Trau dich! Reine Kopfsache

Für diesen Sommer hatte sich unsere Autorin vorgenommen, vom Fünfmeterbrett zu springen. Aber dann bekam sie es mit der Angst zu tun

Trau Dich! Spring einfach! Andere wollen auch noch!Foto: Michael Tewes für ZEIT LebenJetzt nur nichts Unüberlegtes!Foto: Michael Tewes für ZEIT LebenFortsetzung aufSeite 44Reine KopfsacheFortsetzung vonSeite 43

Die Luft wird dünner, sogar der Geruch von Chlor ist verflogen. Der Aufstieg geht senkrecht in die Wolken hinein. Die Sprossen der Leiter sind dünn wie Strohhalme. Ich fühle mich wie Reinhold Messner, nur dass der gar nicht schwimmen können soll, das macht mir etwas Mut. Auf fünf Metern angekommen, schaben die Fußsohlen über den rauen Betonboden in Richtung Kante. Ein paar Badegäste starren mit seltsam klein gewordenen Gesichtern herauf zum Sprungturm. Die Geräusche des Freibads verschwimmen zu einem Raunen. Ein Vogel fliegt vorbei in Richtung Pommesbude. Noch nie war mir so schwindelig, denke ich jetzt und blicke bestürzt in die Tiefe. Es weht mich hin und her wie die Eis-Fahne am Imbiss. Hoffentlich sieht das zumindest so dramatisch aus wie in Hitchcocks Höhenangst-Film Vertigo, hoffe ich, denn hinter mir steht der nächste Sprungkandidat. Ein Bademeister schaut streng herauf und ich hinunter in das hellblaue Rechteck, das unendlich scheint. Zügig drehe ich um, steige die Leiter hinunter, auf der sich Helden nach oben drängeln. Wenn in dem Becken elastischer Pudding wäre, dann vielleicht, denke ich. Der erste Versuch vom Fünfmeterbrett war hiermit gescheitert. Ich holte mir zermürbt ein Eis.

Diese Geschichte beginnt vor einigen Wochen, als der Sommer noch nicht da war. Die Redaktion fragt, ob ich springen würde, vom Zehner. Ich habe Höhenangst, sage ich und handele sie auf fünf Meter runter. Die Höhe ist auch nicht entscheidend. Es soll um die Angst gehen, und die ist groß. Ob man sie überwinden könnte? Der Sommer ist ja noch weit. Ich sage zu, einfach so, wie damals in der Jugend, als es noch um Wetten ging, um Mutproben oder so ein erhitztes Gefühl, dass man doch jetzt einfach springen könne. Fast jeder erinnert sich an so eine Situation: Manche erzählen Geschichten von Trennungen oder einer neuen Liebe, für die der Sprung vom Turm wie ein Zeichen stand. Ein beliebter urbaner Mythos, den man zu dem Thema oft zu hören bekommt, ist die Geschichte von einem, der vom Zehnmeterbrett sprang und sich den Bauch aufriss – wäre das so oft passiert wie erzählt, gäbe es keine Sprungtürme mehr, beruhige ich mich. Ich bin mitten in meiner mentalen Vorbereitungsphase für den Sprung. Häuser, Brücken, Bäume werden auf Fünfmetermarkierungen abgeschätzt, Körpergrößen hochgerechnet, die Welt als Maßstab. Einen Nachmittag lang beobachte ich aus sicherer Entfernung den Sprungturm im Sommerbad Wilmersdorf. Dieser Moment nach der Überwindung. Manche strampeln in der Luft wie umgekippte Käfer. Dann tauchen sie ein, hinterlassen nur Schaum, bis der Kopf an ganz anderer Stelle wieder auftaucht, als sei es ein anderer, glatt wie ein Seehund.

Mein erstes und bisher letztes Sprungturmerlebnis hatte ich mit sieben Jahren, als ich ein Schwimmabzeichen machte. Ich war schon eine halbe Stunde geschwommen und mir meines Aufnähers für die Bikinihose sicher. Da sagte der Bademeister, einer dieser Typen, die wie Gespenster ums Becken schleichen und immer genau dort sind, wo Kinder etwas falsch machen, der Bademeister sagte jedenfalls: »Du musst aber noch springen.« Vermutlich war es nur ein Meter, mir erschien es wie drei oder fünf; der Sprung dauerte einen Nachmittag lang. Denn ich hatte schon damals Höhenangst.

Anzeige

Man kann Vorhaben vor sich herschieben, indem man sich erst mal damit beschäftigt. Höhenangst, eine sehr verbreitete Angst, so erfuhr ich, entsteht aus dem normalen Entfernungsschwindel, wenn die Distanz zwischen den Augen und dem nächsten festen Objekt zu groß wird. Um das Objekt scharf sehen zu können, beginnt der Kopf unmerklich zu schwanken. Gleichzeitig stabilisiert der Körper seine Lage über die Peripherie der Netzhaut. Beim Blick nach unten fehlt dieser stabilisierende Faktor. Der Körper beginnt leicht zu pendeln, um Balance zu finden, und aus diesem normalen Höhenschwindel wird beim Höhenphobiker Panik, erklärten mir Psychologen. Mit wiederholter Konfrontation könne sie gemildert werden. Ich stellte mir vor, wie ich mit einer Gruppe zitternder Tiefenängstler in Begleitung eines Psychotherapeuten im Freibad herumstünde. Die Variante, es mit einem Bademeister zu versuchen, erschien doch etwas sportlicher.

Die nächste Hürde, mit der ich nicht gerechnet hatte, bestand darin, dass es in Berlin kaum Sprungtürme gibt, was ich sehr sympathisch fand. In einem Schwimmbad musste der Mann an der Kasse bei meinem Anruf erst mal nachsehen. Nach ein paar Minuten: »So wat haben wir nicht.«

Sehen Sie niemals nach unten, sagt der Bademeister

So kam ich dann nach Lübars, in ein kleines, altes Seestrandbad mit Sprungturm im Norden von Berlin. An einem Samstag im Mai stehe ich mit dem Bademeister Dieter Artus auf festem Boden zwischen Strandkörben und vor dem Steg, der direkt zum Turm führt. Der Himmel ist bedeckt. Er reicht mir seine Visitenkarte, auf die springende Delfine gedruckt sind, und sagt: »Machen Sie sich da mal keinen Kopf.« Das erscheine einem nur so hoch, weil die eigene Körpergröße beim Sprung, mal rein optisch gesehen, auch noch dazukäme. Und noch eine andere Zahl schreckt mich. Am Kassenhäuschen war die Wassertemperatur mit 18 Grad annonciert. Wenn das mal nicht etwas übertrieben war, Herr Artus.

Der große Vorteil in Lübars: Im See gibt es nicht wie im Pool den tiefen Grund, rein optisch, wie Herr Artus sagen würde. Später, am Gasthaus in Lübars angekommen, erinnere ich mich an einen Freund, der sich bei einer Bergtour weigerte weiterzugehen, mit dem Argument: »Die Berge laufen einem ja nicht weg.« So ein Sprungturm auch nicht, denke ich. Da fährt Herr Artus in seinem Auto über den Dorfplatz. Er winkt.

  • Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 15.07.2004 Nr.30
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Reinhold Messner | Trainer | Berlin
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service