschichte der Medien selbst beeinflusst hat. Das Buch ist eine Reaktion auf den 11. September und die Folgen. Bolz war schockiert von der Welle des Antiamerikanismus, die nach der anfänglichen Sympathie mit den New Yorker Opfern aufbrandete. »Selbst unter meinen aufgeklärten Freunden machte sich plötzlich dieser merkwürdige westliche Selbsthass breit. Im Antiamerikanismus verbirgt sich nämlich der Hass gegen die Lebensform des westlichen Konsumismus. Da wollte ich dagegenhalten.« Der distanzierte Dandy wurde mit einem Mal zum engagierten Verteidiger des kapitalistischen Lebensstils.
Aber kein echter Bolz ohne die dialektische Wendung. Der kritische Konsument, sagt er, stehe heute nicht mehr außerhalb des Systems, sondern sei ein Teil davon geworden: »Die Subkultur wird zum Markenartikel, der Rebell zum Star und die alternative Szene zum Motor der Unterhaltungsindustrie. Der Mainstream wird gerade von denen bestimmt, die anders sein wollen als der Mainstream.« Wenn er beschreibt, wie intelligent das System des mediengesteuerten »Konsumismus« funktioniert, in dem sich Kunden, Werber und Unternehmer wechselweise beeinflussen, dann fällt die sonst gepflegte Attitüde der Coolness von ihm ab. Da klingt ein Ton frommer Bewunderung an, wie man ihn von Renegaten kennt, die ihre neue Religion preisen: Der Konsumismus sei »das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen«.
- Datum 15.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.07.2004 Nr.30
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