siemens Fliegender Wechsel

Siemens-Chef Heinrich v. Pierer hat den Konzern zügig umgebaut, sein Nachfolger Klaus Kleinfeld muss das Tempo erhöhen

Das Haus scheint aufs beste bestellt. Die Aktienkursentwicklung kann sich im Vergleich zu anderen Dax-Werten sehen lassen, die Gewinne steigen, und die Machtprobe mit der IG Metall in Sachen 40-Stunden-Woche für die deutschen Telefonbauer in Bocholt und Kamp Lintfort wurde auf ganzer Linie gewonnen. Da kann man gut verstehen, dass Heinrich v. Pierer, der 63-jährige Siemens-Chef, gerade jetzt den »Generationswechsel« an der Spitze des Münchner Technologiekonzerns einläutet. Ende Januar 2005 will er die Führung an den 46-jährigen Klaus Kleinfeld übergeben, wenn der Aufsichtsrat das gesamte Personalpaket noch in diesem Monat absegnet. Das dürfte aber eine reine Formsache sein.

Kleinfeld hat sich seit 1987 im Konzern hochgearbeitet, er kennt den Laden genau. Deshalb weiß der gebürtige Bremer und promovierte Betriebswirt, wie hart der Weg des deutschen Weltkonzerns noch werden wird.

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Neuordnung im Gemischtwarenladen: Noch ist der mit 415 000 Mitarbeitern (davon 167000 in Deutschland) beschäftigungsstärkste deutsche Konzern weit davon entfernt, die Renditen des amerikanischen Rivalen General Electric (GE) zu erreichen. Selbst wenn es der scheidende Chef Pierer in den kommenden sechs Monaten noch schafft, für einige aktuelle Problembereiche, ähnlich wie im Falle Bocholt/Kamp Lintfort, mit Betriebsräten und IG Metall jeweils das passende lokale »Bündnis für Arbeit« zu vereinbaren: Sein Nachfolger muss den Umbau vollends zur permanenten Devise machen. Denn in allen zentralen Geschäftsbereichen hat es der Münchner Konzern mit potenten Wettbewerbern zu tun, die jeden Stillstand gnadenlos ausnutzen. Zwar hat Pierer bereits etliche Produktbereiche ausgegliedert oder in Joint-Ventures mit starken Partnern eingebracht, etwa die Speicherchips (Infineon), die Kondensatoren (Epcos), die Geldautomaten (Wincor) und die Nukleartechnik (Framatome). Dadurch stehen allein im Inland 60000 Mitarbeiter weniger auf den Konzern-Gehaltslisten. (Wobei die Jobs freilich zum großen Teil bei anderen Unternehmen erhalten blieben.) Aber trotz dieses Umbaus – und durch Zukäufe vermeintlich zukunftsträchtiger Geschäfte – ist das Produkt- und Dienstleistungsspektrum des Konzerns immer noch breiter als bei jedem anderen deutschen Konzern. Wo sonst gibt es Glühbirnen, Handys, Kraftwerke, U-Bahnen, EDV-Service und Computertomografen aus einem Unternehmen?

Was wird aus den Verlustbringern? Ebenso unterschiedlich wie die Geschäftsgebiete sind auch die Erträge. Bei Kraftwerken, Stromübertragung, Fabrikautomatisierung, Medizintechnik, Osram oder der Autotechnik wird derzeit gut verdient, teilweise fährt Siemens sogar zweistellige Renditen ein. Bei den EDV-Diensten, den Telefonnetzen oder der Gebäudetechnik sind die Renditen dagegen immer noch schmal, oder es werden, wie in der Bahntechnik, sogar hohe Verluste geschrieben. Und eines gehört trotz aller Anstrengungen auch zur Siemens-Geschichte: Überraschende und teure Pannen wie bei den neuen Straßenbahnen vom Typ Combino, bei denen das Dach einriss, sind bei einem Konzern dieser Größenordnung offenbar immer drin.

Das Verhältnis zum Vorgänger: Damit der neue Chef Kleinfeld nicht scheitert, muss er mit Aktionären, Kunden, Mitarbeitern und Politikern gleichermaßen geschickt umgehen. Letztere haben im weltweiten Geschäft mit der Infrastruktur immer noch das Sagen. Deshalb wird Kleinfeld der nahtlose Wechsel seines Vorgängers Pierer auf den Posten des Aufsichtsratschefs gar nicht so Unrecht sein: Als Lobbyisten etwa im Asiengeschäft kann der Neue den Alten noch gut brauchen. Zudem hat es Pierer geschafft, trotz bisweilen harter Auseinandersetzungen, ein im Kern vertrauensvolles Verhältnis zu den Arbeitnehmern und ihren Vertretern zu pflegen. Das hat ihm in der Siemens-Krise von 1997/98 sogar den Job gerettet. Kleinfeld wird vermehrt mit den Forderungen seiner gleichaltrigen Managerkollegen umgehen müssen, denen der soziale Konsens weniger am Herzen liegt als Pierer. Allerdings setzen Betriebsräte und Beschäftigte bei Siemens darauf, dass Kleinfeld sensibel genug ist, die Konzernentwicklung ohne Bruch voranzutreiben.

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