bundeswehr »Gefühle sind zuzulassen!«

Vor fünfzehn Jahren endete für die Bundeswehr der Kalte Frieden. Langsam gewöhnt sie sich daran, dass Soldaten sterben können

Boostedt/Hammelburg

Der Tod verbirgt sich in einer kleinen Tabelle. Man muss die Bundesratsdrucksache 323/04 bis zur Seite 45 durchblättern. Dort, in Teil C des Anhangs zum findet sich eine Kalkulation der Kosten dessen, was gemeinhin gern »die gestiegene Bedeutung Deutschlands in der Welt« genannt wird. Mit 15 »Einsatzunfällen« pro Jahr sei zu rechnen, heißt es in der Drucksache. Zehn Soldaten im Auslandseinsatz dürften sterben, bei fünf weiteren sei eine »Minderung der Einsatzfähigkeit« zwischen 50 und 80 Prozent zu erwarten. Und dann die nüchterne Rechnung: Aus Entschädigungen und Pensionen »ergeben sich für den Bund geringfügige jährliche Mehrkosten von circa 900000 Euro«, Kosten, die »im Rahmen der Finanzplanansätze der betroffenen Einzelpläne, insbesondere des Einzelplans 33, aufzufangen« seien.

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Dass ein Soldat im Kampf sterben kann, war für die Bundeswehr bislang ein eher ungewohnter Gedanke. »Wir haben das 45 Jahre lang verdrängt«, gibt Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan zu, der oberste Soldat des Landes. Bis zum Fall der Mauer kamen deutsche Soldaten vor allem durch Autounfälle und Selbstmorde zu Tode. Bei Manövern wurde gelegentlich jemand von einem Panzer überrollt. Immer mal wieder stürzte ein Starfighter ab. Für derartige Risiken war auch das Versorgungsrecht der Bundeswehr ausgelegt.

Heute dagegen ist die Bundeswehr im permanenten Einsatz. Gut 8000 Soldaten sind derzeit im Ausland stationiert, in Bosnien, im Kosovo, in Mazedonien, in Afghanistan. Die Bundesmarine ist vor wenigen Tagen von ihrem Anti-Terror-Einsatz vor dem Horn von Afrika heimgekehrt. Bislang war jeder Auslandseinsatz gefährlicher als die vorangegangenen, und wenn im Herbst in Afghanistan gewählt werden soll, steigt das Risiko nochmals. Zehn Tote, fünf Verstümmelte im langjährigen Mittel – das offizielle Kalkül erscheint nicht abwegig. »Wir haben erstmals Soldaten, die nach einer Verwundung wieder in die Truppe kommen«, sagt Generalinspekteur Schneiderhan. »Es wird Zeit, dass wir uns überlegen, welche Dienstposten wir haben für Versehrte.« Ganz langsam erst wird klar, was der Umbau einer panzergestützten Abschreckungsarmee zur weltweit mobilen Interventionstruppe im Einzelnen heißt.

»Es hat sich alles geändert, nur die Dienstgrade sind gleich geblieben«, sagt Major Detlef Wellbrock. 1985 hat er sich zur Bundeswehr verpflichtet. Damals wusste er exakt, »wo wir stehen werden, wenn es kracht«. Wellbrock hätte den Ratzeburger See verteidigt, und er war »sicher, dass das bis zu meinem Ruhestand so bleibt«. Am Wochenende ist er öfter mit seiner Frau rausgefahren, um sich das Gelände zu verschiedenen Jahreszeiten einzuprägen.

Stationiert ist Wellbrock auch heute noch in Schleswig-Holstein. Er ist Kompaniechef des 183. Panzerbataillons in Boostedt nahe Neumünster. Doch auf dem Kasernenflur hängt eine Landkarte von Afghanistan, daneben die neueste Ausgabe der Feldzeitung des deutschen ISAF-Kontingents. »Heute ist alles unwägbar«, sagt Wellbrock. Im Jahr 2001 war er in Bosnien, vor ein paar Monaten kam er aus Kabul zurück. Wellbrock ist jetzt 38 Jahre alt, durchtrainiert, braun gebrannt, er sieht nicht aus wie jemand, den Selbstzweifel quälen. Aber natürlich habe er öfter gegrübelt, ob das noch der Dienst sei, den zu leisten er einst seinen Eid abgelegt hat. »Jeder hat sich das gefragt. Aber es war ja ein langsamer Prozess über zehn Jahre. Man hat die Möglichkeit gehabt, Schritt für Schritt mitzugehen.«

Genauso schleichend konnte sich die Öffentlichkeit an die Bilder toter Soldaten gewöhnen. Das erste Opfer war 1993 ein Sanitäter in Kambodscha – aber er wurde offenbar von gewöhnlichen Kriminellen erschossen. In Ex-Jugoslawien kam es all die Jahre lediglich zu Verkehrs- oder Minenunfällen, die so oder ähnlich auch in Deutschland hätten passieren können. Im Oktober 2001 gab es den ersten wirklich Gefallenen, einen Oberstabsarzt, dessen Hubschrauber in Georgien abgeschossen wurde – doch er war Teil einer praktisch unbekannten UN-Militärbeobachtermission. In Afghanistan starben Deutsche zuerst beim Entschärfen von Munition. Vor gut einem Jahr, am 7. Juni 2003, folgte in Kabul der schwere Anschlag auf einen Bundeswehrbus, mit vier Toten. Aber von den insgesamt 56 im Ausland gestorbenen Soldaten ist bis heute kein Einziger im offenen Kampf gegen feindliche Truppen gefallen. Im Verteidigungsministerium ist man heilfroh, dass sowohl die Intervention im Kosovo als auch der Einsatz von Spezialkräften bei der Terroristenjagd in Afghanistan ohne Verluste blieben.

