DIE ZEIT: Vor 100 Jahren starb Anton Tschechow. Wenn seine Figuren heute zu Ihnen kämen und wissen wollten, wie das Leben ist, jetzt, nach 100 Jahren, was würden Sie Ihnen zeigen?

Peter Stein: Ich bin eigentlich nicht der Typ, solche poetischen Fragen zu beantworten. Ich bin ein Handwerker, nicht besonders intelligent und habe auch relativ wenig Fantasie. Und die Figuren von Tschechow begegnen mir eigentlich nur auf der Bühne und stellen an mich ganz andere Fragen: beispielsweise, wie ich es mit der Ungerechtigkeit in der Welt halte. Wie ich mein Leben einrichte, ohne andere Leute zu verletzen. Wie ich mit der Erinnerung umgehe, mit dem Bewahren von dem, was die menschliche Rasse zustande gebracht hat. Das Entscheidende dabei ist die Frage nach der Wahrheit. Denn die Tschechow-Figuren versuchen, ihr Leben, mit dem sie nicht zufrieden sind, zu analysieren, wobei sie ihre Ergebnisse dauernd wieder hinterfragen. Sie wissen, dass ein Sinn für das Leben einfach nicht zu finden ist – aber die Suche danach ist entscheidend. Die Tschechow-Figuren interessieren sich nicht dafür, ob der Tagesschau- Sprecher nun braun oder grün geschminkt ist oder ob im Augenblick in Ruanda Leute massakriert werden. Sondern sie fragen jeden Einzelnen, wie er mit der Welt, in der er lebt, umgeht. Sie erzeugen einen enormen moralischen Anspruch. Wenn man sich dem nicht stellt, sondern ausweicht und irgendwelche Scherze erfindet und das als heutige Regie verkauft, dann verrät man sie.

ZEIT: Die Menschen Tschechows wurden nach der Revolution ausradiert. Ist der Erfolg Ihrer Tschechow-Inszenierungen in Russland nicht auch darauf zurückzuführen, dass da eine Welt in Ihren Inszenierungen auferstanden ist, die man in den 70 Jahren Sozialismus begraben hatte?

Stein: Das habe ich völlig anders erfahren. Das ist keine bestimmte Adelskaste, die da drüberschwebt und durch eine Revolution hinweggefegt wird. Sondern das sind Menschen, die sowohl vom Sozialen als auch vom Geschichtlichen her offen sind für alle möglichen Einflüsse: von der Seite der Bauern, des Adels, der Kleinbürger. Aus diesem Grund sind die Tschechow-Figuren eben auch stellvertretend für den Menschen überhaupt und nicht für eine bestimmte Gesellschaftsschicht. Schon 1974 und 1975 habe ich in Russland massenhaft solche Tschechow-Leute kennen gelernt: Sie saßen in Datschen und diskutierten unendlich über die Welt und wussten selbstverständlich längst, wie sich die Geschichte entwickeln wird: Schon damals haben sie mir mitgeteilt, dass die deutsche Teilung ein Witz sei und längst überholt. 1978 haben sie mir dann auch Königsberg angeboten, mit mehr oder weniger Wodka im Blut. Sämtliche Aspekte der Tschechow-Figuren habe ich in der russischen Gesellschaft wiedergefunden. Das ist durch eine Revolution nicht zu entfernen – ganz im Gegenteil. Die russische Revolution ist entstanden, damit die Russen gegenüber der auf sie eindringenden Modernität so weit wie möglich Russen bleiben konnten.

ZEIT: Tschechow hat im Sauseschritt in seinen 44 Jahren mehrere Leben hinter sich gebracht: als Schriftsteller, als Arzt; er hat eine Dokumentation über die Gefangeneninsel Sachalin gemacht, Krankenhäuser und Schulen gebaut – und nebenbei hat er mit seinen Stücken noch das Theater revolutioniert. Ist Ihnen dieses äußeren Widerständen abgerungene Leben nah?

Stein: Nah ist mir das nicht, ich bewundere es. Es klingt zynisch, doch Tschechow hat mit seiner Biografie ein großes Glück gehabt. Sein Leben bestand vor allem aus Krankheit. Er wusste also – und das ist für Theaterleute sehr wichtig –, inwieweit der Tod und die Krankheit tief in das Leben verwirkt und verstrickt sind. Da braucht man dann nicht nur bei Sophokles nachlesen, dass wir zum Tod geboren sind. Dazu kommt, dass er die ganzen Katastrophen, die sich nach 1905 in Russland entwickelt haben, nicht mehr erleben musste. Er hat sie aber alle in ihren wesentlichen Bestandteilen gespürt, vorausgesehen und sich auch damit beschäftigt. Und er hat auf das Heftigste versucht, sich gegen die heraufziehende Ideologisierung des Lebens, der Kunst und der Wirtschaft zu wehren. Er hat genau gewusst, wie gefährlich diese Ideologisierung ist.