Gush Katif

Auf der Straße nach Süden riecht es allmählich nach Wüste. Geradeaus weiter ginge es zu Ariel Scharons Farm im Negev. Wer jedoch an der Gabelung rechts abbiegt, befindet sich auf dem schwer bewachten Weg nach Gush Katif, dem größten israelischen Siedlungsblock im Gaza-Streifen. Am Checkpoint Kissufim, der Israel von den palästinensischen Gebieten trennt, stehen Panzer. Wenige Kilometer später erinnert ein beflaggter Steinhaufen an die Mutter mit ihren vier kleinen Töchtern, die hier am 2.Mai von einem Palästinenser aus nächster Nähe erschossen wurde. Je länger die Fahrt, desto höher die Befestigungen. Erst Sanddünen und Stacheldraht, dann Betonwände und Wachtürme. Palästinensische Häuser, die zu nahe an der Straße standen, sind abgerissen worden oder dienen als Armeepositionen. Die Bewohner wurden vertrieben.

Wer in Gush Katif lebt, braucht permanenten Schutz. Im Gaza-Streifen sind nicht weniger als sechs Batallione stationiert – insgesamt 2500 Soldaten. Allein 400 bewachen die rund sechzig Familien in Kfar Darom, wo religiöse jüdische Frauen in langen Röcken und mit solider Kopfbedeckung ihre Kinderwagen zwischen Merkawa-Panzern schieben. Seit Beginn der Intifada im Herbst 2000 wurden die Siedler im Gaza-Streifen mit Tausenden von Granaten beschossen.

Gush Katif besteht aus 15 Siedlungen. Alles in allem etwa 6000 Einwohner. Seit drei Jahrzehnten versuchen sie sich hier im Sand zu verwurzeln, inmitten von 1,4 Millionen Palästinensern. Dem will nun ausgerechnet ihr einstiger Schutzherr ein Ende bereiten: Morag, ganz im Süden, gehört zu den drei Siedlungen, die nach Ariel Scharons Trennungsplan als Erstes geräumt werden sollen.

"Mit dem Glauben werden wir siegen. Herzlich willkommen" steht am elektrisch gesteuerten Eingangstor. Die Häuser mit Ziegeldächern sind im Halbkreis angeordnet, ihre blühenden Vorgärten kämpfen gegen die Wüste an. Hier will niemand über die geplante Evakuierung reden. Chaim, der Sprecher der Gemeinde, sagt, dass die Leute den Gedanken an einen Abzug einfach verdrängten. "Wir leben normal weiter, denn wir glauben nicht, dass er kommt. Die Politik ändert sich doch ohnehin dauernd in diesem Land."

Erst vor vier Jahren hat sich der 28-jährige Chaim in Morag niedergelassen. Seinen Nachnamen will er nicht preisgeben. Aus Sorge, seine Eltern könnten sonst erfahren, in welch gefährliche Gefilde er mit seiner sechsköpfigen Familie gezogen ist. Chaim trägt eine Kippa auf dem Kopf und Gebetsriemen unter dem T-Shirt. Doch er rechtfertigt seine Anwesenheit nicht mit biblischen Motiven. "Wir sind die Vorfront und passen aufs Land auf. Wenn wir nicht Stellung halten, werden die Städte in Israel zur Zielscheibe werden." Den Einwand, dass die Soldaten bloß zum Schutz der Siedler da seien, lässt er deshalb nicht gelten. Sollte es aber tatsächlich zu einer Räumung kommen, fügt er hinzu, dann "wird niemand von uns die Hand gegen Soldaten erheben. Aber wir werden auch nicht gehen." In diesem Sommer erwartet Morag drei bis fünf neue Familien.

Auf die Zukunft hofft auch Jakob Guetta. Er habe gerade erst 2000 Oliven- und Granatäpfelbäume gepflanzt, die sein vierjähriger Sohn Amizur einmal abernten soll, erzählt er. Währenddessen bewacht er mit dem Gewehr zwei Palästinenser, die schweigend die Veranda seines Hauses fliesen. So schreibt es das neue Gesetz vor: Wer palästinensische Arbeiter in eine Siedlung bringt, muss sicherstellen, dass sie nicht zur Gefahr werden. Guetta hat noch immer Schmerzen in der Schulter. Vor zwei Jahren hatte man ihn angeschossen.