Der Tod war ein Tabu, damals in den achtziger Jahren, erinnert sich Walter Sauer. Als die Mauer fiel, war er seit 22 Jahren Soldat, befehligte bereits ein Panzerbataillon, aber mit dem Tod hatte er sich bis dahin »nur am Rande« beschäftigt. »Es stand in keinem Ausbildungsplan, und deshalb wurde auch nicht darüber geredet«, sagt Sauer. Wenn damals jemand über Angst sprach, »dann galt das als Zersetzung«. Heute ist Sauer Oberst, arbeitet am Zentrum Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz und verfasst Schulungsmaterial zum Thema Verwundung und Tod. »Angst gehört unvermeidlich zum Leben«, steht da etwa. Sie soll in der Bundeswehr von heute nicht mehr verdrängt werden. »Es kommt darauf an, sich bewusst dem Thema zu stellen. Sonst läuft der Soldat Gefahr, gerade in der realen Situation von Gefühlen und Gedanken überwältigt zu werden und seine Handlungsfähigkeit zu verlieren.«

Ein bis anderthalb Prozent der Bundeswehrsoldaten kommt mit psychischen Schäden aus dem Auslandseinsatz, was im internationalen Vergleich ein guter Wert ist, aber in absoluten Zahlen jedes Jahr 100 bis 200 Betroffene bedeutet. Seit Mitte der neunziger Jahre arbeiten die Truppenpsychologen auch präventiv. Inzwischen ist allen Divisionen ein eigener Psychologe zugeteilt, bald soll jede Brigade solche Spezialisten bekommen. Vor einem Auslandseinsatz werden alle Kommandeure – vom Oberfeldwebel bis zum Oberst – am Zentrum Innere Führung geschult.

Das erste Arbeitspapier an Sauers Akademie zu Verwundung und Tod entstand 1996. Mehrmals wurde es überarbeitet, die Erfahrungen von Polizei und Feuerwehr, von israelischer und amerikanischer Armee sind eingeflossen. Das Material erläutert Werte und Tugenden, regt an zum gruppendynamischen Diskurs mit »Brainstorming« und »flexiblen Zettelwänden«. Im Anhang findet sich eine Anleitung zur »progressiven Muskelentspannung nach Jacobson«. Gelegentlich bricht doch noch der Bundeswehrton durch: »Gefühle und Emotionen gehören zu diesem Thema und sind zuzulassen!«

Ein eigenes Kapitel ist dem Überbringen der Todesnachricht gewidmet, der wohl bittersten Pflicht eines Kommandeurs. »Rechnen Sie mit mindestens einer Stunde Aufenthalt bei der betroffenen Familie, und stellen Sie sich auf nicht im Voraus zu berechnende Reaktionen ein«, lautet einer der Ratschläge. »Überbringen Sie die Nachricht erst in der Wohnung, nicht an der Tür.« Und: »Manche lächeln unbewusst aus Unsicherheit beim Überbringen einer tragischen Nachricht. Das unterläuft Ihnen nicht, wenn Sie sich dessen bewusst sind.«

Hammelburg in der bayerischen Rhön, hier trainieren die Kontingente für die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Eine Woche lang werden Geiselhaft und Patrouillenfahrten simuliert, der Umgang mit Einheimischen geübt. Ein alter Russlanddeutscher, den die Bundeswehr über eine Zeitarbeitsfirma engagierte, mimt den Bürgermeister – morgens im Pullover ist er ein Kosovo-Albaner, nachmittags mit der Fellmütze ein Afghane. Ein Lehrpfad macht die Rekruten mit Minen vertraut. Sie sehen Farbfotos von abgerissenen Unterschenkeln, dazu die Warnung: »Achte auf deine Füße! Du hast nur zwei!«

Oberst Wolfgang Krippl leitet das Zentrum. Über dem Eingang weht die Flagge der Vereinten Nationen. Drinnen sind alle Türen im hellen Blau der UN getüncht. Ohne die Einbindung in multinationale Verbände, sagt Krippl, und ohne die Gewissheit, dass jeder einzelne Einsatz im Bundestag debattiert und beschlossen wird, wären viele Soldaten nicht zum Gang ins Ausland bereit.

