Dieser Film versteht sich nicht als Kunst, sondern als notwendiges Übel. Er existiert überhaupt nur als Einspruch gegen die unerträglichen Verhältnisse, und deshalb bezieht er seine Plausibilität weder aus schönen Bildern noch aus eleganten Dialogen, weder aus der Wohltemperiertheit seiner Argumentation noch aus der Prominenz der Darsteller, sondern aus der Grobschlächtigkeit seiner Gesellschaftskritik. Anders als andere Dokumentarfilmregisseure will Morgan Spurlock (geboren 1970 in West Virginia, Absolvent der New Yorker Tisch School of the Arts) mehr, als die Unzulänglichkeit der Welt bloß zu dokumentieren. Er hat nämlich wenig Hoffnung, dass der verständige Zuschauer sich irgendwann aufrafft, um den Augiasstall auszumisten. Spurlock, der Selfmademan, macht die Dreckarbeit vorsichtshalber selbst, er leitet seinen ersten Kinofilm Super Size Me wie einen reinigenden Fluss durch den mit Fast Food zugemüllten, von Werbeslogans verpesteten und von übergewichtigen Menschen verstopften amerikanischen Alltag und zwingt das Publikum durch sein eigenes drastisches Beispiel zur Kooperation.

Dreißig Tage lang hat Spurlock sich ausschließlich von dem ernährt, was es bei McDonald’s zu kaufen gibt: Burger, Pommes, Muffins, Eiskrem, Milchshakes und Coca-Cola in allen Abfüllvarianten. Dreimal täglich, so verlangten es die selbst auferlegten Regeln, nahm der Proband eine fettige, stark gesalzene Mahlzeit zu sich. Unglaubliche 30 Pfund Zucker hatte er nach Ablauf eines Monats konsumiert und dabei zwölfeinhalb Kilo Körpergewicht zugelegt. Sein Cholesterinspiegel ein Desaster, seine Libido durch permanente Kalorienzufuhr erstickt, aber den schönsten Triumph verbuchte Spurlock bereits zehn Tage vor dem Ende des großen Fressens, als einer seiner Ärzte ihn anflehte, das selbstzerstörerische Experiment abzubrechen: Seine bis dato völlig gesunde Leber besitze die Konsistenz einer Pastete. Offenbar habe Fett eine ähnlich verheerende Wirkung auf das Organ wie Alkohol. Wenn Spurlock dem traurigen Schicksal eines Nicholas Cage in dem Säufermelodram Leaving Las Vegas entgehen wolle, müsse er umgehend auf Entzug. Das hat der Regisseur und Hauptdarsteller nach einer durchzitterten, zergrübelten Nacht jedoch abgelehnt.

Nicholas Cage konnte mit dem Saufen nicht aufhören, weil er zugrunde gehen wollte, Spurlock muss weiterfressen, weil er die Welt retten beziehungsweise seine amerikanischen Mitbürger vor dem lebensbedrohlichen Einfluss der Fast-Food-Industrie schützen will. Er betrachtet die Restaurantkette McDonald’s mit ihren weltweit 30000 Filialen als manifest gewordenen spätkapitalistischen Verblendungszusammenhang und die Aktionäre des Konzerns als skrupellose Drogendealer. Ihr entscheidender Wettbewerbsvorteil ist die von der Washingtoner Ernährungslobby verteidigte Legalität, ihre wirksamste Waffe aber ist Werbung ("The meal is the deal!", "Are you Mac enough?"). 12 Milliarden Dollar jährlich gibt McDonald’s dafür aus und weist gleichzeitig die Verantwortung für die beständig zunehmende Fettleibigkeit seiner Kunden von sich.

Spurlock wählt als filmische Strategie eine aggressive Gegenpropaganda. Er bombardiert sein Publikum mit ekelerregenden Bildern (frittierte Schulspeisung) und schaurigen Fakten (die Kosten für Diabetes-Behandlungen in den USA haben sich zwischen 1997 und 2002 verdoppelt), er blendet Statistiken und Kampfparolen ein, zur Begrüßung schreit er uns entgegen: "Amerika ist die fetteste Nation auf Erden, herzlichen Glückwunsch!" Aufgehellt wird die Chronik seines Martyriums durch sarkastische Filmmusik und kleine Interviews mit Fresssüchtigen. Spurlock, der bisher hauptsächlich Werbespots und Musikvideos sowie eine Reality-Show produziert hat, kombiniert die plakative Michael-Moore-Version der Amerikakritik mit der handfesten, radikalen Günther-Wallraff-Methode: Der Erzähler wird zum Objekt seiner Erzählung und seine persönliche Erfahrung zum entscheidenden Beweismittel.

Wenn man das ermüdend Agitatorische dieses Films beiseite lässt, dann leistet er etwas ganz Entscheidendes: Er ruft uns ins Bewusstsein, wie eingeschränkt unsere Freiheit ist, zwischen gut und böse zu wählen. Der Wunsch nach dem Burger, der uns krank macht, gehört ja zu jenen repressiven Bedürfnissen, die Herbert Marcuse 1964 als systemstabilisierend beschrieben hat: "Ihre Befriedigung mag für das Individuum höchst erfreulich sein, aber dieses Glück dient dazu, die Fähigkeit zu hemmen, die Krankheit des Ganzen zu erkennen. Das Ergebnis ist dann Euphorie im Unglück." Spurlock erfährt diese Euphorie an sich selbst, wenn er die furchtbaren Kopfschmerzen, die er durch seine Fett-Diät bekommt, mit noch mehr Fast Food bekämpft.

Leider vergisst Spurlock zu zeigen, wie die Bewusstwerdung eines repressiven Bedürfnisses (übermäßiges Fressen) fast zwangsläufig zur Entwicklung eines neuen repressiven Bedürfnisses (Schlankheitswahn) führt, wie leicht eine Sucht durch eine andere ersetzbar ist. Er geißelt den entmündigenden Einfluss der Konzerne unter den Bedingungen der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, aber wie das durchagitierte Individuum nun seine "wahren Bedürfnisse" (Marcuse) von den "falschen" unterscheiden kann, wird nicht verraten. Die öden Salate von Spurlocks Freundin, einer Hardcore-Veganerin, möchte man jedenfalls auch nicht ständig essen.