Wärmespender Menschliche Wärme
Der Heizpilz ist der Ventilator des Sommers 2004
Das indische Restaurant Amrit in Berlin-Schöneberg gleicht abends dem Märchengarten eines Maharadschas. Aromen von Ingwer und Kreuzkümmel umwehen die Tische draußen auf dem Bürgersteig. Palmen werden von unten angestrahlt. Wendige Kellner tragen unablässig dampfende Speisen heraus. Alle haben gute Laune. Aber das eigentlich Erstaunliche: Niemand friert. Bei 15 Grad sitzt man im T-Shirt vor einem Paneer Tikka und fühlt sich – okay, noch nicht wie in Bombay, aber immerhin verschont von der Grunderfahrung im Juli 2004: der Gänsehaut. Es ist sogar angenehm warm, Kaminfeuer-warm, und diese Tatsache verdanken wir einer kleinen Kompanie von Blechkameraden. Lange, schlanke Kerle mit dünnen Hälsen, zwanzig Stück, dicht an dicht. Sie sind das Muss dieses Sommers: Heizpilze.
Ihr natürliches Vorkommen beschränkt sich normalerweise auf spätherbstliche Kürbisfeste und Weihnachtsmärkte. Doch in der feucht-kühlen Witterung schießen sie momentan überall massenhaft aus dem Boden. Ohne Heizpilz bräche die Open-Air-Gastronomie zusammen, die hippen Stadtstrände könnten ihre Liegestühle zusammenklappen. Unter seinem Schirm verbringen wir momentan mehr Zeit als unter freiem Himmel. Und schon beginnt eine ähnliche Hysterie wie letztes Jahr, als überall die Ventilatoren ausverkauft waren. Jeder braucht einen, dringend. Es gab bereits »dramatische Lieferengpässe«, sagt ein Händler im hessischen Dillenburg. Er habe tagelang nichts anderes getan, als Kunden am Telefon beruhigt. »Falls Sie auch einen brauchen. Ich mach Ihnen einen guten Preis. Ich empfehle Ihnen den aus Aluminium. Das ist der Mercedes unter den Heizpilzen.« Und dann sagt er noch, dass er sehr hoffe, dass das Geschäft bis in den Winter »durchgängig« verlaufe.
Stellen wir uns mal dumm und fragen: Was ist das eigentlich – ein Heizpilz? Der Heizpilz gehört zur Familie der Flüssiggasbrenner und ernährt sich von Propan oder Butan. Er hat einen erfreulichen Artenreichtum entwickelt. In den Handel gelangt er auch unter Bezeichnungen wie »Gartensonne« oder »Partystrahler«. Sein Körper besteht, je nach Ausführung, aus einfachem Blech, Aluminium oder Edelstahl. Durch das Verbrennen des Gases wird sein Reflektor, der Hut, erhitzt. Dieser strahlt die Wärme dann gleichmäßig ab. So weit, so einfach?
Nein. Denn selbst wenn er es warm hat, verspürt mancher Deutsche einen »inneren Nieselregen«, wie Gerhard Polt das einmal genannt hat. So werden gerade unter der behaglichen Wärmeglocke sauertöpfische Diskussionen geführt: Darf man das denn überhaupt? Ist das nicht die lächerliche Simulation eines Sommerabends? Und eine Öko-Sauerei dazu? Doch unter den üblichen Empörern herrscht verdächtige Stille. Ein Anruf bei Greenpeace ergibt, dass »hierzu noch nicht gearbeitet wurde«. Offenbar wünschen wir alle uns gerade ein bisschen globale Erwärmung.
Der Grund für das Schweigen heißt C3H8. Diese chemische Formel steht für profanes Propangas. Und das verbrennt nicht nur rückstandslos zu Kohlenstoffdioxid und Wasser. Es ist auch, weil es bei der Verarbeitung von Erdöl anfällt, reichlich vorhanden. Eine Flasche hält bei Vollgas etwa 12 Stunden und im Normalbetrieb sogar bis zu 45 Stunden. Also: Keine Sorge, in dieser Hinsicht ist alles politisch korrekt.
Die wirklichen Weicheier dieses Sommers sind ohnehin die Betreiber der Beach-Bars, die bereits überlegen, ihre künstlichen Strände zu überdachen. Bevor es so weit kommt: Noch zwei Mojito für Tisch vier, bitte!
- Datum 15.07.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.07.2004 Nr.30
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