Erinnert sich Krippl an die achtziger Jahre, fällt ihm als Erstes das Paradox der Abschreckung ein: »Damals war die Prämisse, je besser wir ausgebildet sind, desto unwahrscheinlicher wird der Einsatz.« Heute sei für jeden Soldaten, außer für die Wehrpflichtigen, der Ernstfall »hundertprozentig wahrscheinlich«. Und er braucht Fähigkeiten, auf die Abschreckungssoldaten verzichten konnten: Risiken kalkulieren, die Kraft einteilen, sich bei Gefahr zurückziehen. Vor allem muss ein Bundeswehrsoldat heute die Rules of Engagement pauken, die Regeln zur Gewaltanwendung, die für jeden Einsatz andere sind. Und kehrt er nach sechs Monaten zurück, versteht daheim, wo die ganze Zeit tiefster Frieden herrschte, kaum jemand seine Erlebnisse.

Raucherpause in Hammelburg. Ein 30-köpfiger Trupp wartet auf die nächste Übung. In ein paar Wochen werden sie in Afghanistan sein. »Tod ist immer schlecht«, flachst ein junger Feldwebel. »Besonders der eigene.« Klar, ab und zu denke man daran. Aber mehr sorgt er sich davor, monatelang mit Kameraden auf engstem Raum zusammenzuleben. 92 Euro Auslandszulage gibt es pro Tag, insgesamt 18000 Euro – genug für einen gebrauchten BMW oder die Finanzierung des späteren Studiums.

»Wir können niemanden zum Nachdenken zwingen«, sagt Bundeswehrpsychologin Katharina Appel. »Wir legen den Leuten nahe, bestimmte Dinge zu tun, ein Testament zu schreiben etwa.« Wenn Menschen ihren letzten Willen niederlegen, sagt auch Johannes Strobl, der als Militärseelsorger in Hammelburg arbeitet, »tut sich etwas Wesentliches. Sie lassen zu, dass es Wirklichkeit werden könnte.« Das Schulungsheft des Zentrums Innere Führung enthält eine regelrechte Checkliste, die vor einem Auslandseinsatz abgearbeitet werden sollte. »Eine Aufstellung der vertraglichen Verpflichtungen, z. B. Abonnements, Bankkonten, Kfz-Versicherung/-steuer, Vereinszugehörigkeiten etc. erleichtert es den Hinterbliebenen, fristwahrend die Vertragsverhältnisse zu beenden.« Das Schwierigste ist für viele Soldaten die Formulierung einer Pflegevollmacht. Eine Verwundung fürchten sie mehr noch als den Tod. Der Gedanke, sie könnten auf Hilfe angewiesen sein, scheint für die starken Männer fast unerträglich.

Am 7. Juni 2003 explodierte neben einem Bus mit 33 deutschen Soldaten auf dem Weg zum Flughafen Kabul eine Autobombe. Vier Männer starben, sechs erlitten schwerste Verletzungen. Einer verlor ein Auge, ein anderer ein Bein, praktisch alle haben Gehörschäden davongetragen. Viele sind bis heute traumatisiert, wachen mitten in der Nacht auf, die Schreie, das Blut, die zerfetzten Kameraden gehen einfach nicht aus dem Kopf. Zwei Jahre früher, als in Georgien der erste deutsche Soldat fiel, war das Verteidigungsministerium noch überrumpelt. »Es gab keine Ablaufpläne. Niemand wusste, wo es Särge gibt, wo Flaggen«, erinnert sich Dietlinde Riedel, die oberste Psychologin des Heeres. Im Fall Kabul lief die Versorgungsmaschinerie bereits beinahe reibungslos. Die Trauerfeier für die Opfer – schlicht und ohne jedes Heldenpathos – war für Generalinspekteur Schneiderhan schon die zweite seiner kurzen Amtszeit.

Das neue Versorgungsgesetz, das im Herbst beschlossen werden soll, wird rückwirkend und also auch für die Opfer von Kabul gelten. Damit dürften die demütigenden Verfahren, denen sich Verletzte und Hinterbliebene bisher zu unterziehen hatten, Vergangenheit sein. Es gab Fälle, wo einer Witwe vorgehalten wurde, ihr Mann sei nicht durch einen »bewussten Lebenseinsatz« zu Tode gekommen. Ein anderes Mal musste ein minenversehrter Soldat mit der Wehrverwaltung um jeden Haltegriff in seinem Badezimmer feilschen. Das neue Gesetz gewährt Pensionen großzügiger. Zusätzlich erhalten Verwundete – unabhängig vom Dienstgrad – einmalig 80000 Euro. Diese Entschädigung gab es früher erst bei 80-prozentiger, nun bereits bei einer 50-prozentigen »Minderung der Einsatzfähigkeit«. Fünfzig Prozent sind ein abgerissener Unterschenkel, die typische Minenverletzung und einer der wahrscheinlichsten Unfälle für UN-Soldaten.

»Wie die zweite Seite einer Medaille«, heißt es in Drucksache 323/04 zur Begründung des neuen Gesetzes, »bedingt der Entschluss zu einer Übernahme vermehrter Verpflichtungen nach außen auch eine gesteigerte Verantwortung des Staates im Innenverhältnis gegenüber den Personen, die den deutschen Staat im Auslandseinsatz repräsentieren.«

Ein ganzes Jahrzehnt hat die Republik für diese Einsicht gebraucht.

 
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