"Die Einbahnstraße als Sackgasse" - kurz vor seinem Tod schrieb Erich Kästner diese Worte flüchtig auf ein Stück Papier. Als ihn seine Lebensgefährtin auf den Sinn der rätselhaften Nachricht ansprach, antwortete er, dass das die von den Deutschen in kritischen Zeiten bevorzugte Marschroute sei. Wenige Wochen später, 29. Juli 1974, starb der große Satiriker und Kinderbuchautor.

Kästner waren die Sackgassen der deutschen Geschichte nur allzu vertraut. Lange vor der nationalsozialistischen Machtergreifung entlarvte er die typisch deutschen Tugenden - Pflichterfüllung, unbedingter Gehorsam, grenzenloses Vertrauen in die Obrigkeit - als Ausprägungen militaristischer Großmannssucht. "Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?", fragte er 1928 in seinem berühmtesten Gedicht. "Du kennst es nicht? Du wirst es kennen lernen." Europa lernte es kennen. Im "Stahlgewitter" (Ernst Jünger) der Materialschlachten des Ersten Weltkrieges, im Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht in Polen und Russland. Der heroische Tod fürs Vaterland entpuppt sich in den Gedichten Kästners als sinnloses Verrecken - ganz gleich, ob das Schlachtfeld Stalingrad oder Verdun hieß.

Da liegen wir den toten Mund voll Dreck.
Und es kam anders als, wir sterbend dachten.
Wir starben. Doch wir starben ohne Zweck.
Ihr lasst euch morgen, wie wir gestern, schlachten.

Bereits zu Zeiten der Weimarer Republik erkennt Kästner die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus und gießt seine Abscheu vor den braunen Kneipenschlägern in Verse voll beißendem Spott. Die verführerische Kraft der tumben Nazi-Parolen verkennt er allerdings dabei.

Ihr liebt den Haß und wollt die Welt dran messen.
Ihr werft dem Tier im Menschen Futter hin,
damit es wächst, das Tier tief in euch drin!
Das Tier im Menschen soll den Menschen fressen.

Ihr wollt die Uhrzeiger rückwärts drehen
Und glaubt das ändere der Zeiten Lauf.
Dreht an der Uhr! Die Zeit hält niemand auf!
Nur eure Uhr wird nicht mehr richtig gehen.
 
Diktaturen haben ein gutes Gedächtnis: Am 10. Mai 1933 verbrennen SA und Studenten auf dem Berliner Opernplatz neben Büchern Schnitzlers, Tucholskys, Freuds, Thomas und Heinrich Manns auch die Werke von Erich Kästner. Der beobachtet den "Geiselmord an der Literatur", die Vernichtung der kulturellen Identität des humanistischen Deutschlands als einer von vielen unter den zumeist jubelnden Zuschauern. Insgeheim mag Kästner an Heinrich Heine gedacht haben, der im "Almansor" schrieb, dass dort wo man Bücher verbrennt, am Ende auch Menschen verbannt werden.

Es folgen Berufs- und Publikationsverbot für den unliebsamen Literaten. Zwei Mal wird Kästner von der Gestapo verhaftet. Von einigen harmlosen Unterhaltungsromanen abgesehen,  ist der Dichter des "Fabian" (1932) nun zum Schweigen verurteilt. Die Zeit für unbesonnenes Heldentum glaubt Kästner lange vorbei: "Der Held ohne Mikrophone und ohne Zeitungsecho wird zum tragischen Hanswurst. Seine menschliche Größe, so unbezweifelbar sie sein mag, hat keine politischen Folgen. Er wird zum Märtyrer. Er stirbt offiziell an Lungenentzündung. Er wird zur namenlosen Todesanzeige."
Frühere Weggefährten und Freunde bezahlen ihre menschliche Größe mit dem Tod.

Doch Kästner wird verschont. Das Propagandaministerium hat erkannt, dass der Dichter von "Drei Männer im Schnee" (1934) von Nutzen sein kann. Die militärische Lage an den Fronten Europas wird immer aussichtsloser. Die Wehrmacht gerät überall in die Defensive und alliierte Bomber legen deutsche Städte in Schutt und Asche. Um die Heimatfont bei Laune zu halten produzieren die Filmstudios in Babelsberg seichte Komödien und Revuefilme. Hierfür brauchen sie Drehbuchautoren. Kästner kommt das zweifelhafte Privileg zu, zum  fünfundzwanzigjährigen Bestehen der Ufa das Drehbuch für den Farbfilm "Münchhausen" zu schreiben.

Der Film feiert 1943 Premiere. Den Namen "Kästner" sucht der aufmerksame Zuschauer aber im Vorspann vergebens. Der Grund: in einer Privatvorführung hatte Hitler bereits vorab Szenen "Münchhausens" gesehen. Als er hörte, wer das Drehbuch verfasst hatte, bekam er einen seiner berüchtigten Tobsuchtsanfälle. Welch Blöße für den Diktator, wenn ein Satiriker und bekennender Moralist bei einem der prestigeträchtigsten Projekte der NS-Kulturpolitik die Feder führt!

Der Zusammenbruch des Nazi-Regimes zwei Jahre später gab Kästner die Möglichkeit, am moralischen und kulturellen Wiederaufbau Deutschlands mitzuwirken. Häuser und Infrastruktur lassen sich leicht erneuern, doch wie etabliert man in einem Land, in dem die Freiheit nie heranreifte, in dem sie "grün blieb", wie es Kästner einmal formulierte, freiheitliches Denken und demokratische Werte? Mit der Restauration der alten kleinbürgerlich-spießigen Ordnung und der Debatte über die deutsche Wiederbewaffnung in den fünfziger Jahren meldete sich auch der Satiriker Kästner erneut zu Wort. Frisch war die Erinnerung an die größte Sackgasse der deutschen Geschichte und stark das Verlangen, den Einbahnstraßen in den Köpfen mit Hohn und Spott zu begegnen. Nur den großen Roman über das Dritte Reich, den die Öffentlichkeit nach 1945 von ihm erwartet, sollte Kästner nie schreiben. Die Waffen des Satirikers sind die Karikatur und die Parodie. Jedoch werden diese Waffen stumpf, wenn sich die Wirklichkeit der Satire entzieht. Die Gräuel des Krieges, die Gaskammern von Treblinka und Auschwitz sind mit ihnen nicht darstellbar.

Um so mehr galt es, das Augenmerk auf die noch junge Bundesrepublik zu richten. In sie setzte Kästner - trotz allen berufsbedingtem Pessimismus -  die Hoffnung auf ein friedliches Morgen. Denn, so Kästner, "Satiriker sind Idealisten. Im verstecktesten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern und trotz allem Unfug der Welt die törichte, unsinnige Hoffnung, dass die Menschen vielleicht doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser werden könnten, wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht."